“Sputnik V”: Wissenschaftler kritisiert die russischen Impfstoffentwickler

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Der Druck auf die Impfstoffentwickler aus Russland wächst: Kritiker befürchten Manipulationen an Ergebnissen der Studie zum Impfstoff gegen COVID-19. Die DW hat den Mitverfasser eines offenen Briefes interviewt.

In den nächsten Tagen soll in der medizinischen Fachzeitschrift “The Lancet” ein offener Brief erscheinen, in dem eine Gruppe von Wissenschaftlern die Studie zum russischen Impfstoff gegen COVID-19 kritisiert. Die Studie wurde am 4. September in der selben Zeitschrift veröffentlicht. “Sputnik V” war Mitte August der weltweit erste registrierte Corona-Impfstoff. Doch Kritiker äußern Zweifel an den publizierten Ergebnissen. Einer der Mitverfasser des offenen Briefes, Dr. Konstantin Andreev, hat im DW-Interview die wichtigsten Kritikpunkte an der Impfstoffstudie erläutert.

DW: Wie wurden Sie auf die russische Studie zum Impfstoff gegen COVID-19 aufmerksam und warum haben Sie den offenen Brief an die Impfstoffentwickler mitverfasst? 

Dr. Konstantin Andreev: Mein Interesse liegt im Bereich der Molekularbiologie. Derzeit forsche ich an einer Reihe von respiratorischen Virusinfektionen. Zwar bin ich nicht unmittelbar mit Coronaviren beschäftigt, aber verfolge die Entwicklung mit großem Interesse. Ich denke, im Moment richten nicht nur Virologen, sondern die ganze wissenschaftliche Gemeinschaft ihre Blicke auf die Suche nach einem Impfstoff gegen das Virus SARS-CoV-2.

Das erste, was mir beim Lesen des russischen Artikels in “The Lancet” auffiel, war eine verblüffend kleine Anzahl an Probanden, die an der Studie teilgenommen haben. Es sind insgesamt nur 76 Personen dabei: je 38 für die erste und die zweite Phase der Studie. Zum Vergleich: In der Phase-II-Studie der Universität Oxford und AstraZeneca, über die in der gleichnamigen Zeitschrift vorher auch berichtet wurde, nahmen über 1000 Probandinnen und Probanden teil. Außerdem irritiert es, dass es keine Kontrollgruppe gab, die ein Placebo bekommen hätte. Zudem wurden bei der Studie Altersgruppen nicht beachtet, die für negative Nebeneffekte am anfälligsten sind.

Dr. Konstantin Andreev

Zweitens, es ist nicht klar, ob es ein Zeitintervall zwischen der Phase-I und der Phase-II gegeben hat. Es gibt auch keine Antwort auf die Frage, warum die Ergebnisse der Studie noch vor dem Ablauf der 180-Tage-Frist, die sich die Impfstoffentwickler auf der Registrationsseite clinicaltrials.gov selbst auferlegt haben, veröffentlicht wurden. 

Wieso mussten Sie eigentlich den zweiten offenen Brief, diesmal für The Lancet, schreiben, – nur wenige Tage nach der Note of Concern, welche Ihre Kollegen und Sie im Blog Cattivi Scienziati veröffentlicht hatten?  

Streng genommen wird das der erste Brief sein. Im wissenschaftlichen Umfeld braucht auch ein solcher Kommentar Zustimmung von Experten. Eine Veröffentlichung im Blog oder in den sozialen Netzwerken, bei allen dazu gehörigen Vorteilen, kann man kaum als Dokument verwenden, auf das man in einer wissenschaftlichen Diskussion verweist. Traditionell ist es so, dass man Anmerkungen und Fragen in Form eines offenen Briefes an die Fachzeitschrift schickt, wo die besagte Studie veröffentlicht wurde. Die weitere Diskussion soll auch dort stattfinden. 

Besonders ein Argument wurde oft aus Ihrem Brief zitiert, nämlich, dass die Patienten bei der russischen Studie eine ähnliche Konzentration an Antikörpern aufwiesen, obwohl sie verschiedene Kombinationen der Vakzine bekommen hatten. Wo ist hier das Problem?

Genau, die meisten Fragen haben wir zur Distribution der voneinander unabhängigen experimentellen Werten gleich auf mehreren Grafiken. Zum Beispiel die Konzentration unterschiedlicher Typen von Lymphozyten (CD4 und CD8) sind bei neun Patienten aus neun absolut identisch. Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Blick auf die ähnliche Konzentration der Antikörper bei unterschiedlichen Probanden. Dabei sind die Daten der Zytometrie, auf Grund derer diese Grafiken entstanden sind, öffentlich nicht zugänglich.

Und wiederum zum Vergleich: In der erwähnten gemeinsamen Studie der Universität Oxford und AstraZeneca wurden zusätzliche Informationen mit Rohdaten auf insgesamt über 100 Seiten zur Verfügung gestellt. Nichtsdestotrotz möchte ich keine voreiligen Schlüsse ziehen, ehe wir die Kommentare der russischen Impfstoffentwickler gesehen haben.

Sie können also einen Zufall nicht ganz ausschließen? 

Selbstverständlich nicht. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit vergleichbar mit der Situation, dass neun zufällig gewählte Personen eine identische Korrelation zwischen der Länge ihrer Zehen und der Anzahl ihrer Haare aufweisen würden. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei einigen Hundertstelprozenten.

Sie fordern Ihre russischen Kollegen auf, die Rohdaten der Experimente zur Verfügung zu stellen. Was, wenn die Impfstoffentwickler aus Russland keine befriedigende Erklärung für die Studienergebnisse abgeben können? Erwarten Sie, dass die Publikation zurückgezogen wird?  

Nun, unser offener Brief hat es sich nicht zum Zweck gemacht, die Publikation zurückziehen zu lassen. Wir sehen unsere Aufgabe darin, die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Gemeinde auf mögliche methodologische Fehler zu richten und eine Manipulation der Ergebnisse auszuschließen. Ob es dann am Ende zur Korrektur der Studienergebnisse oder Rücknahme der Publikation kommt, liegt in der Hand der Zeitschrift “The Lancet”.

Das Gespräch führte Mikhail Bushuev.

Dr. Konstantin Andreev ist Virologe und Mikrobiologe am Howard Hughes Medical Institute und an der Northwestern University (USA). Er ist in Russland geboren, lebt und arbeitet in den Vereinigten Staaten.