Private Retter “nicht die Antwort auf das Problem”

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Zu wenig Nahrung und Trinkwasser – und jetzt kommt noch eine Schlechtwetterfront: Die Lage auf dem Flüchtlings-Rettungsschiff “Aquarius” ist angespannt, sagt SOS Mediterranee-Sprecherin Jana Ciernioch der DW.

Deutsche Welle: Das Rettungsschiff “Aquarius” der Hilfsorganisationen SOS Mediterranee und Ärzte ohne Grenzen ist mit über 600 Flüchtlingen seit Tagen unterwegs. Nachdem Italien die Aufnahme verweigert hatte, darf es nun in Spanien anlegen. Wann hatten Sie zuletzt Kontakt mit Ihren Kollegen auf der “Aquarius”? 

Jana CierniochMittwochnachmittag. Sie sind gerade auf dem Weg nach Valencia in Spanien, in Begleitung der italienischen Küstenwache, die einen Teil der über 600 Geretteten übernommen hatte. Wir bereiten uns gerade auf eine Schlechtwetterfront mit bis zu vier Meter hohen Wellen vor. Die Mannschaft versucht das Deck so abzudecken, dass die Menschen nicht komplett nass werden. 

Wir müssen uns jetzt vor allem um die sanitäre Lage an Bord kümmern. Das heißt, die Menschen müssen sich auch waschen können, sie sind ja schon mehrere Tage an Bord.

Lebensmittel für die Menschen auf der “Aquarius”: “Wir sind kein Versorgungsschiff”

Wir haben auch nicht genug Vorräte für die nächsten drei Tage. Das ist die Zeit, die wir vermutlich bis nach Valencia brauchen. Das heißt, wir werden wohl nochmal von einem Schiff versorgt werden müssen; von wem genau, wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Aber für unsere Crew ist jetzt das Wichtigste, diese drei Tage Fahrt nach Valencia gut zu überbrücken. 

Die Krise um den Verbleib der über 600 Geretteten hat sich inzwischen zu einem internationalen Streit entwickelt. Doch zunächst geht es ja auch um die verzweifelten Menschen an Bord: Wie fassen die Flüchtlinge an Bord die Lage denn auf? 

Etwas besser. Einige der Geretteten wurden jetzt an Schiffe der italienischen Küstenwache übergeben. Es war klar, dass es zu gefährlich ist, mit so vielen Menschen mehrere Tage lang durch eine Schlechtwetterfront nach Spanien zu fahren. Da hat sich die Stimmung etwas entspannt. Aber für die Geretteten war es dennoch eine schwierige Situation, so lange auf See ausharren zu müssen und nicht zu wissen, was jetzt passiert und wann sie tatsächlich in einem sicheren Hafen ankommen.

Fast 30.000 Flüchtlinge hat die “Aquarius” schon in Sicherheit gebracht

Die Menschen, die wir an Bord haben, haben davor längere Zeit in Libyen verbracht, wo sie schon keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hatten. Auch die sanitäre Lage in den Internierungslagern in Libyen ist katastrophal. Das heißt: Sie hatten schon eine extrem entbehrungsreiche Zeit hinter sich – und die vergangenen Tage haben die Situation für sie nicht besser gemacht. 

Es hieß, es wären auch schwangere Frauen und Kinder an Bord. Sind sie immer noch auf der “Aquarius” oder wurden sie auf andere Schiffe verlagert? 

Die Menschen, die medizinisch betreut werden müssen und auch die schwangeren Frauen sind bei uns an Bord geblieben. Mit unseren Partnern von Ärzte ohne Grenzen an Bord können wir eine bessere Versorgung als auf den italienischen Schiffen garantieren. 

Was bedeutet denn jetzt diese Fahrt nach Valencia für Sie als Organisation? 

Für uns ist diese lange Fahrt eine enorme finanzielle Belastung. Wir fahren drei Tage lang mit zwei Motoren fast auf höchster Geschwindigkeit. Das werden wir sicherlich nicht mehrmals stemmen können. Außerdem haben wir an Bord keine ausreichende Nahrung. Normalerweise haben wir soviel Essen, dass wir Menschen bis zu 48 Stunden, im Ausnahmefall auch mal für drei Tage, versorgen können. Das hatten wir jetzt schon überschritten. 

Wir sind kein Versorgungsschiff, wir sind ein Rettungsschiff. Das heißt, wir können ganz akut Menschen aus Seenot retten und dann die Zeit zum nächstgelegenen Hafen überbrücken. Die Versorgung der geretteten Menschen übersteigt unsere Kapazitäten. Das heißt, dass wir darauf angewiesen sind, dass wir tatsächlich noch mehr Unterstützung von anderen Schiffen bekommen, die uns mit Nahrung und mit Wasser versorgen. 

Das war das erste Mal, dass ein Schiff von Italien abgelehnt wurde. Aber die Befürchtungen sind wahrscheinlich schon da, dass es beim nächsten Mal wieder so sein könnte, oder? 

Wir hatten vergangenes Jahr schon mal den Fall, dass wir während des G7-Gipfels nicht nach Sizilien einreisen durften. Wir mussten dann weiter Richtung Norditalien, wo wir die Überlebenden sicher an Land bringen konnten. Jetzt ist eine komplett neue Situation, das haben wir in den zweieinhalb Jahren im Rettungseinsatz bisher auch noch nicht erlebt. Das heißt: Wir müssen uns jetzt erstmal drum kümmern, dass wir diese drei Tage gut hinbekommen und die Menschen adäquat versorgen. Wenn wir in Spanien angekommen sind, werden wir schauen, wie es weitergeht. 

Italiens Haltung löste auch Proteste aus, wie in Turin an diesem Dienstag

Wir sagen ganz klar: Die Menschen sterben weiterhin im Mittelmeer. Die Menschen flüchten weiterhin aus Libyen vor den katastrophalen Verhältnissen dort. Wir werden also weiterhin gebraucht. Erst gestern sind wieder Menschen im Mittelmeer ertrunken. Und wir müssen jetzt schauen, wie wir weiterhin im Einsatz bleiben können. 

Würden Sie denn bei einer nächsten Rettungsaktion Italien überhaupt nochmal anfahren? 

Wir sind jetzt seit zweieinhalb Jahren mit der “Aquarius” im Einsatz – ohne Pause, ohne Unterbrechung. Wir haben in dieser Zeit fast 30.000 Menschen an einen sicheren Hafen auf dem europäischen Festland gebracht. In diesen zweieinhalb Jahren sind wir komplett unter Koordination der italienischen Behörden gefahren, die ja auch jetzt immer noch den Einsatz koordinieren und uns diese Schiffe zur Unterstützung geschickt haben. Ich glaube, das vergisst man schnell. 

Wir gehen deshalb davon aus, dass sie weiterhin die Einsätze und die Rettung vor der libyschen Küste koordinieren werden. Wir hatten ja tatsächlich selbst von der italienischen Küstenwache Menschen, die sie schon gerettet hatten, bei uns an Bord übernommen. Das heißt: Sie sind nach wie vor involviert. 

Auch wenn man darauf hofft, dass die italienischen Behörden weiter koordinieren, muss es eine Lösung für die Zukunft geben. Italien macht nicht den Eindruck, als ob es in Zukunft seine ablehnende Haltung ändern würde. Was würden Sie denn vorschlagen, was auf europäischer Ebene getan werden sollte? 

Wir sagen immer: Dort, wo wir im Einsatz sind, ist keine italienische Grenze, das ist eine europäische Grenze. Das bedeutet, es braucht auch eine europäische Lösung. Wir als spendenfinanzierte Organisation schließen seit einiger Zeit die staatliche Lücke. Wir sind dort, wo die Europäische Union nicht mehr sein und nicht mehr hinschauen möchte. 

“Wir brauchen eine europäische Lösung”: SOS Mediterranee zur Krise um die Rettung der Flüchtlinge

Wir sind aber natürlich nicht die Antwort auf das Problem. Die europäischen Mitgliedsstaaten müssen gemeinsam eine Lösung finden. Ansonsten wird der Streit auf dem Rücken der Menschen und der humanitären Organisationen ausgetragen. 

Der italienische Innenminister Salvini sprach davon, dass er mit dieser Aktion vor allem die privaten Seenotretter verbannen will, wegen des Vorwurfs der Schlepperei. Was entgegnen Sie ihm?

Genau diese Vorwürfe und Polemiken gab es ja seit vergangenem Sommer zuhauf, vor allem in Italien. Das hat in rechtsextremen Gruppen angefangen und verbreitete sich dann auch auf politischer Ebene. Doch wissenschaftliche Studien haben gezeigt: Wenn weniger zivile Schiffe vor Ort sind, kommen nicht weniger Menschen, sondern es sterben mehr Menschen.

Jana Ciernioch ist Pressesprecherin bei der Hilfsorganisation SOS Mediterranee. Die durch Spenden finanzierte Seenotrettungsorganisation wurde 2015 gegründet, nachdem die Operation Mare Nostrum der italienischen Marine und Küstenwache am 31. Oktober 2014 endete. 

Das Gespräch führte Stephanie Höppner.