“Lost” ist das Jugendwort des Jahres

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Warum englische Begriffe so beliebt sind und welche Rolle soziale Medien und Influencer spielen, erklärt Sprachwissenschaftler Nils Bahlo im DW-Interview.

  • Diese Wörter kamen in die Endauswahl

    Lost

    Das “Jugendwort des Jahres” 2020! Auf Deutsch heißt das “verloren”. In der Jugendsprache meint das aber nicht, dass sich jemand verlaufen hat, sondern, dass man keinen Durchblick hat. Und nicht weiß, was man mit sich anfangen soll. Wenn ein Jugendlicher zum Beispiel im Mathe-Unterricht sagt: “Ich bin so lost”, dann heißt das so viel wie: “Ich verstehe gerade nichts mehr”.

  • Diese Wörter kamen in die Endauswahl

    Sauftrag

    Eine Wortneuschöpfung, die sich – wie nicht schwer zu erkennen ist – aus den Wörtern “Saufen” und “Auftrag” zusammensetzt. Gemeint ist ein geplantes Ereignis, bei dem gezielt über den Durst getrunken wird. In Coronazeiten ist das öffentlich so nicht mehr möglich. Aber in den sozialen Medien stößt der Begriff auf viel Zustimmung: bei Instagram hat ein gleichnamiger Account rund 30.000 Abonnenten.

  • Diese Wörter kamen in die Endauswahl

    Schabernack

    Dass ein so veralteter Ausdruck für das Jugendwort des Jahres nominiert war, dürfte Einige verwundert haben. Dafür gesorgt hat CDU-Politiker Philipp Amthor, der das altertümlich anmutende Wort in seiner Antwort auf das Video “Zerstörung der CDU” von YouTube-Star Rezo verwendet hat. Fortan wurde dieser Begriff im Internet von Jugendlichen – wenn auch in ironischer Verwendung – wieder verwendet.

  • Diese Wörter kamen in die Endauswahl

    Köftespieß

    Einen Köftespieß essen: Das war das erste, was Rapper Xatar nach seiner Haftentlassung machen wollte. So hat er es in einem Interview vor sechs Jahren erzählt. Anfang 2020 ging dieser Szeneausdruck komplett durch die Decke und machte den Rapper und sein Lieblingsessen zur Netz-Ikone. Für Rapper Xatar hat sich das ausgezahlt: inzwischen betreibt er sein eigenes Döner-Restaurant.

  • Diese Wörter kamen in die Endauswahl

    Cringe

    To cringe – das bedeutet im Englischen so viel wie “zusammenzucken”. Deutsche Jugendliche benutzen das Wort aber eher, wenn sie eine Person oder Situation beschreiben wollen, die extrem peinlich oder unangenehm ist. Das Wort wird also eher im Sinne von “fremdschämen” verwendet. Bei der Wahl des “Jugendwort des Jahres” 2020 kam es in die Endauswahl.

    Autorin/Autor: Maria John Sánchez


  • Diese Wörter kamen in die Endauswahl

    Lost

    Das “Jugendwort des Jahres” 2020! Auf Deutsch heißt das “verloren”. In der Jugendsprache meint das aber nicht, dass sich jemand verlaufen hat, sondern, dass man keinen Durchblick hat. Und nicht weiß, was man mit sich anfangen soll. Wenn ein Jugendlicher zum Beispiel im Mathe-Unterricht sagt: “Ich bin so lost”, dann heißt das so viel wie: “Ich verstehe gerade nichts mehr”.

  • Diese Wörter kamen in die Endauswahl

    Sauftrag

    Eine Wortneuschöpfung, die sich – wie nicht schwer zu erkennen ist – aus den Wörtern “Saufen” und “Auftrag” zusammensetzt. Gemeint ist ein geplantes Ereignis, bei dem gezielt über den Durst getrunken wird. In Coronazeiten ist das öffentlich so nicht mehr möglich. Aber in den sozialen Medien stößt der Begriff auf viel Zustimmung: bei Instagram hat ein gleichnamiger Account rund 30.000 Abonnenten.

  • Diese Wörter kamen in die Endauswahl

    Schabernack

    Dass ein so veralteter Ausdruck für das Jugendwort des Jahres nominiert war, dürfte Einige verwundert haben. Dafür gesorgt hat CDU-Politiker Philipp Amthor, der das altertümlich anmutende Wort in seiner Antwort auf das Video “Zerstörung der CDU” von YouTube-Star Rezo verwendet hat. Fortan wurde dieser Begriff im Internet von Jugendlichen – wenn auch in ironischer Verwendung – wieder verwendet.

  • Diese Wörter kamen in die Endauswahl

    Köftespieß

    Einen Köftespieß essen: Das war das erste, was Rapper Xatar nach seiner Haftentlassung machen wollte. So hat er es in einem Interview vor sechs Jahren erzählt. Anfang 2020 ging dieser Szeneausdruck komplett durch die Decke und machte den Rapper und sein Lieblingsessen zur Netz-Ikone. Für Rapper Xatar hat sich das ausgezahlt: inzwischen betreibt er sein eigenes Döner-Restaurant.

  • Diese Wörter kamen in die Endauswahl

    Cringe

    To cringe – das bedeutet im Englischen so viel wie “zusammenzucken”. Deutsche Jugendliche benutzen das Wort aber eher, wenn sie eine Person oder Situation beschreiben wollen, die extrem peinlich oder unangenehm ist. Das Wort wird also eher im Sinne von “fremdschämen” verwendet. Bei der Wahl des “Jugendwort des Jahres” 2020 kam es in die Endauswahl.

    Autorin/Autor: Maria John Sánchez


Mit 48 Prozent der Stimmen setzte sich “Lost” gegen die Finalisten “Cringe” und “Wyld/Wild” durch. Das teilte eine Sprecherin des Pons-Verlags mit. Jugendliche waren im Internet aufgerufen, Vorschläge einzureichen und das Wort in mehreren Abstimmungen auszuwählen.

DW: “No front, cringe, wild, lost” – der Trend zu Anglizismen in der Jugendsprache hält an. Warum benutzen Jugendliche in ihren Alltag gerne englische Wörter?

Dr. Nils Bahlo: Englisch hat sich einfach zu einer Modesprache entwickelt und zu einer sehr mächtigen Sprache, die international gesprochen wird. Die großen Modeerscheinungen, wie zum Beispiel das Kommunizieren über Messenger, oder auch die Musikszene werden von anglophonen Begriffen dominiert.

Das kann man ganz gut vergleichen mit dem Sprachgebrauch des 17. und 18. Jahrhunderts. Da war es das Französische, das Griechische oder das Lateinische, was damals in der Jugendsprache vorherrschte.

Jugendsprache ist für die Identifikation als Peergroup wichtig

Wozu brauchen Jugendliche überhaupt eine eigene Sprache, mit der sie untereinander kommunizieren?

Für Jugendliche ist in erster Linie das Kommunizieren auf Augenhöhe wichtig, das heißt Identifikation mit Gleichgesinnten oder mit Freundinnen und Freunden. Das Spielen mit Sprache ist auch eine wichtige Funktion.

Und es ist gleichzeitig ein Elaborationsprozess. Genauso wie ein Kind anfängt zu laufen, müssen junge Menschen lernen, Sprache zu verwenden und sie kompetent zu verwenden. Letztendlich kann man noch sagen, die Sprache dient der Provokation. Jugendliche können mit ihrer Jugendsprache ganz wunderbar provozieren, sie können damit sagen, wer sie sind.

Minecraft-Videos prägen Jugendsprache

Sie sprachen von einem Elaborationsprozess, also wenn neues Wissen und neue Informationen im Gehirn mit eigenen Worten vernetzt werden. Wie kommen Jugendliche überhaupt auf diese Wörter?

Es gibt eine ganze Menge von Geber-Bereichen. Das sind einmal natürlich die Freundinnen und Freunde, die irgendwo etwas aufschnappen. Es sind die Medien, es ist die Musikszene, es sind ältere Jugendliche.

Und häufig entstehen die Wörter auch durch eine Situations-Komik, die sich ganz individuell ausprägen kann und dann, weil es lustig ist oder cool, nachgemacht wird. Und wenn das neue Wort prominent genug vertreten ist, dann macht das so seine Runde.

Welche Rolle spielen dabei die sozialen Medien?

Die sozialen Medien spielen heute eine riesige Rolle. Die großen Influencer sind sicherlich Multiplikatoren. Angefangen von Dagi Bee über die Lochis, für jeden ist irgendetwas dabei. Wenn Sie sich die Computer-Szene angucken, dann haben wir da beispielsweise die Let’s Play Videos.

Sprachprägend: Kinder spielen schon früh mit Minecraft-Videospielen

Früher sagte man immer, Jugendsprache beginnt mit 11 oder 12 Jahren. Wenn man sich heute Jugendliche anguckt, die schon mit 9 Minecraft Videos anschauen, dann merkt man, dass die Jugendsprache schon im Alter von 8 oder 9 anfangen kann.

Wenn Jugendliche sich untereinander unterhalten, fällt auch das eine oder andere arabische Wort. Unter den Top Ten war 2020 “Mashallah”. Welche Bedeutung hat das für die deutsche Jugendsprache?

Es wird oft befürchtet, dass die deutsche Sprache verkommt, weil wir ausländische Einflüsse haben. Dem ist nicht so. Der Einfluss  ist aus wissenschaftlicher Sicht eher gering, er ist im niedrigen Prozentbereich angesiedelt.

Wahlverfahren ist unwissenschaftlich

Kommen wir zu der Wahl des Jugendworts des Jahres 2020. In diesem Jahr wurde das Wort nicht von einer Jury ausgewählt wird, sondern jeder konnte online darüber abstimmen. Was halten Sie davon?

Aus wissenschaftlicher Sicht halte ich sehr wenig von dieser Art der Abstimmung – egal ob das nun eine Jury entscheidet oder ob das online abgestimmt wird. Das Problem an der ganzen Sache ist: Man weiß nicht, wer abstimmt. Das können auch meine Eltern sein, die die Altersgrenze von 70 Jahren schon lange geknackt haben.

Die Wahl ist auch deswegen unwissenschaftlich, weil es nicht die eine Jugendsprache gibt. Sie ist regional geprägt, sie ist situativ geprägt und jeder spricht ein bisschen anders. Aber aus populärer Sicht finde ich die Jugendwort-Wahl toll. Das liegt einfach daran, dass wir dadurch zum Nachdenken über Sprache und zum Arbeiten mit unserer Sprache angeregt werden.

Sie beschäftigen sich schon lange mit dem Phänomen Jugendsprache und haben mehrere Bücher darüber veröffentlicht. Was würden Sie sagen, wie hat sich die Jugendsprache verändert und wie wird sie sich in Zukunft entwickeln?

Ich kann nicht so ganz genau sagen, wo es hingeht, ich kann Ihnen bloß eine allgemeine Tendenz geben. Und die resultiert daraus, dass sich Jugendsprache über die letzten 300 Jahre, die wir wissenschaftlich überblicken können, nicht großartig verändert hat.

Innige Liebschaft: Der junge Friedrich Schiller (Florian Stetter) in dem Kinofilm “Die geliebten Schwestern” (2014)

Die Ausprägung der Sprache hat sich schon geändert, aber inhaltlich bleibt das eigentlich immer das Gleiche: Es geht ums Raufen, Saufen, Musizieren, um die Schule, um Geschlechtsverkehr, um Hobbys und um Liebschaften.

Das Gespräch führte Maria John Sánchez.