Tafeln erleben “neue Form der Not”

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Durch die Corona-Krise sind mehr Menschen auf die Hilfe der Tafeln angewiesen. Dabei geht es nicht nur um Lebensmittel. Denn mit der Armut wächst auch die Einsamkeit.

Später Vormittag bei der Tafel Bochum-Wattenscheid: Das Klappern von Einkaufswagen klingt über den Innenhof. “So, die Nächste, bitte.” Aenni Gorks nickt einer Frau mit leerem Rucksack lächelnd zu. “Und schön die Maske aufbehalten.” Seit dem frühen Morgen kümmert sich Gorks um den geregelten Einlass bei der Lebensmittelausgabe.

Trotz der beginnenden Mittagshitze hat die Seniorin ihre gute Laune nicht verloren. “Ein Eimer Wasser für die Füße – das wärs jetzt”, sagt sie lachend und zieht sich für einen Moment die Maske vom Mund. “Corona macht uns kaputt und die Wärme macht uns kirre.” Sie atmet einmal tief durch, dann geht es weiter. Die Schlange ist lang. Noch warten etwa hundert bedürftige Menschen auf Lebensmittel.

Ausgabestellen bleiben geschlossen

In den Lagerräumen der Tafel ist es kühler. Hier sortieren ehrenamtliche Helfer Salatköpfe, Brote und Obst. Bis zu 45 Tonnen gespendete Lebensmittel verteilen die Mitarbeiter pro Woche an Menschen aus Bochum und Umgebung. Mit einem eigenen sozialen Warenhaus und einem Integrationszentrum gehört die Tafel im Ruhrgebiet zu den größten Deutschlands. Normalerweise werden die bis zu 16.000 Bedürftigen pro Woche an mehreren Ausgabestellen versorgt. Doch seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist alles anders.

“Wir mussten zum Schutz der Helfer unsere Ausgabestellen schließen”, sagt Manfred Baasner, Vorsitzender der Wattenscheider Tafel. Nun spielt sich alles in der Zentrale ab. Der Andrang ist riesig. Aber: “Es gab keine Woche, in der wir nicht da waren”, so Baasner. Gerade wenn die Not groß ist, müsse man schnell und unkompliziert helfen – am besten “ganz still und leise”.

Annemarie (rechts) besorgt Lebensmittel für sich und ihre Mutter

Annemarie schiebt ihren Einkaufswagen zur Brot-Theke. Gemüse, Joghurt und einige Schoko-Osterhasen hat sie schon im Wagen verstaut. “Das ist nicht alles für mich”, sagt die Frau. “Meine Mutter ist 84 und hat Demenz. Für die bring ich was mit. Und mein Nachbar, der nicht mehr gut zu Fuß ist, bekommt auch was.”

Nicht alle Bedürftigen werden erreicht

Tafeln in ganz Deutschland haben sich nach Ausbruch der Corona-Pandemie zwar schnell auf die veränderten Bedingungen eingestellt. Doch immer noch sind etliche Ausgabestellen geschlossen und das Angebot bleibt wegen der Abstandsregeln weiter eingeschränkt.

Dazu kommt – gerade bei älteren Menschen – die Angst vor Ansteckung. “Es gelingt uns momentan nicht, alle Menschen zu erreichen, die eigentlich unsere Unterstützung benötigen”, sagt Jochen Brühl, Vorsitzender der Tafel Deutschland.

Das mache den Tafeln große Sorgen. “Denn wir sehen, dass die Ärmsten besonders hart von der Krise getroffen werden”, so Brühl. Familien hätten steigende Ausgaben für Lebensmittel, weil sie ihre Kinder vollständig zuhause versorgen. Älteren Menschen fehle es nicht nur an Lebensmitteln, sondern auch an Kontakten.

Wunsch nach Gesprächen ist groß

“Klar, es geht nicht nur ums Essen”, sagt auch Aenni Gorks. Sie arbeitet seit 20 Jahren ehrenamtlich bei der Wattenscheider Tafel. “Viele Leute wollen sich einfach unterhalten. Manche kommen schon um sieben Uhr, weil sie einsam sind. Das ist schon eine schlimme Sache.” Inzwischen ist es halb eins und Aenni Gorks lässt die letzten Wartenden zur Lebensmittelvergabe durch.

Abstand und Mundschutz gehören auch bei der Wattenscheider Tafel zum Pflichtprogramm

Gerade verlässt Alan mit einem gut gefüllten Einkaufswagen die Warenausgabe. Er packt Mangos und Aprikosen in seine mitgebrachten Taschen. “Darüber werden sich meine Töchter besonders freuen”, sagt er und hält eine Packung Schokopudding in die Luft. Alan stammt aus Georgien, ist Mitte 30 und hat zwei Kinder. Durch Corona endete seine Arbeitsmaßnahme in einer Nachbarstadt vorzeitig. Jetzt setzt Alan alles daran, sein Deutsch zu verbessern, um einen festen Job zu bekommen. Bis es soweit ist, braucht er die Unterstützung der Tafel.

Mehr jüngere Menschen besuchen die Tafel

“Wir haben in den letzten Wochen bei den Tafeln eine neue Form der Not erlebt “, sagt Jochen Brühl, Vorsitzender der Tafel Deutschland. “Es kommen vermehrt jüngere Menschen, die bis vor kurzem überhaupt nicht auf die Tafeln angewiesen waren und nun vor Erleichterung weinen, weil sie etwas zu essen bekommen und ihren Kühlschrank wieder füllen können.”

Besonders bei Menschen, die zum ersten Mal zur Tafel gehen, ist die Scham oft groß. Das erleben auch die Mitarbeiter in Wattenscheid. “Wenn ich dann frage, ob sie neu dabei sind, rollen oft die Tränen”, sagt Aenni Gorks. “Deshalb freuen wir uns umso mehr, wenn die Leute dann wieder mit guten Nachrichten herkommen – zum Beispiel mit einem neuen Job.”

Not ist groß – Solidarität ist größer

Es gibt nicht nur schlechte Nachrichten seit Ausbruch der Pandemie. In den letzten Wochen haben sich viele Menschen bei Manfred Baasner gemeldet und ihre Hilfe angeboten. Tobias Schmelter ist einer von ihnen. Er ist 24 Jahre alt und arbeitet seit etwa einem Monat ehrenamtlich bei der Wattenscheider Tafel. Am frühen Morgen ist er schon die verschiedenen Märkte abgefahren und hat Lebensmittelspenden eingesammelt. Jetzt sortiert er Äpfel und Birnen in grüne Kisten. “Es macht eigentlich schon Spaß”, sagt Tobias Schmelter. “Man sitzt nicht nur am Schreibtisch, sondern ist unterwegs, hilft bei der Ausgabe und putzt Kisten – auch das muss sein.”

Schmelter hat gerade ein Maschinenbau-Studium an der Ruhruniversität beendet. Freunde treffen oder einen neuen Job anfangen fiel wegen Corona erstmal aus. “Daher hatte ich viel Freizeit und dachte, ich nutze die Zeit für was Sinnvolles – und da bin ich auf die Tafel gekommen.”