Deutscher Buchpreis 2018 geht an Inger-Maria Mahlke

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Die Autorin Inger-Maria Mahlke gewinnt den diesjährigen Deutschen Buchpreis. Er gilt als wichtigster Branchenpreis. In ihrem Roman geht es um die Geschichte einer Familie auf Teneriffa – in ihrer Dankesrede um Joghurt.

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Inger-Maria Mahlke: “Archipel”

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Inger-Maria Mahlke: “Archipel”

Mit dieser hochdotierten Auszeichnung kürt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels jedes Jahr zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den besten deutschsprachigen Roman des Jahres. Die Gewinnerin Inger-Maria Mahlke kann sich nicht nur über die Auszeichnung, sondern auch über ein Preisgeld von 25.000 Euro freuen.

Die Laudatorin lobte das Werk von Inger-Maria Mahlke für die genaue und stimmige Erzählweise und die “schillernden Details”, die in dem Erzählfluss des Romans eingebaut sind. 

Mahlke erinnerte in ihrer kurzen Dankesrede an die Bedeutung von Literatur: “Ich möchte allen danken, die wissen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Büchern und Joghurt”. Denn Literatur ermögliche Lesern eine existenzielle Erfahrung zu machen.

Hier ein Einblick in den prämierten Roman “Archipel” von Inger-Maria Mahlke: 

“Es ist der 9. Juli 2015, vierzehn Uhr und zwei, drei kleinliche Minuten, in La Laguna, der alten Hauptstadt des Archipel, beträgt die Lufttemperatur 29,1 Grad, um siebzehn Uhr siebenundzwanzig wird sie mit 31,3 Grad ihr Tagesmaximum erreichen. Der Himmel ist klar, wolkenlos und so hellblau, dass er auch weiß sein könnte.”

Der ausgezeichnete Roman: “Archipel”

Der Roman beginnt im Jahr 2015 und erzählt über mehrere Generationen hinweg – immer weiter zurückschreitend – eine Familiengeschichte auf der Kanareninsel Teneriffa. Dort und in Lübeck wuchs die 1977 in Hamburg geborene Autorin und Kriminologin Inger-Maria Mahlke auf. In ihrem Roman unternimmt sie eine Jahrhundertreise, mit vielen liebevollen Details und einem Beginn, der an den von Musils “Mann ohne Eigenschaften” erinnert.

Mahlkes Tonfall bleibt lakonisch distanziert. Spanische und kanarische Begriffe durchsetzen reizvoll die Sprache des Romans, in dem sie von der auf die Insel zurückgekehrten Rosa und ihrem Großvater Julio erzählt. Berichtet wird von den Umbrüchen und Verwerfungen seines Jahrhunderts, dem Bürgerkrieg, in dem er ein Kurier der Partisanen und Gefangener der Faschisten war. 

Jetzt, als alter Mann, hütet er die Pforte eines Altenheims. Da gibt es eine schlichte Frau ohne Namen, die alle nur “die Katze” nennen. Und da sind die einst einflussreichen Bernadottes und der Kontrast zwischen großbürgerlich-kolonialem Leben und dem der kleinen Leute. Die Bautes und Wieses, Moores und González’ – ein Personenverzeichnis am Ende des Buchs hilft, den Überblick zu behalten.

Inger-Maria Mahlke erzählt nicht chronologisch. Sie wechselt häufig die Perspektive, springt von den privaten Tragödien ihrer Felipes und Anas in die Historie – und erschafft so einen ästhetisch reizvollen, von der Peripherie her erzählten Roman der Geschichte Europas des 20. Jahrhunderts. 

Inger-Maria Mahlke: Archipel, Rowohlt Verlag, 432 Seiten

 

Die Jury

Die Jury des Deutschen Buchpreises 2018: Christine Lötscher, Paul Jandl, Marianne Sax, Christoph Bartmann, Tanja Graf, Uwe Kalkowski, Luzia Braun (v. l. n. r.)

Neben der Züricher Literaturkritikerin Christine Lötscher sind sechs weitere Kulturbeobachter und Literaturfachleute in der Jury 2018: Christoph Bartmann, Leiter des Goethe-Instituts Warschau, die Kulturjournalistin und TV-Moderatorin (“Aspekte”/ZDF) Luzia Braun, Tanja Graf, frühere Verlegerin und Leiterin des Literaturhaus München, der Herausgeber des Literaturblogs “Kaffeehaussitzer” Uwe Kalkowski, der Literaturkritiker Paul Jandl und Schweizer Buchhändlerin Marianne Sax.

Die Deutsche Welle ist Medienpartner des Deutschen Buchpreises.

Die Finalisten

199 Titel hat die Jury für den wichtigsten deutschen Literaturpreis gewälzt, gelesen, begutachtet. 20 Werke haben es schließlich auf die Longlist geschafft. Zum ersten Mal in der Geschichte des Deutschen Buchpreises, der seit 2005 vergeben wird, standen mehr Werke von Autorinnen als von Autoren auf der Long- und ebenfalls auf der Shortlist.

Zu den sechs Finalisten, von denen sich die fünf Verlierer wenigstens über ein Preisgeld von je 2500 Euro freuen dürfen, zählten dieses Jahr noch folgende Romane:

Maxim Biller: “Sechs Koffer”

Das sollte man wissen, ehe man Maxim Billers relativ kurzen Roman “Sechs Koffer” in die Hand nimmt: Biller wurde als Kind russisch-jüdischer Eltern 1960 in Prag geboren. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1970 emigrierte seine Mutter Rada mit ihm, dem Vater und der Schwester, der späteren Journalistin und Schriftstellerin Elena Lappin, nach Westdeutschland. 

Maxim Biller

Billers Roman erzählt von der Flucht einer Familie und davon, was ein – in diesem Fall sogar wiederholter – Neuanfang in der Fremde und eine zurückgelassene, ungeklärte Geschichte mit ihren Mitgliedern macht. Die Familiengeschichte von Biller hat ein zentrales Geheimnis, erzählt in 6 Kapiteln und in 6 Wahrheiten: Wer hat den Großvater 1960 an den sowjetischen Geheimdienst verraten?

“Wer, glauben Sie, ist denn nun wirklich schuld am Tod Ihres Großvaters”, fragt die NDR-Redakteurin mit dem “dünnen neugierigen und, wie Jelena fand, leider auch ziemlich deutschen Mund” am Ende des Buches.

Ein junger Mann jüdisch-russischer Abstammung versucht das vom Westen her, in Zürich herauszufinden – in sechs Kapiteln mit sechs wechselnden Perspektiven. Schlaglichtartig, mit irrwitzigen Pointen, lässt sich das Buch als Kriminalroman lesen. Aber es stellt auch eine große moralische Frage: Wie kann man dem langen Schatten des Totalitarismus entkommen?

Maxim Biller: “Sechs Koffer”, Kiepenheuer & Witsch 2018, 201 Seiten

 

Zwei Autorinnen sind bei den Nominierten für die Endrunde dabei, deren Muttersprache nicht Deutsch ist: Nino Haratischwili aus Georgien und María Cecilia Barbetta aus Argentinien.

María Cecilia Barbetta: “Nachtleuchten”

“Die Fakten, die in diesem Land geschaffen werden, schieben die Grenzen des Vorstellbaren immer ein Stück weiter hinaus, so dass unsereins sich permanent was einfallen lassen muss’, kommentierte der Redakteur des ballester lokalanzeigers versonnen.” 

María Cecilia Barbetta

Um historische Fakten und Ereignisse geht es auch in María Cecilia Barbettas Roman über Argentinien zur Anfangszeit der Militärdiktatur, 1974/75. Das Buch handelt vom Leben der kleinen Leute, die in Autowerkstätten und Friseursalons die den Umbruch der politischen Verhältnisse diskutieren. Weit ausgreifend, mit umfangreichem Personal schildert die 1972 in Buenos Aires geborene Autorin die Atmosphäre im von Einwanderern geprägten Stadtteil Ballester. Eine fluoreszierende Madonna, verschwindende Katzen, eine schöne Nonne und eine junger Detektiv spielen eine entscheidende Rolle. Rätsel werden nicht aufgelöst, manche Erzählstränge sind nur leichthin lose miteinander verbunden.

Barbetta hat in Buenos Aires die Deutsche Schule besucht und später auch Deutsch studiert. Seit 22 Jahren lebt und arbeitet sie in Berlin. “Ich liebe es, auf Deutsch zu schreiben”, erklärte sie in Interviews. Ihre Erzählung lebt von ihren eigenen Erinnerungen an das Stadtviertel, in dem sie aufgewachsen ist. Aus der Distanz erschafft sie in ihrer Geschichte auf mehr als 500 Seiten voller Sprachwitz ein flirrendes Panorama dieser eigentlich doch so schweren Zeit der argentinischen Militärdiktatur.

María Cecilia Barbetta: “Nachtleuchten”, S. Fischer-Verlag 2018, 528 Seiten

 

Nino Haratischwili: “Die Katze und der General”

Auch die Regisseurin und Autorin Nino Haratischwili wurde nicht in Deutschland geboren, sondern 1983 in Tiflis, Georgien. Heute lebt sie in Hamburg. Wie ihre Kollegin Barbetta schreibt sie ihre Prosatexte und Theaterstücke in deutscher Sprache. Und es gibt auch Verbindendes zu den anderen Titeln der Shortlist 2018: Haratischwili blickt zurück – in die Abgründe, “die sich zwischen den Trümmern des zerfallenden Sowjetreichs aufgetan haben”, so der Klappentext des Verlags.

Nino Haratischwili

Es geht um die Geschichte des russischen Oligarchen Alexander Orlow, von allen nur “der General” genannt, um die ewige Frage von Schuld und Sühne und um die unmenschlichen Mechanismen des Kriegs. 

“Es war unmöglich, diesem Mann zu trauen, dazu trug er zu viel Verzweiflung, zu viel Selbsthass, zu viel Verachtung in sich. Er würde sich qualvoll entladen müssen, und niemand war vor dieser Entladung sicher.”

Haratischwilis Erzählung führt zurück ins Jahr 1994, ihre Heldin ist 17 Jahre alt. Im Nordkaukasus ist die junge Tschetschenin Nura vergewaltigt und ermordet worden. Die Schuld bleibt ungesühnt. Erst in Berlin ist die Zeit der Abrechnung gekommen. Nino Haratischwilis Roman liest sich mit seinen kurzen, klaren Sätzen wie ein Thriller. Die eigentliche Tragödie und die moralische Dimension eröffnen sich lediglich in der Umkehrung der stilistischen Untertreibung. 

Nino Haratischwili: “Die Katze und der General”, Frankfurter Verlagsanstalt, 750 Seiten

 

Susanne Röckel: “Der Vogelgott”

Der Vogelgott ist ein nach Aas stinkender Geier, aber seinen Anhängern erscheint er als machtvoller und verehrungswürdiger Gott. Auch die Kultjünger selbst sind ein bisschen vogelähnlich. Entdeckt und auch erlegt – was nur in der Rückschau deutlich wird – hat ihn der Lehrer und Vogeljäger Konrad Weyde, irgendwo in den Falten der zivilisierten Weltkarte, in einem unwirtlichen, heruntergekommenen Dorf. Weye hinterlässt ein unveröffentlichtes Manuskript, das die düstere Macht des Vogels bezeugt: 

“Ja, ich würde verschwinden – und mit mir meine Kinder und deren Kinder -, vom Licht vergessen, würden unsere Konturen sich auflösen, unsere Körper würden mit dem Schatten der Erde verschwimmen, und die Finsternis des Universums würde uns aufsaugen und verschlucken – dieser Gott aber, dessen Machtbefugnis ich nicht mehr bezweifeln konnte, er würde bleiben…”

Susanne Röckel

Röckel beschreibt nach diesem Prolog die Begegnung mit dem Vogelgott aus den unterschiedlichen Perspektiven von Weyes drei Kindern. Auf ganz verschiedene Weise erliegen sie dem Sog des mythischen Wesens, sind fasziniert von seinem Kult.

Der gescheiterte Medizinstudent Theodor folgt ihm in eine nicht genau verortete, elende Gegend, die ehemalige britische, einst bei Touristen beliebte Kronkolonie Aza. Doch statt Kindern in Aza-Town helfen zu können, wird er vom Geschehen ferngehalten. Nach einem Blutrausch endet er im Irrenhaus. 

Seine Schwester, die Künstlerin Dora, verliert sich an ein Altarbild, “Die Madonna mit der Walderdbeere”, in dem sie ein früheres Massaker dieses Kults um den Vogelgott zu entschlüsseln sucht. Der Journalist Lorenz schließlich deckt auf, welche Macht die Anhänger des Vogelgottes heute noch besitzen.

Susanne Röckel entführt die Leser in ihrem Roman in eine düstere, geheime Welt. Doch diese mysteriöse Welt mit ihrer befremdenden Gewalt und Naturfeindlichkeit erscheint am Ende unserer Gegenwart immer ähnlicher.

Susanne Röckel: Der Vogelgott, Jung und Jung Verlag, 272 Seiten

 

Stephan Thome: “Gott der Barbaren”

Diesen Roman konnte nur ein Sinologe schreiben. Stephan Thome studierte Philosophie, Religionswissenschaft und Sinologie und lebt und arbeitet seit 2005 in Taiwans Hauptstadt Taipeh. Er ist in der chinesischen Geschichte und Kultur sehr zuhause. Seine bisherigen Romane, von denen zwei auch schon für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert waren, spielten bislang immer in Deutschland, in seiner hessischen Heimat. Für seinen neuen Roman hat er sich von der Geschichte seiner Wahlheimat China inspirieren lassen.

Mit den Opiumkriegen 1840-42 begann die halbkoloniale Abhängigkeit Chinas. Das britische Königreich erzwang die Öffnung der Häfen und überflutete das Land mit Opium. Die chinesische Silberwährung floss ab – das chinesische Reich verarmte. Im zweiten Opiumkrieg 1860 unterwarfen die Engländer China noch mehr. Es ist eine faszinierende Geschichte, dass sich gleichzeitig im Inneren des Landes eine christlich und egalitär motivierte Rebellion gegen das Kaiserhaus erhob. Angeführt wurde sie vom Mystiker Hong Xiuquan. Er wollte ein Reich mit utopischen Zügen schaffen, ein Himmelreich auf Erden: das “Taiping Tianguo”. Der Taiping-Aufstand wurde in jahrelangen Kämpfen von der Qing-Armee niedergeschlagen. Er forderte zig Millionen Opfer.

Stephan Thome

Stephan Thome benutzt diese historische Szenerie als dokumentarische Folie für seinen fesselnden Roman. Viele seiner Figuren sind historisch belegt. Die anderen, fiktiven sorgen für Atmosphäre: Sein Held, der junge deutsche Missionar Philipp, der 1850 eher zufällig nach China aufbricht und als Fei-Li-Pu dort bleibt, schließt sich den Aufständischen an. Doch seine Hoffnung auf eine bessere Welt werden enttäuscht, er flieht gemeinsam mit einem anderen Missionar:

“‘Gott der Gerechtigkeit und der Mutigen’, sprach der Missionar laut. ‘Weil du es befiehlst, verlassen wir die Stadt, die das neue Jerusalem hätte werden sollen und das neue Sodom wurde. Der hier herrscht, nennt sich dein Sohn und ist in Wahrheit der, von dem es heißt: Alle seine Götzen sollen zerbrochen und sein Hurenlohn soll mit Feuer verbrannt werden. So treffe denn dein heiliger Grimm die Stadt und töte, was darinnen ist, Unzucht, Habsucht, böse Begierde und Götzendienst.'”

Thome gelingt ein China-Historienroman voller Gefühle, Stimmungen, Farben und Gerüche, ohne einen exotistischen Blick. Er projiziert nicht von außen, sondern erzählt von innen und ohne den Wunsch, kitschige Erwartungen zu erfüllen.

Stephan Thome: Gott der Barbaren, Suhrkamp, 720 Seiten

Im vergangenen Jahr erhielt Schriftsteller Robert Menasse den Deutschen Buchpreis.