Industrie 4.0: Kooperation statt Konkurrenz

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Auf der einen Seite fehlen Ressourcen und oft der Mut, etwas Neues auszuprobieren. Auf der anderen Seite mangelt es an Erfahrung und an Geld. Doch wenn Mittelstand und Startups zusammenfinden, kann Großes entstehen.

Das Sortieren gebogener Aluminiumröhrchen ist eine zeitaufwendige Aufgabe. Als Reinhold Ziewers, Geschäftsführer des Maschinenbauers ASS in Overath bei Köln, Arbeiter dabei beobachtete, wie sie diese Vorarbeit für einen Roboter erledigten, fasste er einen Entschluss: “Unsere Roboter müssen sehen lernen!”

Ziewers, dessen Unternehmen ASS seit 30 Jahren Hände und Greifarme für Roboter baut, machte sich auf die Suche nach einem Anbieter von 3D-Kameras und Systemen für industrielle Bildverarbeitung. Bei der Firma Isra Vision in Darmstadt wurde er fündig. Die beiden Mittelständler taten sich zusammen, ASS programmierte die Schnittstelle zwischen Kamera und einem Yaskawa-Roboter und entwickelte eine neue Greifhand.

Nach sechs Monaten Kooperation war die Innovation fertig, seit Ende 2018 ist sie bei der S.M.A. Metalltechnik in Backnang, einem Spezialisten für hochdichte Leitungen, im Einsatz. Gebraucht werden diese Leitungen unter anderem in Klimaanlagen für die Automobilindustrie. Ziewers: “Der Roboter greift sich aus dem Schüttgut im Transportbehälter die Einzelstücke und legt sie in die Zuführeinrichtung der Werkzeugmaschine. Der Prozess ist nun vollautomatisiert und damit Basis für die Produktion im Rahmen von Industrie 4.0.”

Damit kann das Sortieren und Einsetzen der Röhrchen jetzt auch exakt nachverfolgt werden. Unternehmen können so internationale Zertifizierungsanforderungen erfüllen. Das kommt Ziewers bei seinem Tochterunternehmen in den USA zugute. “Unsere Kunden können dokumentieren, dass wir in den Vereinigten Staaten nach den gleichen Kriterien produzieren wie hierzulande.” 

Kooperation empfohlen

Neue Geschäftsmodelle brechen bestehende Strukturen auf, neue digitalisierte Produkte und Dienstleistungen verändern Märkte. Für Mittelständler ist das oft eine nur schwer zu bewältigende Aufgabe. Eine mögliche Lösung ist eine Kooperation auf digitalem Feld mit einem anderen mittelständischen oder kleinen Betrieb.

Das “Bin Picking”-Projekt von ASS (150 Mitarbeiter) und Isra (680 Mitarbeiter) ist dafür ein Beispiel, sagt Peter Russo, Leiter Innovation bei der Beratungsgesellschaft Goetzpartners: “Die Entwicklung neuer Produkte oder Dienstleistungen wird vereinfacht, wenn man die unterschiedlichen Stärken von zwei oder mehr Unternehmen bündelt.”

Für Reinhold Ziewers, den Geschäftsführer von war schnell klar: “Unsere Roboter müssen sehen lernen!”

Auch die Wissenschaftler des Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft (HIIG) halten viel von Zusammenarbeit. Insbesondere gemeinsame Projekte von Mittelständlern und Startups seien “für die deutsche Wirtschaft von großer Bedeutung”, betont Martin Wrobel, einer der Autoren einer HIIG-Studie. Die Pluspunkte lägen auf der Hand: “Die Mittelständler verschaffen sich Zugang zu neuen Technologien und können innovative Geschäftsmodelle entwickeln, die Startups wachsen schneller, weil sie erste Referenzen und Zugang zu den Kunden- und Vertriebsnetzen der Etablierten gewinnen.” 

Wichtig: Klare Definitionen

Vorbereitung sei das A und O bei solchen Kooperationen, weiß Peter Russo. Dazu gehöre, dass die Partner ihre Erwartungshaltungen abgleichen. Das bestätigt Reinhold Ziewers: “Aufgaben und Ziele müssen klar definiert sein, nur dann ist ein gemeinsamer Projektstart sinnvoll.”

ASS will seine Innovation vielen Unternehmen verkaufen, Isra verdient an jedem Deal mit. Die Projekt-Investition von etwa 200.000 Euro hat die Förderbank der Indus Holding, zu der ASS gehört, mitfinanziert. Damit können Betriebe wie ASS im Innovationswettlauf mitmischen. Ziewers: “Diese Möglichkeit und das Netzwerk der 45 Beteiligungsfirmen stärken uns als Mittelständler, gegen die Großen zu bestehen.” 

Angst vor Cyberangriffen

Der mittelständische Schulterschluss ist nicht selbstverständlich. Laut einer Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom haben mehr als 60 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Deutschland keinen Kontakt mit Startups. Allerdings steigt die Häufigkeit der Zusammenarbeit mit der Größe des Mittelständlers. “Angst vor Sicherheitslücken ist oft der Grund für solches Zögern”, weiß Philipp Durz, Datensicherheitsexperte beim Beratungsunternehmen DXC Technology in Böblingen.

Trotzdem beobachtet er im Maschinenbau und in der Dienstleistungsbranche eine starke Bereitschaft, mit Partnerunternehmen Digitalisierungsprojekte zu stemmen. “Je stärker der Wettbewerbsdruck, desto größter das Bedürfnis, sich mit neuen digitalen Geschäftsmodellen von der Konkurrenz abzusetzen.”

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Durz hat gerade für Maschinenbauer eine Sicherheitsplattform auf den Weg gebracht, um den Zweiflern den Wind aus den Segeln zu nehmen – Stichwort: Industrie 4.0. Für die automatisierte Wartung von Maschinen zum Beispiel entstehen viele neue Schnittstellen. Durz: “Jede zusätzliche Schnittstelle ist ein Risikofaktor.” Deshalb werden umfassender Schutz der Netzwerkübergänge und eine kontinuierliche Überwachung des Produktionsnetzwerkes immer wichtiger.

Viele Systeme seien aufgrund ihres Alters “verwundbar”, warnt Durz. Dagegen hat er gemeinsam mit dem israelischen Startup Cyber X einen Schutz entwickelt. Produktionsnetzwerke werden nach Schwachstellen durchsucht und gleichzeitig überwacht. Die Produktionsumgebung wird neu und vor allem sicher konfiguriert. So können Angriffe abgewehrt werden. “Ein Mittelständler, der sich so absichert, ist gleichzeitig für weitere Kooperationen vermittelbar”, resümiert Durz.

Wie in der Disco

Manchmal holt sich ein Mittelständler ein Startup ins Haus, weil er das, was er ändern will, nicht alleine kann. So geschehen beim Logistikdienstleiter Hellmann: Um eine Online-Bestellung versandfertig zu machen, brauchte das Unternehmen früher Scanner, an denen die Mitarbeiter ablasen, in welchen Karton sie die Ware zu legen hatten. Das kostete Zeit.

Und wenn er erst “sehen” kann, dann kann “Kollege Blecharm” auch Schrauben sortieren. Und viel, viel Geld sparen …

2017 lernten die Osnabrücker über die städtische Uni die Gründer des Startup Symbic kennen, die gerade überlegten, wie man die Lichttechnik aus Diskotheken in der Logistik nutzen könnte. Nach einem Jahr Forschung, Entwicklung und vielen Meetings von Technikern und Intralogistikexperten stand das System Logistic Lights.

Der Clou: Greift ein Mitarbeiter sich heute einen Artikel, führt ihn ein Lichtstrahl, der von einem Spot an der Decke kommt, zu dem Karton, in den das Stück gehört. Hellmann-COO Robert Bommers: „Wir haben damit eine Zeitersparnis von fünf Sekunden pro kommissionierten Artikel erreicht.” Macht bei täglich 20.000 Stück 27 Arbeitsstunden weniger.