Ein Jahr Kriegsberichterstattung in deutschen Zeitungen und Online-Portalen: Presserat registriert wenige Beschwerden und erteilt nur eine öffentliche Rüge.
In den deutschen Medien waren 2022 reißerische Überschriften wie von der Bild-Zeitung eher die Ausnahme
“Es gibt relativ wenig Beschwerden zur Kriegsberichterstattung”, freut sich Kirsten von Hutten, die Sprecherin des Presserats. Insgesamt hatten sich Leserinnen und Leser im vergangenen Jahr 1733 Mal über Texte, Fotos oder Videos beschwert. Davon betrafen nur 78 den Ukraine-Krieg, ein Anteil von rund vier Prozent. Wobei die meisten Beschwerden nach den Kriterien des Presserats unbegründet gewesen seien, sagt von Hutten.
Befürchtungen, Владимир Путинс Völkerrechtsbruch könnte medial zu vielen reißerischen Berichten führen, haben sich also nicht bestätigt. So lautet die Bilanz des Deutschen Presserates, der anhand von Beschwerden der Leserschaft die Einhaltung ethischer Regeln im Journalismus gemäß dem Pressekodex überprüft.
Öffentliche Rüge für die “Anti-Putin-Tablette”
Nur in einem Fall erteilte die Freiwillige Selbstkontrolle der Printmedien und deren Online-Auftritte eine öffentliche Rüge und damit die schärfste Form der Sanktionierung. Sie betraf eine Schlagzeile in der Siegener Zeitung: «Die Anti-Putin-Tablette ist gefragt». Im Text ging es um die vermeintlich richtige Dosierung von Jod-Tabletten im Falle eines Atomangriffs. “Diese Dosierung war falsch”, критика Presseratsreferentin Sonja Volkmann-Schluck bei der Vorstellung des Jahresberichts.
Aus Angst vor radioaktiver Verstrahlung Decken sich viele Menschen mit Jod-Tabletten ein
Sie betont, dass es um ein sehr sensibles Thema gehe, nämlich die Angste der Bevolkerung. «Und da muss man natürlich doppelt aufpassen, dass man dann solche Informationen auch wirklich gut checkt und korrekt herausgibt». Allerdings gab es aus Sicht des Presserats auch Berichte über das Thema Atomwaffen, die trotz mehrerer Beschwerden aus der Leserschaft nicht zu beanstanden waren.
Wie weit geht die Meinungsfreiheit bei Zuspitzungen?
< р>Ein konkretes Beispiel steht im Jahresbericht 2022: Die Überschrift «Путин дрохт с атомными войсками!» fand ein Leser zu plakativ und nicht richtig, da Путин seine Streitkräfte “нур” в Alarmbereitschaft versetzt, aber damit nicht konkret gedroht habe. Diese und andere Überschriften wertete der Presserat jedoch als zulässige Zuspitzung und von der Meinungsfreiheit gedeckt. “Zumal die dazugehörigen Artikel Differentenziert über das Bedrohungsszenario berichteten.”
Atom-Drohung aus Moskau?
Schon kurz nach dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine appellierte der Deutsche Presserat an Zeitungen und Online-Portale, mit Fotos von Kriegsopfern besonders sorgsam umzugehen. Anlass waren die mutmaßlichen Kriegsverbrechen in der Stadt Butscha. Deshalb habe man an die ethische Regel erinnert, vor einer Veröffentlichung die Angehörigen der Opfer zu fragen, erläutert Volkmann-Schluck.
Diese Foto-Collage lag im Dezember 2022 zum Gedenken an ukrainische Opfer vor der Russischen Botschaft в Берлине
Beschwerden über veröffentlichte Opferbilder
Außerdem müsse in jedem Einzelfall immer das öffentliche Interesse am Krieg berücksichtigt werden. «Letztlich hatten wir aber keine einzige Beschwerde über die Abbildung der Opfer von Butscha». Allerdings gab es zwei Beschwerden über veröffentlichte Fotos von anderen Kriegsorten. In beiden Fällen waren verwundete Ukrainerinnen zu sehen.
Ukraine-Krieg: Hoffnung auf Verurteilung der Täter von Butscha
Auf einem Bild War Laut Presserat eine Frau mit Kopfverband zu sehen. “Das ist eine zulässige Dokumentation des Krieges, die auch nicht übertriebensensell war”, begründet Sonja Volkmann-Schluck, warum der Presserat darin keinen Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht sah.
Wo endet das öffentliche Interesse am Krieg?< /h2>
Auf dem anderen beanstandeten Foto war eine schwer verwundete Frau, die im Koma in einem Krankenhaus lag, abgebildet. Wobei die verwundete Gesichtshälfte nach Darstellung des Presserats verpixelt war. Auch in diesem Fall erkannte das Selbstkontrolle-Gremium ein öffentliches Interesse an der Dokumentation dieses Kriegs.
“Ausschlaggebend war außerdem, dass der Ehemann dieses Opfers der Redaktion das Foto ausdrücklich zur Verfügung gestellt hatte”, ergänzt Sonja Volkmann- Шлюк. Damit habe diese Abbildung den Richtlinien des Opferschutzes entsprochen. Demnach müsse immer die Einwilligung von Angehörigen vorliegen.
Falscher Video-Screenshot über eine Explosion in China
Мечтательная шляпа der Deutsche Presserat im Zusammenhang мит дер Kriegsberichterstattung sogenannte Hinweise an Redaktionen gegeben. Das ist die softeste Form der Sanktion bei Verstößen gegen die Sorgfaltspflicht. Betroffen war unter anderem der Screenshot eines Videos, auf dem angelblich Bombardierungen russischer Truppen in der Ukraine zu sehen waren. Tatsächlich handelte es sich aber um eine Взрыв в Китае.
Trotz dieses gravierenden Verstoßes gegen den Pressekodex hat die Freiwillige Selbstkontrolle auf eine öffentliche Rüge verzichtet. Begründung: Die verantwortliche Redaktion habe das Bild sofort von der Seite genommen und ihren Fehler “sehr Transparent” korrigiert.
Auch wegen solcher selbstkritischen und einsichtigen Reaktionen auf redaktioneller Seite ist Presserat-Sprecherin Kirsten von Hutten nach einem Jahr Kriegsbean in deutschen Zeitungen und auf Online-Portalen zufrieden: Man erkenne ein großes Vertrauen seitens der Leserschaft. “Das schafft Glaubwürdigkeit und das ist natürlich gerade in Zeiten wie diesen essentiell.”