Berauschend unberauschend: Der Hype um Cannabidiol-Produkte

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Im Unterschied zu THC wirkt CBD nicht psychoaktiv, ihm wird aber eine schmerzstillende, beruhigende Wirkung nachgesagt – eine Verlockung, aus medizinischer wie auch unternehmerischer Sicht. Doch es gibt Hindernisse.

“Im Moment ist CBD das chemische Äquivalent zu Bitcoin im Jahr 2016”, so Jason DeLand, ein New Yorker Werbefachmann und Vorstandsmitglied von Dosist, einem Cannabis-Unternehmen, gegenüber der New York Times. “Es ist heiß, überall und doch versteht es fast niemand.”

Das war 2018 – als Hanf in Keksen, Hundeleckerlis und Gummibärchen war, in Cremes und Tinkturen, in Getränken. Wie gesagt: überall.

Cannabis-Mania: Hoch geflogen, tief gefallen

Auslöser des Hype war die Legalisierung von Cannabis in Kanada und einigen US-Staaten im Jahr 2018. Unternehmen wie Canopy Growth, Aurora Cannabis oder Tilray waren die Shootingstars am Aktienhimmel. Der Höhenflug hielt auch Anfang 2019 noch an. Hanf wurde hip, auch CBD wurde gehyped und viele Unternehmer witterten ihre Chance. 

Es herrschte Goldgräber-Stimmung.

Dem Cannabis-Markt wurde bis 2025 in den USA ein 23-Milliarden-Dollar-Geschäft vorausgesagt, und auch der Verbraucherumsatz von Cannabidiol, kurz CBD, sollte durch die Decke gehen – noch immer (s. Grafik). 

Wer 2013 etwa 1000 kanadische Dollar in den damals noch relativ unbekannten Pennystock des Hanf-Produzenten Canopy Growth gesteckt hätte, wäre 2019 um 2,2 Millionen Dollar reicher gewesen. 290.000 Prozent wuchsen die Titel in der Spitze.

Doch bereits Ende 2019 folgte der Crash: Der Markt verlor knapp 35 Milliarden Dollar an Wert. Die Aktien des kanadischen Produzenten Aurora Cannabis brachen um 60 Prozent ein. Nicht mehr viel erinnert an die Kursgewinne der vorherigen Jahre, als einige Aktien 400 Prozent in nur einem Monat stiegen.

Die Stimmung war, gelinde gesagt, gedämpft.

Die Euphorie der Cannabis-Fans wurde und wird vor allem von Zulassungswidrigkeiten und Unklarheiten zwischen Staaten und Ländern überschattet. So wird Cannabis überwiegend immer noch als illegale Droge gehandelt – auch aufgrund der horrenden Steuern. Viele Staaten schlagen bis zu 45 Prozent auf den legalen Verkauf drauf. Kein Wunder also, dass das Potenzial der Pflanze begrenzt bleibt.

COVID-19: Noch ein Dämpfer oder neue Chance?

Doch dann die Überraschung: Die Corona-Krise schien der Cannabis-Industrie wieder neue Absatzhöhen zu bescheren. In einigen US-Bundesstaaten etwa durften Cannabis-Shops trotz Lockdown geöffnet bleiben – wie auch Supermärkte und Bäckereien. 

“Das zeigt, wie sehr Cannabis in der Mitte der Gesellschaft verankert ist”, interpretiert Branchen-Analyst Stephen Murphy in einem früheren DW-Gespräch die Entscheidung einiger US-Bundesstaaten, Cannabis als sogenanntes essential good – also notwendiges Gut – einzustufen.

An manchen Tagen im März ging in den USA fast doppelt so viel Marihuana über den Tisch als in den Vormonaten. Auch in Kanada wurde mehr Cannabis gekauft.

Hanf-isierung: Selbst Gummibärchen sind bzw. waren vor dem CBD-Hype nicht sicher

Trotzdem habe die Corona-Krise Investoren in jeder Hinsicht deutlich vorsichtiger werden lassen, davon bliebe auch die Cannabis-Branche nicht verschont. “Die Industrie ist immer noch neu, sie benötigt viel Geld: für Lobbyarbeit, Maschinen, Technologie und Personal. Wir sehen, dass es für einige Firmen viel schwieriger geworden ist, an Geld zu kommen.”

Keine kiffende Subkultur

Von Unsicherheiten, Widersprüchen und Schmuddel-Image erzählt auch Arek Losiewicz. Er ist einer der drei Gründer von The Herbalist, einem Shop für Hanferzeugnisse und insbesondere CBD-Produkte in Köln. Seit 2018 gibt es den Laden, der nunmehr drei Filialen in Köln und Krefeld zählt.

Arek Losiewicz ist einer der Gründer von “The Herbalist”

“Wir haben das Potenzial im europäischen Ausland erkannt und nicht lange gezögert”, sagt Losiewicz. “Auch, wenn uns wir uns des Risikos bewusst waren, dass es sich mit The Herbalist vielleicht nur um ein kurzes Vergnügen handeln könnte.”

Damit spielt er auf eben diese undurchsichtigen oder sogar unklaren Gesetze und Richtlinien an, die sich ständig ändern können. Dazu kommt das Klischee der kiffenden Subkultur. 

“Aber bis jetzt wurden wir belohnt”, so Losiewicz. Der Laden laufe gut.

Zwar würde es noch immer viel Verunsicherung hinsichtlich Cannabis und CBD geben, die auch durch Medien geschürt würde. Doch dadurch, dass das Thema präsenter wird, kämen auch neue Kunden in den Laden, um sich zu informieren – eine gute Gelegenheit, um aufzuklären.

Von medizinischem Cannabis und unberauschendem CBD

Zum Beispiel, dass es bei The Herbalist keine Rauschmittel gibt. Selbst medizinisches Cannabis wird in Deutschland ausschließlich durch Apotheken an Patienten ausgegeben. Zuvor hat der Arzt ein Rezept erstellt und mit dem Rezept genau die Dosierung und Anwendung bestimmt.

“Viele Kunden sind erst mal skeptisch, weil es hier eben das ‘böse’ Hanf gibt”, sagt Losiewicz. “Doch wenn man ihnen erklärt, dass das nichts mit Rausch zu tun hat, probieren sie es aus.” 

In Läden wie dem Kölner Hanfshop dürfen ausschließlich Produkte aus EU-zertifizierten Nutzhanfsorten mit einem THC-Gehalt von unter 0,2 Prozent verkauft werden. Diese sind in Deutschland komplett legal und freiverkäuflich.

Doch THC steht im Laden von Arek Losiewicz ohnehin nicht zur Debatte.

CBD ist das neue Wundermittel, auf das sich die Gründer in Form von Ölen oder CBD-haltigem Nutzhanf- Tee spezialisiert haben. Das wirkt im Gegensatz zu THC nicht psychoaktiv, ihm werden dafür aber einige andere Wirkungen nachgesagt.

Exkurs: Cannabis-Chemie

Bislang wurden 113 chemische Verbindungen in Cannabis identifiziert, die als Cannabinoide bezeichnet werden, Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) sind zwei von ihnen. Die beiden Cannabinoide könnten von ihrer chemischen Struktur quasi Cousins sein, die Moleküle unterscheiden sich minimal. 

Nichtsdestotrotz macht dies einen großen Unterschied bei der Wirkung: THC wirkt psychoaktiv und berauschend. Für viele Konsumenten ist gerade das der Grund, weswegen sie THC konsumieren. Auch wenn der Besitz, Verkauf, Erwerb und Anbau vielerorts illegal ist.

THC macht high, CBD nicht

Beim Konsum von THC stellt sich ein euphorisches und glückliches Gefühl ein, das der Blockierung des Botenstoffs GABA zuzuschreiben ist. 

Auch THC hat sich bei der Behandlung verschiedener Krankheiten als wirksam erwiesen, weshalb medizinisches Cannabis oft zugelassen ist. Dazu gehören neurologische Erkrankungen, wie Multiple Sklerose oder Tourette-Syndrom.

Doch was dabei nicht in Vergessenheit geraten sollte: die Nebenwirkungen! Kiffen kann Veränderungen des Blutdrucks und des Herzschlags verursachen, Trockenheit von Mund und Rachen, Schwindel, Rötung der Bindehäute, Euphorie, Angst, Heißhunger und Müdigkeit.

Und regelmäßiger THC-Konsum kann abhängig machen sowie langfristig die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen. 

Beruhigend, nicht berauschend

CBD hingegen führt in keinster Weise zu einem Rausch, macht nicht high und nicht abhängig. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft CBD in einem Review als sicher ein. 

CBD-Produkten wird eine schmerzstillende, entzündungshemmende und beruhigende Wirkung nachgesagt – die zum Teil im Tierversuch bestätigt wurde. Die Erforschung der Wirkung von Cannabidiol auf den Menschen befindet sich allerdings noch am Anfang.

“Das Anwendungsgebiet ist riesig”, sagt auch Arek Losiewicz, “aber wir dürfen keine Heilversprechen machen.”

Er könnte sich lediglich auf Erfahrungsberichte von Kunden berufen, die es allerdings zur Genüge gebe. 

Besonders häufig würde CBD demnach gegen Schmerzen und Krämpfe, gegen Menstruationsbeschwerden oder bei Schlafproblemen eingesetzt. Es kämen aber auch Patienten mit Arthrose oder Arthritis, denen die Tropfen “gut gegen die Beschwerden helfen”. Und auch von Kunden mit Nervenkrankheiten, wie Multiple Sklerose, Parkinson oder Epilepsie hätte er schon gutes Feedback bekommen.

“CBD kann aber auch sehr unterschiedlich wirken”, erklärt Losiewicz. “Während manch einer hypersensibel ist und auf geringste Mengen reagiert, gibt es Leute, die eine sehr hohe Resistenz haben, die weit größere Dosen benötigen oder bei denen CBD vielleicht eben auch gar nicht hilft.”

Protestaktion für legalen Cannabis-Konsum: Ein junger Mann raucht aus medizinischen Gründen einen übergroßen Joint

Cannabis-Wundertüte

Auf die Frage, wie es weitergeht, weiß auch Losiewicz keine Antwort. “Das hängt stark vom Regulierungs- und Legalisierungfortschritt ab”, denkt er. Dann hätte die Branche viel Potenzial. 

Das gilt sowohl für Deutschland als auch Europa oder die USA. Im Moment gleichen die Cannabis-Regulierungen weltweit einem Flickenteppich.

In Deutschland etwa darf Cannabis für medizinische Zwecke seit 2017 genutzt werden, in den Niederlanden ist Cannabis – was den ein oder anderen überraschen mag – nicht legal, wird aber geduldet, in Polen ist der Konsum erlaubt, der Besitz jedoch nicht, in Italien ist der Anbau daheim für den Eigenbedarf seit Dezember erlaubt, in Frankreich sollte man sich lieber nicht erwischen lassen, da das Rauchen eines Joints mit der gesetzlichen Höchststrafe von bis zu einem Jahr im Gefängnis und Geldstrafe geahndet werden kann.

CBD-Massage: Die Branche zeigt sich kreativ

Als DeLand gegenüber der NYT sagte, “doch versteht es [CBD] fast niemand” dürfte diese Aussage wohl auch heute noch zutreffen – und gleich für die gesamte Cannabisbranche gelten.

Nach dem Boom in 2018, zwischen Regulierungs- und Legalisierungschaos, und darauffolgendem Crash, klettern die Kurse der Cannabis-Unternehmen jüngst wieder etwas nach oben. Es gab einige Zusammenschlüsse und Deals in der Branche. Und das Unternehmen Sweet Earth hat mit neuen CBD-Produkten den Markt aufgemischt: mit Handdesinfektionsmittel und Gel für die Muskelregeneration. Dazu kam eine neue Studie, die Hoffnung schürt: Forschende untersuchen, ob Cannabis bzw. CBD gegen COVID-19 schützen kann. 

Es könnte also ein Comeback geben. Hip ist CBD jedenfalls noch immer.