Burka-Verbot frustriert Musliminnen

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Vor einem Jahr wurde das Tragen der Burka in der niederländischen Öffentlichkeit verboten. Musliminnen klagen über zunehmende Aggressionen. Die Maskenpflicht in Bus und Bahn empfinden sie als doppelt diskriminierend.

Bos en Lommerplein, ein Platz im Westen von Amsterdam. Wer hier grade auch nur flüchtig vorbeigeht, dem fällt Emarah* auf. Sie trägt eine Burka, ist von Kopf bis Fuß in schwarzen Stoff gehüllt. Vor drei Jahren fing sie an, eine Burka zu tragen, die auch ihr Gesicht vollständig bedeckt.

“Die Leute denken oft, dass ich sie tragen muss, weil mein Mann es mir befiehlt. Aber es ist meine eigene Wahl”, sagt sie im Gespräch mit der Deutschen Welle. “Ehrlich gesagt war ich noch gar nicht verheiratet als ich anfing, die Burka zu tragen.” Mit einem Unterton von Frustration in ihrer Stimme ergänzt sie, dass es schwierig sei, einen Ganzkörperschleier zu tragen, da die Leute sie nur als Feind sähen. “Ich fühle mich total allein, in eine Ecke gedrängt. Ich werde diskriminiert, nur weil ich meine Religion ausüben möchte.”

Emarah will selbstbestimmt entscheiden, ob sie die Burka trägt

Burka-Verbot nur eine Handvoll Male durchgesetzt

Vor einem Jahr hatte die niederländische Regierung das umstrittene Gesetz zum Verbot von Kleidung, die “das Gesicht vollständig bedeckt”, verabschiedet. Es folgten ähnliche, sogar strengere Verbote in Frankreich und Belgien. Zwar verbietet das niederländische Gesetz das Tragen derartiger Kleidung in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in öffentlichen Gebäuden wie Schulen, Krankenhäusern und Regierungsgebäuden. Anders als in Frankreich und Belgien darf die Burka aber weiterhin auf der Straße getragen werden.

Die öffentliche Sicherheit war der Hauptgrund für das Verbot in den Niederlanden. Der Prozess, der zu dem Verbot führte, wurde vor 14 Jahren von Geert Wilders, dem Vorsitzenden der rechten “Partei für die Freiheit”, initiiert. Frauen, die sich weigern, ihre Gesichtsbedeckung zu entfernen, müssen mit einem Bußgeld zwischen 150 und 450 Euro rechnen. Allerdings: Nach Angaben eines Sprechers der niederländischen Polizei wurde die Geldbuße im vergangenen Jahr nur eine “handvoll” Male verhängt.

Mehr Aggressivität

“Die Reaktionen in der Öffentlichkeit sind aggressiver als je zuvor”, sagt Emarah. Dabei ist es immer noch legal, die Burka auf der Straße zu tragen. Aber schon vor dem Verbot habe sie Gewalt erlebt, sagt sie. “Im Supermarkt sind mir Leute mit einem Einkaufswagen in die Hacken gefahren, damit ich ihnen aus dem Weg ging.”

Seit das Gesetz vor einem Jahr in Kraft getreten ist habe die Aggressivität noch deutlich zugenommen: “Ein Mann versuchte sogar, mich mit seinem Auto anzufahren.”

Rund 5 Prozent der niederländischen Bevölkerung ist muslimisch.

Niederländer uneins

Die Schwestern Anne und Truus Postma trinken Tee auf dem Lambertus Zijlplein im Westen von Amsterdam und blicken auf die Händler, die auf dem Montagsmarkt in dem belebten Migrantenviertel frisches Gemüse verkaufen. Der Ort, so sagen sie, habe sich seit dem Verbot nicht wesentlich verändert. “Ich habe es lieber, wenn ich ihre Gesichter sehen kann – aber es gab sowieso kaum Frauen mit solchen Gesichtsbedeckungen”, sagt eine der Schwestern.

Leila sitzt auf einer Holzbank in der anderen Ecke des Platzes. Sie sagt, sie sei mit dem Verbot zufrieden. “Es ist einfach zu viel”, erklärt sie. “Wir leben in einem europäischen Land. Warum muss man sich so verhüllen? Ein Schal wie der, den ich trage, ist ausreichend.”

Auch Giulio Bonotti, ein somalisch-italienischer Mitarbeiter des Stadtrats, ist mit der Gesetzgebung zufrieden. “Mir gefallen diese Schleier überhaupt nicht, das ist Folter”, sagt er. “Es ist, als sei die Frau überhaupt nichts wert. Es war richtig, die Burka zu verbieten”.

Muslime fühlen sich nicht mehr willkommen

Obwohl die Niederlande weltweit für ihre Liberalität bekannt sind, “werden sie immer intoleranter”, sagt Emarah mit einem Seufzer. Sie betrachtet das Gesetz als einen “Angriff auf den Islam” und sagt, es verstoße direkt gegen ihr Recht auf Religionsfreiheit, wie es in der niederländischen Verfassung und der Europäischen Menschenrechtskonvention verankert ist. Wenn sie gezwungen wäre, ihre Burka abzulegen, sagt sie, würde sie sich erniedrigt fühlen. “Es war meine Entscheidung, sie anzuziehen, und ich möchte entscheiden, wann ich sie wieder ausziehe.”

Safa*, eine 30-jährige Muslima, hat das Gefühl, dass das Verbot Angst unter Muslimen gesät hat. Und das, obwohl  in den Niederlanden nur eine kleine Minderheit von Frauen – vielleicht 150 – die Burka oder ähnlich Verhüllendes trägt. Einige ihrer religiös konservativeren Freunde sind inzwischen in andere Länder ausgewandert, insbesondere nach Großbritannien. “Sie fühlen sich hier nicht mehr willkommen”, sagt sie. Dieses Gefühl war besonders verbreitet, als die niederländische Zeitung Algemeen Dagblad im Juli 2019 die Bürger dazu aufrief, Frauen, die gegen das Burkaverbot verstoßen, festzunehmen. “Als das passierte, machten sich sogar junge, gemäßigte Muslime Sorgen”, sagt Safa.

Für manche Muslime nicht nachvollziehbar: Die Burka ist verboten, aber Gesichtsmasken zum Schutz vor Corona ist Pflicht

Burka nein – Corona-Masken ja?

Emarah und andere Frauen, die eine Burka oder Ähnliches tragen, sehen eine gewisse Ironie in den neuen COVID-19-Regeln in den Niederlanden, die Gesichtsmasken für den öffentlichen Nahverkehr zur Pflicht machen. Es scheint, dass Frauen nun für beides bestraft werden, sowohl für das Tragen als auch für das Nicht-Tragen einer Gesichtsbedeckung – je nach Zweck. “Es ist völlig widersprüchlich”, sagt Emarah, die es für falsch hält, dass die öffentliche Gesundheit als akzeptabler Grund für das Bedecken des Gesichts angesehen wird, der Glaube jedoch nicht.

Damit ist sie nicht allein. Eine Reihe von Organisationen, angeführt von der Gruppe “Don’t Touch My Niqab”, appellieren jetzt an die niederländische Politik, das Gesetz zur Gesichtsbedeckung zurückzunehmen. Sie berufen sich darauf, dass die rechtliche Begründung für das Verbot angesichts der aktuellen Corona-Regeln nichtig sei.

* Die Namen wurden auf Wunsch der Personen geändert.


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    Autorin/Autor: Florian Görner (Bild), Konstantin Klein (Text)