Der Fall Joshiko Saibou: Geht es um Meinung oder Gesundheit?

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Basketball-Bundesligist Telekom Baskets Bonn bezeichnet Joshiko Saibou als “permanentes Infektionsrisiko” und kündigt ihm fristlos. Der Profi sieht sich als Opfer – wegen seiner abweichenden Meinung zur Corona-Krise.

Auf Wiedersehen – im Arbeitsgericht. Davon geht auch Basketball-Bundesligist Telekom Baskets Bonn aus. Am Dienstag hatte der Verein seinem Spieler Joshiko Saibou fristlos gekündigt – und dabei einkalkuliert, dass sich der Klub juristisch auf dünnem Eis bewegt. Arbeitsrechter bezweifeln, dass die Kündigung vor Gericht Bestand haben wird. “Wir wissen, dass wir keine guten Karten haben, da mit einer Null rausgehen”, räumte Telekom-Baskets-Präsident Wolfgang Wiedlich gegenüber dem “Sport-Informations-Dienst” ein: “Es läuft wahrscheinlich auf einen Vergleich hinaus. Aber das ist uns allemal lieber, als dass unser Mini-Raumschiff in die Luft fliegt.”

Was war geschehen? Nationalspieler Saibou und seine Freundin, die Weitspringern Alexandra Wester, hatten am vergangenen Samstag in Berlin an der umstrittenen Demonstration gegen die staatlichen Corona-Auflagen teilgenommen. Auf Fotos waren die beiden Topsportler ohne Schutzmaske zu sehen. An der Protestaktion hatten sich nach Schätzungen der Sicherheitsbehörden rund 20.000 Menschen beteiligt. Die Polizei hatte die Kundgebung schließlich aufgelöst, weil sich kaum ein Teilnehmer an die Corona-Sicherheitsauflagen wie Mindestabstand und Gesichtsmaske gehalten hatte.

“Kein Gelegenheitsleugner”

Die Telekom Baskets Bonn begründeten auf ihrer Internetseite die fristlose Entlassung Saibous mit “Verstößen gegen Vorgaben des laufenden Arbeitsvertrags als Profisportler”. Klubpräsident Wiedlich verwies darauf, dass die Vereine der Basketball-Bundesliga (BBL) gerade “akribisch” an Hygienekonzepten für Zuschauer und Arbeitsschutz-Richtlinien für die Spieler in der neuen Saison arbeiteten: “Deshalb können wir ein permanentes Infektionsrisiko, wie es der Spieler Saibou darstellt, weder gegenüber seinen Arbeitskollegen in unserem Team noch gegenüber anderen BBL-Teams im Wettkampf verantworten.” Saibou sei “kein Gelegenheitsleugner” der Corona-Pandemie, legte Klubchef Wiedlich nach.

Der Verein versuche, “einen Schutzwall gegen Corona” aufzubauen, “da kann es keinen geben, der sagt: ‘Pass auf, das Virus gibt es gar nicht’.” Saibou gefährde “fahrlässig unsere Existenzgrundlage”, ergänzte Michael Wichterich, Sportmanager der Telekom Baskets.

Saibou wies die Vorwürfe zurück. Ihn als Gefahr für den Verein zu bezeichnen, sei “haltlos”. Seit Monaten finde bei den Bonnern, die sich nicht für das Bundesliga-Finalturnier in München im Juni qualifiziert hatten, kein Teamtraining statt. Und daran werde sich vorläufig auch nichts ändern, sagte der Profi in einem Video, das er auf Instagram postete. “Dazu habe ich auf der Demo [in Berlin – Anm. d. Red.] bewusst darauf geachtet, niemanden in Gefahr zu bringen.”

Die Kündigung gegen ihn sei ein “Schlag ins Gesicht der Meinungsfreiheit”, so Saibou. Seine Freundin Wester kritisierte via Instagram, dass “Vereine ihre Sportler immer noch so wie Puppen behandeln können”. Die Weitspringerin beendete ihr Video mit den Worten: “Ihr solltet verstehen, dass wir Athleten nicht die Sklaven der Neuzeit sind. Aber ihr macht uns gerade dazu.”

Umstrittene Äußerungen

Saibou und Wester hatten sich in den vergangenen Monaten in den sozialen Medien mit teilweise kruden Thesen zu Wort gemeldet. So postete Wester Ende April auf Instagram ein Video, in dem sie das staatliche Vorgehen in der Corona-Krise kritisierte. Darin behauptete die Leichtathletin, Rechtsanwälte und Ärzte, die sich für Menschenrechte einsetzten, würden in Gefängnispsychiatrien eingesperrt. Saibou veröffentlichte Anfang Mai, ebenfalls per Video auf Instagram, einen “Appell an den Verstand”. Darin warf er der Öffentlichkeit vor, den Medien und der Politik blind zu folgen: “Hinterfrage nichts! Selbst, wenn Menschen niedergeschlagen und verhaftet werden. Das ist zum Wohl aller. Also, Blatt vor den Mund!” Danach zog sich Saibou eine Gesichtsmaske an.

Weitspringer Wester sorgte wie ihr Freund Saibou durch ihre Äußerungen in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen

Schon damals distanzierte sich Telekom-Baskets-Präsident Wiedlich von den Äußerungen Saibous, verwies jedoch auf die Meinungsfreiheit. Ähnlich verhielten sich bisher der Deutsche Basketball Bund (DBB) und im Falle Westers der Deutsche Leichtathletikverband (DLV). Saibou absolvierte für die deutsche Basketball-Nationalmannschaft zehn Länderspiele. Der 30-Jährige war im Sommer 2019 von Alba Berlin zu den Telekom Baskets Bonn gewechselt.

Die 26 Jahre alte Weitspringerin Alexandra Wester hofft auf einen Start bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio. DLV-Cheftrainerin Annett Stein hat Wester nach eigenen Worten jedoch “klargemacht, dass jeder DLV-Athlet eine Vorbildfunktion hat, wenn es um politisch motivierte Äußerungen zu umstrittenen Themen geht”.