Warum die Corona-Warn-App bislang zu wenig hilft

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Die Bundesregierung startete im Juni eine Corona-Warn-App, die Nutzern anzeigen soll, wenn sie mit Infizierten in Kontakt waren. Kein leichtes Unterfangen, wie sich zeigte. Eine erste Bilanz.

“Die Corona-Warn-App wirkt, sie ist nachgefragt, sie funktioniert – und sie hilft damit, Infektionen zu vermeiden.” Mit diesem positiven Befund bilanziert das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage der DW die vor rund 100 Tagen in Deutschland eingeführte App. Die App sei mehr als 18 Millionen Mal heruntergeladen worden. Eine Dreiviertel Million – negative oder positive – Testergebnisse seien digital in die App übertragen worden.

Die Zahlen seien durchaus beachtlich, sagt Gert G. Wagner, Mitglied des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen beim Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. “Allerdings bedeutet das nicht, dass die App besonders wirksam wäre”, schränkt Wagner ein. “Denn wenn nicht mindestens 50 Prozent der Bevölkerung die App nutzen, werden nur ganz wenige Prozent der Fälle, bei denen eine Neuinfektion vorliegt, auch tatsächlich erfasst – nämlich im Moment geschätzt etwa fünf oder sechs Prozent.”

Lernen für den Herbst

Der sechsköpfige Sachverständigenrat, zu dem Wagner gehört, hatte bereits im Juni eine Reihe von Handlungsempfehlungen gegeben. Die App sei ein “soziales Experiment, dessen Wirkungen in vielerlei Hinsicht unklar sind”. Es werde sich wohl “rasch zeigen, dass die App kein Allheilmittel ist”.

Auf jeden Fall müsse zügig ein “Coverage von mindestens einem Drittel erreicht werden”, schrieb der Rat im Juni – sprich: jeder Dritte in Deutschland solle die App installiert haben. Wenn nicht, könne “man aus der Einführung der App in einer Zeit mit niedrigen Infektionsraten kaum etwas lernen”. Es gehe schließlich darum, sich auf eine mögliche große Infektionswelle im Herbst vorzubereiten.

Gert G. Wagner hält die Warn-App für bislang nicht besonders wirksam

Die Abdeckung von einem Drittel sei fast erreicht, aber differenzierte statistische Analysen stünden noch aus, bilanziert Wagner aktuell.

Folge des Datenschutzes

“Aus Sicht der Bundesregierung gibt es keine Mindesterfolgsgrenze”, heißt es aus dem Ministerium. Jede eingesetzte App schaffe einen “konkreten Mehrwert”.

Doch über den tatsächlichen Einsatz der App gibt es kaum Erkenntnisse, bestätigt auch das Ministerium. “Alle Daten werden verschlüsselt und ausschließlich auf dem eigenen Smartphone gespeichert”, heißt es. “Weder das Robert-Koch-Institut als Herausgeber noch Dritte haben Zugriff auf diese Daten.” Auch deshalb gebe es keine “detaillierte Auswertung, wie viele Menschen mit Hilfe der Corona-Warn-App über eine mögliche Risiko-Begegnung informiert wurden” – also Warnmeldungen erhielten.

Diese Einschränkungen hängen damit zusammen, dass sich Deutschland wie viele andere EU-Staaten aus Datenschutzgründen gegen eine zentrale Datenerfassung und für einen dezentralen Ansatz entschieden hatte.

Was hätte anders gemacht werden können?

Die Corona-Warn-App startete im Juni zunächst recht viel versprechend – es gab viele Downloads . Danach fanden sich vor allem in den Sozialen Medien zahlreiche Berichte über Fehlermeldungen und missverständliche Formulierungen in der App. Auch als Reaktion darauf wurde eineHilfe-Seiteeingerichtet. Ansonsten war von offizieller Seite von der App wenig zu lesen oder zu hören.

Zeigt die App einen Risiko-Kontakt an, dann kann ein Corona-Test Sicherheit schaffen

“Ich hätte eigentlich erwartet, dass die Bundesregierung eine richtige Kampagne startet mit etlichen Ministern und Prominenten, die für die App-Nutzung werben”, wundert sich der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Wagner. Das sei aber nicht der Fall gewesen.

Auch hätte es Umfragen geben können, wie die App tatsächlich genutzt wird. “Umfragen steht der Datenschutz nicht entgegen”, sagt Wagner. So könne man herausfinden, wie viele Fehlalarme es gebe, wie viele Nutzer sich nach einer Warnung wirklich testen lassen oder gleich in Quarantäne gehen. In die App selbst hätte, sagt der Experte, auch ein Feature eingebaut werden können, mit dem Leute freiwillig ihre Daten für statistische Zwecke zur Verfügung stellen, also sozusagen spenden.

Dass mehr Werbung gut getan hätte, zeigt auch eine Studie der Technischen Universität München. Demnach meinen 51 Prozent der Befragten, dass die App nichts am Pandemie-Geschehen ändern werde. Im Juni lag dieser Wert noch bei 41 Prozent.

Auch der Datenschutz bleibt laut einer Studie zur Akzeptanz der Warn-App Thema: Im Juni äußerten noch 57 Prozent die Befürchtung, die App könnte zur staatlichen Überwachung genutzt werden. Im August war dieser wert zwar gesunken, lag aber immer noch bei 44 Prozent.

Ab jetzt auch grenzüberschreitend

Die App ist in Deutschland freiwillig. Es gab vereinzelte Stimmen, die eine verpflichtende Nutzung fordern. Was allerdings auch technisch nicht ohne weitere umzusetzen wäre. Nicht alle haben ein Smartphone – außerdem funktioniert die App nur auf neueren Modellen.

Unterwegs ins Ausland? In Zukunft soll die deutsche Corona-App auch mit den nationalen Apps einiger Nachbarländer kommunizieren können

Von einer Pflicht hält der Sachverständige Wagner nichts. Dafür gebe es zu viele Möglichkeiten auszuweichen, wie das Smartphone nicht einzuschalten, es liegen zu lassen oder zumindest zu behaupten, es nicht dabei zu haben.

Zuletzt gab es Mal wieder eine positive App-Nachricht: Das Nachverfolgen der eigenen Kontakte war bisher auf Nutzer der nationalen Warn-Apps beschränkt. Vor einigen Tagen nun startete die EU testweise eine Schnittstelle, die den grenzüberschreitenden Betrieb in einigen Mitgliedsstaaten ermöglichen soll, darunter auch in Deutschland.