Luftfahrt-Neustart mit Pilotenmangel?

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Wer nicht regelmäßig fliegt, der droht seine Piloten-Lizenz zu verlieren. Was aber, wenn fast die gesamte Flotte zum Parken verdammt ist? Und wenn es wieder losgeht, gibt es dann genug Piloten?

Gerade hat Nils Wulkop seinen neuen Dienstplan bekommen. “Da steht für jeden Tag ein ‘X1’ drin”, erzählt er, “das heißt, ich werde überhaupt nicht fliegen.” Der 51jährige Hamburger ist Lufthansa-Pilot, sitzt seit 25 Jahren im Cockpit, die letzten zehn Jahre davon auf dem linken Sitz in einem Airbus A320. Von diesem weit verbreiteten Mittelstreckenflugzeug flog allein die Lufthansa vor der Krise über 160 Jets. Wie viele nach der Krise davon noch unterwegs sein werden ist ungewiss, einige stehen neuerdings längerfristig auf dem spanischen Abstellplatz Teruel.

Nils Wulkop hat seit März kein einziges Mal mehr am Joystick gesessen, der bei der A320 die Steuersäule ersetzt. “Ich hätte nie gedacht, dass es mit dem Grounding so lange dauert”, sagt der Flugkapitän. Er vermisst seinen Job: “Ich habe es genossen unterwegs zu sein, das war auch eine Erholung für mich.” Seit drei Monaten ist er nicht mehr aus Norddeutschland herausgekommen. “Alle meine Kollegen sind glücklich, wenn sie auf dem Dienstplan sehen, dass sie fliegen dürfen”, berichtet Wulkop, weiß aber auch: “Die Lufthansa hat es gerade sehr schwer, irgendwas verlässlich zu planen.”

Zu oft können angekündigte Flüge nicht stattfinden, etwa weil das Zielland die Grenzen doch nicht wieder geöffnet hat wie zuvor erwartet. Im Juni waren nur wenige Flugzeuge von den rund 280 Jets unterwegs, die die Lufthansa Passage-Airline in eigener Regie bisher normalerweise betreibt. Die gesamte Gruppe mit den Tochterfirmen verfügte über rund 760 Flugzeuge, etwa 200 davon sollen dauerhaft am Boden bleiben. Jede siebte Pilotenstelle sei beim nötigen Stellenabbau gefährdet, hatte Lufthansa-Personalvorstand Michael Niggemann durchblicken lassen.

Ready for take off: Hier ein Cockpit eines Airbus A300-600

Mehrere Hundert Piloten von Arbeitslosigkeit bedroht

Bei der Pilotenvereinigung Cockpit (VC) erwartet man trotzdem nicht, dass bei Lufthansa Piloten entlassen werden. “Es mögen dort Stellen wegfallen, wir glauben aber, dass das Personal definitiv gebraucht wird, etwa durch künftig nötige Umschulungen. Ich gehe nicht davon aus, dass bei Lufthansa Köpfe verschwinden werden”, betont VC-Sprecher Janis Schmitt. Ihn persönlich hat es härter getroffen – er arbeitete zuvor bei der früheren Air Berlin-Tochter Luftfahrtgesellschaft Walter (LGW), die zuletzt für Eurowings flog und kürzlich Insolvenz anmelden musste.

Denn außerhalb der jetzt durch knapp Milliarden Euro staatlicher Unterstützung stabilisierten Kranich-Linie sieht es weit schlechter aus: “Wir schätzen, dass es in Deutschland bis zu 22.000 Verkehrs- und Berufspiloten gibt, davon sind im Moment über 1200 von unmittelbarer Arbeitslosigkeit bedroht”, fürchtet Schmitt. Und rechnet vor: Allein bei LGW waren es 160 Piloten, bei dem Thomas Cook-Ableger TCN hundert, bei der jetzt in die Insolvenz gehenden Sun Express 300 bis 400, bei TUIfly 300. “Hinter Eurowings steht noch ein großes Fragezeichen, das sind auch ein paar hundert Leute, und Condor befindet sich ebenfalls in einem schwierigen Geschäftsumfeld”, hegt Schmitt bange Vorahnungen.

Die European Cockpit Association (ECA), der europäische Pilotenverband, warnt: “Tausende weiterer Piloten werden sich bald unter den Arbeitslosen Europas einreihen.” Doch sowohl Nils Wulkop als auch sein ehemaliger LGW-Kollege bleiben zuversichtlich: “Ich bin Optimist, schließlich war die Lufthansa europaweit Nummer eins vorher”, sagt Wulkop. “Ich habe noch 14 Jahre vor mir” – Verkehrspiloten müssen mit 65 in Rente gehen – “mich trifft das quasi in der Mitte meiner Karriere eher nicht.” Schließlich ist die rund achtjährige Verkehrspiloten-Ausbildung so teuer, dass weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber leichtfertig Entlassungen oder Berufswechsel vornehmen.

Auch Flugsimulatoren derzeit geschlossen

“Gefährdet sind im Moment erst mal alle, aber bei den großen Airlines gibt es ein Bollwerk an Verträgen und Absicherungsmechanismen”, schätzt VC-Mann Schmitt die Lage ein. “Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass in zwei oder drei Jahren das alte Passagierniveau wieder erreicht wird und dann braucht man die Leute. Die Frage ist natürlich, was man in der Zwischenzeit mit dem Personal macht”, so der Pilotensprecher.

Die Frage stellen sich viele derzeit auf den Boden verbannte Flugkapitäne auch schon jetzt – und der Frage könnte für die ganze Branche noch entscheidende Bedeutung zukommen. Denn Tatsache ist: “Anders als in anderen Berufen brauchen Piloten anhaltende Flugerfahrungen, um ihre Lizenzen zu behalten und für den Einsatz oder den Arbeitsmarkt verfügbar zu sein. Das ist eine gesetzlich zwingende Vorgabe”, erklärt die ECA.

Spätestens alle 90 Tage müssen Piloten drei Starts und Landungen nachweisen. In Corona-Zeiten beinahe unmöglich, nicht einmal im Simulator, was ausreichen würde, aber auch die sind weitgehend geschlossen. Die Lizenz von Janis Schmitt, der im Moment auch durch seinen Jobverlust mehr nicht fliegen kann, ist noch gültig bis März 2021. “Danach müsste ich die privat verlängern. Entweder hilft mir die Bundesagentur für Arbeit oder ein neuer Arbeitgeber – aber sonst muss ich das selbst bezahlen”, fürchtet Schmitt. “Das kann mit An- und Abreise locker 2000 Euro kosten, bis man den Schein verlängert hat.” Viel Geld für einen arbeitslosen Piloten.

Modellflugzeuge als Ersatz

Während der erzwungenen Standzeit am Boden machen die meisten Piloten nichts Fliegerisches, außer mal vorher liegengebliebene Unterlagen durchzuarbeiten. “Ich habe mir als neues Hobby zugelegt, ferngesteuerte Segelflugzeugmodelle mit meinen Söhnen zu lenken”, lacht Nils Wulkop, aber er ist sich klar: “Ich dürfte selbst gerade nicht mehr fliegen, da muss ich vorher eine Menge wieder neu lernen.” Klar ist, dass die Typenberechtigung zum Fliegen eines bestimmten Flugzeugmusters, das sogenannte Type Rating, bei den meisten Verkehrspiloten inzwischen abgelaufen ist.

Bei einem großangelegten Neustart der Linienflüge müssen alle Flugzeugführer zunächst drei bis vier Tage Training im Simulator absolvieren. “Das wird zu einem großen Flaschenhals, wenn alle Piloten erst ihre Lizenzen verlängern und sich neu qualifizieren müssen, das kann sich über einige Monate oder sogar ein Jahr hinziehen”, warnt der Pilotensprecher. Vielen Airlines und Reisenden drohen damit weitere Beschränkungen, wenn es eigentlich wieder losgehen könnte. Nils Wulkop will nur endlich wieder ins Cockpit. “Relativ viel Geld zu bekommen fürs Nichtstun fühlt sich jedenfalls schräg an.”