Frankreich und Afrika: Abnabeln in Zeitlupe

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Seit 60 Jahren sind Frankreichs ehemalige Kolonien unabhängig – doch das nur auf dem Papier. Denn Frankreich zieht im Hintergrund weiter die Strippen. Kann aus Françafrique jemals Frankreich und Afrika werden?

Freiheit, Erleichterung, Hoffnung – dies dürften die Gefühle von Millionen von Afrikanern gewesen sein, als vor 60 Jahren das französische Kolonialregime auf dem Kontinent endete. Neun französische Kolonien erlangten allein im August 1960 die Unabhängigkeit, 14 waren es im gesamten Jahr: Benin, Burkina Faso, Côte d’Ivoire, Mali, Niger, Senegal, Togo, Kamerun, Tschad, Kongo-Brazzaville, Madagaskar, Mauretanien, Gabun und die Zentralafrikanische Republik. 

1830 besetzte Frankreich als erstes Land Algerien, es folgten die Sahelzone und große Teile West- und Zentralafrikas. Es sollte viele Jahre dauern, bis die Ketten des Kolonialismus gesprengt würden, Millionen von Afrikanern litten und starben unter Frankreichs Hand. Erst 1946 gründete Frankreich die Union française, was es den afrikanischen Gebieten immerhin erlaubte, politische Vertreter in die Assemblée nationale zu entsenden – doch ohne von Souveränität zu sprechen. In vielen Gebieten wuchs der Widerstand gegen Frankreich. Guinea wurde im Oktober 1958 unabhängig, als erstes der afrikanischen Gebiete Frankreichs.

Keine Freiheit, keine Unabhängigkeit

“60 Jahre später haben die frankophonen Länder Afrikas noch immer keine wahre Unabhängigkeit und Freiheit von Frankreich”, sagt Nathalie Yamb, Beraterin der Partei Freiheit und Demokratie für die Republik der Elfenbeinküste (LIDER). Das fange bereits bei den Schulbüchern an, deren Inhalte oft immer noch in Frankreich bestimmt würden.

Französische Kolonialisten in der heutigen malischen Wüstenstadt Timbuktu, 1894

Zum einen bestehe in vielen dieser Länder noch immer ein von Frankreich eingeführtes Staatssystem. “Kurz bevor 1960 die Unabhängigkeit real wurde, beschloss Frankreich, in einigen Ländern wie der Elfenbeinküste, das parlamentarische System abzuschaffen und ein Präsidialregime vorzubereiten, in dem alle Territorien und Befugnisse in der Hand des Staatsoberhauptes liegen”, so Yamb im DW-Interview. Die Idee dahinter: “Um die Länder weiterhin in der Hand zu behalten, muss nur eine Person, die alle Machtbefugnisse hat, manipuliert werden.” 

Françafrique, wie der französische Einfluss in den ehemaligen Kolonien genannt wird, bleibt bestehen – und gerade bei der Jugend wächst der Groll auf die ehemalige Kolonialmacht. Seit den 1980er-Jahren versprachen zahlreiche Präsidentschaftskandidaten die Abkehr von Françafrique. 


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    Edward Colston – Held oder Rassist?

    Streit um die Statue von Edward Colston in Bristol gab es in den vergangenen Jahren bereits vermehrt. Nun haben Demonstranten das Denkmal vom Sockel geholt und ins Hafenbecken geworfen. Colston arbeitete für die Königlich-Afrikanische Gesellschaft, die jährlich 5000 Menschen versklavte. Später ging er durch Spenden an Schulen und Krankenhäuser als Philanthrop in die Geschichte ein.


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    Robert Baden-Powell – der erste Pfadfinder der Welt

    Aktivisten werfen Robert Baden-Powell, dem Erfinder der Pfadfinder-Bewegung, Rassismus, Homophobie und Bewunderung für Adolf Hitler vor. Seine Statue stand auf Brownsea Island in Südengland. Nach der Zerstörung erster Denkmäler im Zuge der Anti-Rassismus-Proteste hat die örtliche Verwaltung die Statue Baden-Powells vorsorglich selbst entfernt.


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    Leopold II. und das belgische Kolonialregime

    Statuen von König Leopold II. gibt es einige in Belgien. Der Monarch, der das Land von 1865 bis 1909 regierte, errichtete im Kongo ein brutales Kolonialregime, das als eines der gewalttätigsten der Geschichte gilt. Mehrere Statuen Leopolds II. wurden besprüht. Diese hier in Ekeren, einem Vorort von Antwerpen, haben die Behörden erst einmal in ein Museumsdepot verfrachtet.


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    Christoph Kolumbus – zwischen Verehrung und Verachtung

    Auch in den USA ist ein Streit um Denkmäler umstrittener Personen entbrannt. Der Zorn der Demonstranten richtet sich unter anderem gegen Kolumbus. Diese Statue des Seefahrers in Boston wurde enthauptet. Die Ureinwohner Nordamerikas lehnen die Verehrung Kolumbus’ ab, da seine Expeditionen die Kolonisierung des Kontinents und den Völkermord an dessen indigener Bevölkerung erst ermöglichten.


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    Umstrittene Erinnerung: Kolumbus’ Statue in Chile

    Für die einen ist Kolumbus eine der bedeutendsten Personen der Weltgeschichte, für viele Menschen in Lateinamerika steht sein Name jedoch für den Beginn einer leidvollen Zeit. Aus Sicht der indigenen Bevölkerung ist der spanische Kolonialismus ein dunkles Kapitel ihrer Geschichte. Auch in Lateinamerika wurden in der Vergangenheit Statuen von Kolumbus zerstört oder beschädigt.


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    Jefferson Davis im Visier der Demonstranten

    Jefferson Davis war Präsident der Konföderierten Staaten von Amerika und einer der führenden Politiker im Bürgerkrieg. Diese Statue von Davis wurde nun besprüht und abgerissen. Nancy Pelosi, Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, plädiert für die Entfernung weiterer Statuen von Vertretern der Konföderierten: Diese Männer seien für “Grausamkeit und Barbarei” eingetreten, sagte die Demokratin.


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    Robert E. Lee spaltet die USA

    Auch diese Statue von Robert E. Lee, dem General der konföderierten Armee im amerikanischen Bürgerkrieg, soll in den nächsten Tagen entfernt werden. In Richmond, im US-Bundesstaat Virginia, wird das Denkmal auf Anordnung von Gouverneur Ralph Northam verschwinden. Viele Afroamerikaner sehen in den Statuen von Politikern und Soldaten der Konföderierten Symbole der Unterdrückung und Sklaverei.

    Autorin/Autor: Rayna Breuer


Doch das Versprechen eines Neuanfangs zwischen Frankreich und den frankophonen Staaten Afrikas sei mittlerweile nicht mehr als ein Ritual, so Ian Taylor, Professor für Afrikanische Politik an der St. Andrews-Universität in Schottland. “Sie sprechen von Veränderung, doch schnell nach dem Amtsantritt merken die französischen Präsidenten, dass das wirtschaftliche und politische Interesse an Afrika zu stark ist und es auf beiden Seiten kein wirkliches Interesse an Veränderung gibt.”

Ressourcen, Kontrolle und Militär

Doch warum scheinen sich weder Afrikas Eliten noch Frankreich von Françafrique lösen zu wollen? Laut Paul Melly, Berater beim Afrika-Programm der britischen Denkfabrik Chatham-House, scheitert es an den privaten Interessen der Eliten. Im Jahr 1962 beauftragte Präsident Charles de Gaulle seinen Berater Jacques Foccart mit dem Aufbau der Françafrique. “Foccart baute ein Netzwerk persönlicher Kontakte zwischen der französischen Führung und den Eliten der ehemaligen französischen Kolonien auf”, so Paul Melly, im DW-Interview. “Es waren oft sehr persönliche Verbindungen, aber sie hatten auch einen intransparenten, sehr paternalistischen, sehr kontrollierenden Charakter.”

Foccart schuf Verträge mit den Herrschern der Länder, die noch heute gültig sind: Im Austausch für militärischen Schutz vor Putschversuchen und gegen Provisionen in Millionenhöhe gewährleisteten afrikanische Länder den Zugang französischer Unternehmen zu strategischen Ressourcen wie Diamanten, Erze, Uran sowie Gas- und Ölvorkommen. Heute hat Frankreich eine solide Präsenz auf dem Kontinent – mit 1100 Konzernen, gut 2100 Tochtergesellschaften und dem drittgrößten Investitionsbestand hinter Großbritannien und den Vereinigten Staaten.

Auch garantiert der Kolonialpakt Frankreich weiterhin das Vorkaufsrecht auf alle natürlichen Ressourcen und einen privilegierten Zugriff auf staatliche Aufträge.

Ein Geschäftsviertel in Duala, Kamerun zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit von Frankreich 1960

Aktuell leitet Frankreich die Militäroperation Barkhane gegen islamistische Gruppierungen in der Sahelregion. 5100 Soldaten aus verschiedenen Ländern sind daran beteiligt (Stand: Februar 2020). Die “New York Times” berichtete, dass im Jahr 2007 fast die Hälfte der 12.000 Soldaten umfassenden französischen Friedenstruppen nach Afrika entsandt wurde. Diese Truppen verfügten sowohl über militärische als auch beratende Fähigkeiten – und unterstützen und stabilisieren das Regime der jeweiligen Länder.

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