Martin Schulz: von 100 Prozent auf Null

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Er wollte Kanzler werden, dann zumindest Außenminister – jetzt steht Martin Schulz mit leeren Händen da. Nach dem SPD-Vorsitz verzichtet er nun auch auf ein Ministeramt. Portrait eines tief Gefallenen.

Zu groß war der Widerstand in seiner Partei geworden, zu groß wohl auch der Druck von außen. Letzten Umfragen zufolge waren drei von vier Deutschen gegen einen Wechsel von Martin Schulz ins Außenministerium. Bei seinen Genossen sah es nicht viel besser aus: Eine Mehrheit war gegen einen Außenminister Schulz. Die Debatte um seine Person drohte damit den Mitgliederentscheid der SPD über eine Neuauflage der Großen Koalition zu bestimmen. Mit seinem Verzicht auf den Außenministerposten, hofft Schulz, sind die “Personaldebatten innerhalb der SPD beendet”. Schulz zieht also zurück, um einer neuen Regierung von SPD, CDU und CSU nicht im Weg zu stehen. Den SPD-Vorsitz, so hatte er bereits am Mittwoch nach Ende der Koalitionsverhandlungen bekannt gegeben, wird Fraktionschefin Andrea Nahles übernehmen. 

Ein Tiefpunkt ist erreicht – und dann geht es noch weiter abwärts. So ähnlich müssen sich die vergangenen Monate für Martin Schulz angefühlt haben. Wann war der Absturz absehbar? Am Abend der Bundestagswahl, bei dem die SPD ihr schlechtestes Ergebnis in der Nachkriegsgeschichte eingefahren hatte? Als Martin Schulz nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen über ein Bündnis zwischen CDU/CSU, Grünen und FDP zunächst mit Vehemenz verkündete, die SPD stehe für eine erneute Große Koalition weiterhin nicht zur Verfügung und kurz danach eine komplette Kehrtwende vollzog? Als er das Ergebnis der Sondierungsgespräche der Sozialdemokraten mit den Unionsparteien “hervorragend” nannte, seine Genossen genau dieses Ergebnis aber umgehend öffentlich zerpflückten? Oder in dem Moment, in dem sein vermeintlicher Freund Sigmar Gabriel von respektlosem Umgang und Wortbruch sprach. Ihn hatte Schulz im Außenamt ablösen wollen.

Plötzlich ging es abwärts

Im Nachhinein ist es schwierig, den Moment zu identifizieren, der Martin Schulz am Ende zum Schatten seiner selbst machte. Sicher ist: Er hat zu viele Kehrtwenden und sich selbst damit unglaubwürdig gemacht. Nichts erinnert heute mehr an den Politiker, der vor einem Jahr antrat, die SPD aus dem Tal der Tränen zurück ins Licht zu führen. Der nach seiner Karriere als EU-Parlamentspräsident Bundeskanzler werden wollte. Der im März 2017 mit 100 Prozent der Stimmen zum Parteivorsitzenden der Sozialdemokraten gewählt wurde. Der seiner Partei in den Meinungsumfragen so viel Zustimmung bescherte, dass sie kurzzeitig kometenhaft aufstieg und CDU und CSU überholte. Der dafür wie ein Messias gefeiert wurde.

Nach der Bundestagswahl im September 2017 folgte die Partei ihrem Vorsitzenden noch. Schulz hatte am Wahlabend den Gang in die Opposition angekündigt. Damit traf er einen Nerv in der Partei. Zu klar war die Niederlage und zu offensichtlich der Erneuerungsbedarf in der SPD. Doch dann scheiterte die Jamaika-Koalition. Was war nun wichtiger? Die SPD und ihr Wunsch nach Erneuerung oder Deutschland, das ohne Regierung da stand?

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Schulz: SPD bleibt bei Nein zu großer Koalition und will Neuwahlen

Martin Schulz entschied sich für das Land. Allerdings nicht sofort. Zunächst beharrte er vehement darauf, dass die SPD für eine Neuauflage der großen Koalition nicht zur Verfügung stehe. Erst nachdem er von seinem alten Parteifreund, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, in die Pflicht genommen worden war, gab Schulz nach. Diese Kehrtwende um 180 Grad haben ihm in der SPD viele übel genommen.

Schwacher Auftritt in Bonn

Mehr und mehr musste Schulz um sein politisches Überleben kämpfen. In den Redaktionen lagen die politischen Nachrufe schon bereit, als er am 21. Januar dieses Jahres einen SPD-Sonderparteitag über das Ergebnis der Sondierungen mit der Union abstimmen lassen musste. Eine Abstimmung, die die Gegner einer großen Koalition der Parteispitze abgetrotzt hatten. Würde die SPD ihm folgen, ihm die Möglichkeit eröffnen, mit der Union in Koalitionsverhandlungen einzutreten? Wenn nicht, dann, so war zu vermuten, würde der SPD-Chef noch auf dem Parteitag in Bonn aufgeben und zurücktreten.

Andrea Nahles rettete Schulz den Kopf

Dass es nicht so kam, war wohl nur dem beherzten Eingreifen von Andrea Nahles, der Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, zu verdanken. Nach einer eher langweiligen, im Ton kraft- und mutlosen Rede des Vorsitzenden, die sichtbar keinen der 600 Delegierten vom Stuhl reißen konnte, schaffte es Nahles in nur sechs Redeminuten, den Wind so weit zu drehen, dass der Parteitag – wenn auch nur knapp – grünes Licht für einen weiteren Schritt auf dem Weg in die ungeliebte große Koalition gab. Die 47-Jährige traf den richtigen Ton und fand die richtigen Worte, die ein Parteichef in dieser Situation finden musste. 

Der Weg in die GroKo ist aber auch nach dem Abschluss der Koalitionsverhandlungen nicht zu Ende gegangen. Mehr als 460.000 SPD-Mitglieder müssen nun darüber abstimmen, ob sie den Vertrag gut oder schlecht finden. Ob sie die große Koalition mit der Union zulassen oder nicht. Der Parteivorstand muss jetzt viel Überzeugungsarbeit leisten. Allen voran Andrea Nahles.

2017 beerbte Schulz Sigmar Gabriel als SPD-Vorsitzender, dann wollte er dessen Ministerposten – das allerdings ging schief

Martin Schulz hatte keine Kraft und Macht mehr, sich dem Willen der Partei entgegenzustellen. Hätte er darauf beharrt, Parteivorsitzender zu bleiben, hätte er nicht auf den Ministerposten verzichtet, dann hätte er damit die Gegner der GroKo im anstehenden Mitgliedervotum gestärkt.

Er war schon ganz unten

Macht und Ohnmacht, das sind die beiden Pole, zwischen denen sich Martin Schulz sein Leben lang bewegt hat. Aufgewachsen in der Kleinstadt Würselen in der Nähe von Aachen, wollte er mit 17 Jahren unbedingt Profifußballer werden und ließ dafür das Abitur sausen. Weil er sich eine schwere Verletzung zuzog, musste er mit dem heiß geliebten Fußball aufhören und begann zu trinken. Schließlich landete er als arbeitsloser Alkoholiker in der Gosse, aus der ihm sein Bruder und Parteifreunde wieder heraus halfen. “Ich war mal ganz unten”, sagt Schulz über diese Zeit.

Bürgermeister Schulz

Nachdem er sich wieder hochgerappelt hatte, eröffnete er eine Buchhandlung in Würselen. “Lesen ist mein Lebenselixier”, sagt Martin Schulz, der verheiratet ist und zwei Kinder hat. Gerne empfiehlt er das Buch eines großen deutschen Historikers über den Zerfall der Weimarer Republik. Daraus könne man lernen, dass Angriffe auf die Demokratie so frühzeitig wie möglich abgewehrt werden müssten.

Seine Buchhandlung vermisst der Rheinländer nach eigenem Bekunden heute noch. Er verkaufte sie, als seine politische Karriere Fahrt aufnahm: Mit nur 31 Jahren wurde er Bürgermeister von Würselen und 1994 ins Europaparlament gewählt, dessen Präsident er 2012 wurde. In jenem Jahr nahm er, zusammen mit den Spitzen von EU-Kommission und EU-Rat, in Oslo den Friedensnobelpreis für die Europäische Union entgegen. 2015 erhielt er den renommierten Aachener Karlspreis. Ob es ihn nun wieder nach Brüssel zieht? Schulz’ Ausflug in die deutsche Politik, der mit seiner Nominierung als SPD-Kanzlerkandidat am 29. Januar 2017 begann, dürfte jedenfalls erst einmal beendet sein.