Kim Jong Un zeigt Demut

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Staats- und Parteiführer Kim Jong Un versucht Nordkorea als modernes und weltoffenes Land zu präsentieren. Dafür schlägt seine Propaganda-Maschine neue Töne an. Aber die Ziele haben sich nicht geändert.

Kim Jong Un mit Anzug und Krawatte bei den Feierlichkeiten zu 75 Jahre Arbeiterpartei

Nach offiziellen Angaben hat sich kein einziger Nordkoreaner mit dem Corona-Virus infiziert. Aber die Existenz der Pandemie sowie mehrere Naturkatastrophen haben Staatschef Kim Jong Un offenbar auf normalmenschliche Maße schrumpfen lassen. Während seiner Rede zum 75. Jahrestag der Gründung der Partei der Arbeit Koreas in der Nacht zum vergangenen Samstag schossen ihm Tränen in den Augen, nachdem er seine Streitkräfte für ihre Aufräumarbeiten nach Taifunen und Überschwemmungen gerühmt hatte. Der vermutlich 36-jährige Führer gestand auch, dass er das vom Volk in ihn gesetzte Vertrauen, “so hoch wie der Himmel und so tief wie das Meer”, nicht immer zufriedenstellend erfüllt habe. “Das tut mir sehr leid”, sagte er laut der südkoreanischen “Korea Times”.

Mit dem Gefühlsausbruch und der Entschuldigung setzte Kim unerwartete Kontrapunkte zu der Vorführung von zwei neuen ballistischen Raketentypen bei der nächtlichen Parade und milderte dadurch die Demonstration von militärischer Stärke gegenüber dem Ausland ab. Doch einige professionelle Nordkorea-Beobachter sprechen von einem sorgfältig inszenierten Auftritt, der einen generellen Wandel der nordkoreanischen Propaganda widerspiegele. Anders als sein Vater und Großvater lasse sich Kim nicht mehr als gottgleicher Übervater der Nordkoreaner darstellen, sondern als eher traditioneller Politiker, der mit seinem Volk fühlt. “Die Rede hat Kims Image als kompetenter, charismatischer Führer mit einer menschlichen Seite gefestigt”, meinte die Nordkorea-Expertin Lee Min Young Rachel.

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Nach Ansicht der Propaganda-Expertin Nancy Snow, die derzeit an der University of Foreign Studies in Kyoto lehrt, verfolgt die Führung mit dem neuen Stil jedoch die gleichen Ziele wie früher: “Nordkorea strebt nach Ansehen und verteidigt die Ehre der Nation, sei es durch Atomwaffen oder durch eine kleine Öffnung wie bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang”, sagt Snow. “Die taktische Änderung besteht darin, Offenheit zu zeigen, indem man den Anschein erweckt, mehr wie wir zu sein.” Aber auf diese Weise wolle Nordkorea nur demonstrieren, dass es einen Platz am internationalen Tisch verdiene.

Die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA verbreitet gerne solche Propagandabilder des Diktators Kim Jong Un. Medien aus der ganzen Welt übernehmen sie

Tatsächlich richtet sich die Propaganda schon seit einiger Zeit nach dem Wunsch von Kim, seine Nation und sich selbst nach innen und außen als modern und weltoffen zu präsentieren. Schon kurz nach der Machtübernahme vor knapp neun Jahren zeigte sich der junge Führer im Staatsfernsehen bei einer Aufführung der Morangbong Band, die statt Führerlobliedern den Titelsong der Rocky-Filme spielte. Dazu tanzten Figuren, die wie Mickey und Minnie Mouse aussahen. Kim selbst trägt oft Anzug und Krawatte statt Mao-Jacke und hielt eine Neujahrsansprache von einem Sessel in seinem Arbeitszimmer.

Seine Prestigebauten wie Hochhauswohnungen, Krankenhäuser, Vergnügungsparks, Aquarien und Skigebiete sollen die Sehnsucht der nordkoreanischen Mittel- und Oberschicht, die sich aus Angehörigen der Partei und des Militärs rekrutiert, nach einem Leben wie in China und Südkorea stillen. Deswegen duldet sein Regime private Märkte mit ausländischen Markenprodukten und fördert staatliche Kaufhäuser und Supermärkte sowie halbprivate Restaurants. Als Symbol der neuen Zeit erhielten viele Nordkoreaner Zugang zu Smartphones, auch wenn sie nicht mit dem globalen Internet verbunden sind.

Youtube-Videos statt Staatsfernsehen

Die Propaganda verstärkt dieses neue Selbstbild von Nordkorea, indem sie über die neuen Vorzeigeprojekte genauso enthusiastisch berichtet wie früher über Staudämme, Stahlfabriken und Autobahnen. Dabei setzt der Apparat seit einiger Zeit auch auf soziale Medien. Während die bekannte TV-Sprecherin Ri Chun Hee, die die Nachrichten in traditioneller Tracht mit übertrieben gefühlvoller Stimme vorträgt, nur noch selten auftritt, läuft nun die Youtuberin Un A in salopper Kleidung durch einen Supermarkt mit gut gefüllten Regalen und versucht durch Kunden-Interviews zu beweisen, dass die UN-Sanktionen keine höheren Preise und Lebensmittelknappheit verursacht hätten. Ihre Videos mit Bildern von Pizza-Restaurants statt Militärparaden verbreiten sich vor allem über chinesische Messenger-Dienste im Ausland.

US-Präsident Trump hat Kim Jong Un zum größten Propagandaerfolg der letzten Jahre verholfen. Hier bei einem Treffen 2019 an der demilitarisierten Zone, die Süd- und Nordkorea voneinander trennt

Über die Wirkung dieser neuen Außendarstellung sind sich Nordkorea-Analysten nicht einig. “Der Westen ist der Charmeoffensive aus Nordkorea erlegen, dafür reichte schon das Lächeln der Schwestervon Kim Jong Un”, meint die Propaganda-Expertin Snow. Nordkorea-Beobachter Martyn Williams vom Stimson Center beschreibt den neuen Stil als “bemerkenswert”, aber bleibt skeptisch: “In Wirklichkeit sehen wir doch nur das Leben der Reichen in Pjöngjang, die genug zu essen haben.” Auch Rosa Park vom “Komitee für Menschenrechte in Nordkorea” in Washington äußert sich kritisch: “In diesen Videos ist viel Kulturelles zu sehen, aber es bleibt immer noch Propaganda.”

Kein Jubelstoff im Corona-Jahr

Der Apparat des Regimes steht jedenfalls weiter vor der schwierigen Aufgabe, die Fehler und Versäumnisse der Staatsführung zu kaschieren, während ausländische Informationen verstärkt ins Land sickern. Diese Herausforderung zeigte sich im Vorfeld der Feiern zum 75. Parteigeburtstag am vergangenen Samstag am Beispiel eines neuen Krankenhauses für Pjöngjang. Im Frühjahr hatte Führer Kim öffentlich gefordert, dass das Hospital binnen 200 Tagen fertiggebaut sein müsste, pünktlich zum Feiertag am 10. Oktober. Also berichteten die Staatsmedien fleißig über die Baufortschritte.

Aber nur die Außenhülle wurde fertig. Bilder von der Einrichtung der Innenräume seien bisher nicht gezeigt worden, berichteten die Nordkorea-Beobachter von der Webseite “38 North”. Stattdessen konzentrierte sich die offizielle Berichterstattung vermehrt auf die Anstrengungen von Armee und Partei, die Schäden der Naturkatastrophen zu beseitigen. Dadurch wolle die Führung ihr Gesicht vor der Feier wahren, meinte die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap. Auch Staatschef Kim hob bei seiner Rede die Beseitigung der Katastrophenfolgen hervor, das Krankenhaus erwähnte er mit keinem Wort. 


  • Nord und Süd – Die zwei Gesichter Koreas

    Im Dienst für das Vaterland

    Der italienische Fotokünstler Luca Faccio vergleicht in seinem Buch “Common Ground” nord- und südkoreanische Realitäten, ohne zu kritisieren und zu urteilen. Er zeigt Koreaner in ähnlichen Situationen, so wie diese Soldaten. Auf den ersten Blick lassen sich viele Parallelen erkennen, doch bei genauerem Hinsehen fallen die Unterschiede immer stärker auf.


  • Nord und Süd – Die zwei Gesichter Koreas

    Jugendliche

    Zwei Jugendliche, der eine in Pjöngjang, der andere in Seoul, beide aufgenommen im Jahr 2013. Der Kapuzenpulli ist universell, doch Zigarette und Internetanschluss gibt es nur für den Teenager aus Südkorea.


  • Nord und Süd – Die zwei Gesichter Koreas

    Gruppenfreizeit

    Die Menschen verbringen ihre Freizeit gern in Gesellschaft. Im Süden mit Basecap und Bierdose, im Norden eher organisiert und in Uniform. “(Faccios) Fotografien bringen Gesichtsausdrücke vor die Linse, die von der üblichen anerzogenen Fassade abweichen”, heißt es im Begleittext zur Ausstellung “Common Ground”.


  • Nord und Süd – Die zwei Gesichter Koreas

    In Partylaune

    Auch beim Tanzen zeigen sich Unterschiede. Während die Nordkoreanerin links als Teil eines Kollektivs gleich gekleideter Tänzerinnen auftritt, lässt die Südkoreanerin rechts auf einer Party in Seoul ihrem Individualismus freien Lauf.


  • Nord und Süd – Die zwei Gesichter Koreas

    Grundschüler

    Der Unterschied zwischen Kollektiv und Individuum bestimmt auch diese Bilder von Grundschülern. Luca Faccio war zwischen 2005 und 2013 sechs Mal in Nordkorea. Sein erklärtes Ziel war es, entgegen der dortigen Staatsideologie “das Subjekt”, den Menschen, darzustellen. Nicht per Schnappschuss oder aus dem Hinterhalt, sondern als Portrait und mit Einwilligung der fotografierten Person(en).


  • Nord und Süd – Die zwei Gesichter Koreas

    Thronende Herrscher

    Zwei monumentale Sitzstatuen – einmal des nordkoreanischen Gründervaters Kim Il Sung im “Großen Studienhaus des Volkes” in Pjöngjang sowie des koreanischen Königs Sejong des Großen aus dem 14. Jahrhundert in Seoul. Auch sie zeugen von einer gewissen Gemeinsamkeit in der Bildsprache, der sich beide Völker gerne bedienen.


  • Nord und Süd – Die zwei Gesichter Koreas

    Klänge der Großstadt

    Ob jemand zuhört? Die Straßenmusiker wirken etwas verloren vor der Großstadtkulisse, ob in Seoul oder in Pjöngjang. Doch die Musikrichtungen könnten unterschiedlicher nicht sein: Während die Band links patriotische Volkslieder schmettert, übt sich die Südkoreanerin rechts als Singer/Songwriterin.


  • Nord und Süd – Die zwei Gesichter Koreas

    Repräsentatives Rosa

    Fotograf Faccio berichtet: “(Mein nordkoreanischer Aufpasser) akzeptierte 50 Prozent meiner Vorschläge, dafür setzte ich beim Fotografieren 50 Prozent seiner Vorgaben um.” Zu letzteren dürfte die Aufnahme rechts gehören. Sie zeigt eine Frau im traditionellen Gewand im nordkoreanischen Parlamentsgebäude.


  • Nord und Süd – Die zwei Gesichter Koreas

    Bund fürs Leben

    Zweimal ein großer Moment für zwei: Während sich der Bräutigam jeweils zeitlos chic präsentiert, ist die Braut bei der nordkoreanischen Hochzeit links deutlich traditioneller gekleidet als diejenige aus Südkorea.


  • Nord und Süd – Die zwei Gesichter Koreas

    Soldatenleben, anders

    Normalerweise zeigen Fotos mit Militärmotiven aus Korea waffenstarrende Manöver oder angespannte Grenzer. Doch hier zeigen Soldaten ihre Freundinnen. Während die Südkoreanerin rechts modisch und in zivil gekleidet ist, trägt die Soldatenfrau rechts selbst Pionieruniform.

    Autorin/Autor: Thomas Latschan