Neue Corona-Rekordzahlen in den USA – wie gehts weiter?

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In den USA wurden diese Woche mehr neue Corona-Diagnosen an einem Tag gemeldet als je zuvor. In einigen Bundesstaaten werden Krankenhausbetten knapp. Trump spielt das herunter, aber Experten sagen: Die Lage ist ernst.

Das Coronavirus mag in den Köpfen vieler US-Amerikaner dieser Tage weniger präsent sein, als noch vor einigen Wochen. In den Nachrichten sind Diskussionen über Rassismus und umstrittene Statuen von Südstaaten-Helden prominenter vertreten. Das heißt aber nicht, dass das Schlimmste der Pandemie überstanden ist. Am vergangenen Mittwoch (24.06.) wurden in den USA 45,557 neue Fälle gemeldet – das sind mehr Neudiagnosen an einem Tag als auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie im April.

Besonders besorgniserregend ist die Lage laut der Washington Post in Arizona, Arkansas, Kalifornien, North Carolina, South Carolina, Tennessee und Texas, wo ein neuer Rekord aufgestellt wurde. In den sieben Bundesstaaten liegen so viele Menschen mit COVID-19 in Krankenhäusern wie noch nie zuvor. Der Anstieg könne auf die Öffnungen am Memorial Day Wochenende Ende Mai zurückverfolgt werden, sagen Gesundheitsexperten. Viele Bundesstaaten hatten pünktlich zu dem Feiertag, der in den USA traditionell für den Beginn der Sommer- und Ferienzeit steht, ihre Einschränkungen gelockert.

In Kalifornien strömten die Menschen im Mai trotz Pandemie zu Tausenden an die Strände

Nun also die Quittung. In Arizona werden die Krankenhausbetten wieder knapp. Intensivstationen in dem südlichen Bundesstaat haben nur noch 12 Prozent freie Kapazität. In Florida sieht es ähnlich aus. Und in Texas stieg die Anzahl von Krankenhauspatienten mit Coronavirus innerhalb einer von 2793 auf 4389.

Texas zieht die Notbremse

Der texanische Gouverneur Greg Abbott zog Ende der Woche Konsequenzen. Am Donnerstag verkündete der Republikaner, dass das “Reopening” erst einmal pausiere, und dass in besonders betroffenen Gegenden seines Bundesstaates keine Operationen in Krankenhäusern durchgeführt werden, die nicht absolut notwendig sind. An diesem Freitag ging er noch einen Schritt weiter. “Wie ich von Anfang an gesagt habe, wenn die Positiv-Rate auf über 10 Prozent stiege, würde der Bundesstaat Texas Maßnahmen ergreifen, um die Verbreitung von COVID-19 einzuschränken”, so Abbott in einer Presseerklärung.

Texas hatte verhältnismäßig früh mit der Wiedereröffnung von Bars, Restaurants, Kinos, Shopping Malls und Outdoor-Freizeitangeboten begonnen. Die Maßnahmen, die der Gouverneur ankündigte, fahren jetzt einiges davon zurück. Bars oder Restaurants, die ihren Profit hauptsächlich durch den Verkauf von Alkohol machen, müssen ihre Räume wieder für Gäste schließen, dürfen aber weiterhin liefern und Getränke zum Mitnehmen verkaufen. Unternehmen, die im heißen texanischen Sommer beliebte Wassersportarten anbieten, müssen ihre Touren und Equipment-Vermietung ebenfalls wieder einstellen.

Barbesitzer in Texas dürfen ihren Alkohol jetzt erstmal wieder nur to-go verkaufen

Der Bundesstaat ist damit der erste, der auf dem 4-Phasen-Weg der Wiederöffnung einen Schritt zurückgeht. Sollten die Corona-Fallzahlen anderswo im Land ebenfalls steigen, könnten andere Staaten folgen, oder zumindest strengere Regeln einführen. “Die aktuelle Infektionsrate zeigt, dass das, was wir tun, nicht funktioniert”, schrieb die Shelley M. Payne, die Leiterin des LaMontagne Zentrums für Infektionskrankheiten an der University of Texas in Austin, der DW in einer Email. “Wenn wir Geschäfte geöffnet lassen, müssen wir uns Wege überlegen, wie wir die Sicherheit aller gewährleisten.”

Trump: Anstieg liegt nur an mehr Tests

“Ich denke, die Menschen haben die Einschränkungen satt, und wenn man niemanden kennt, der COVID-19 gehabt hat, ist es leicht…, zu vergessen, dass Menschen an dieser Krankheit sterben”, sagt Molekularbiologin Payne. Menschen in Führungspositionen könnten “helfen, indem sie klare, einheitliche Ansagen über die Risiken machen und Regeln und, wenn nötig, Einschränkungen aufstellen.”

Aber genau das ist in den USA ein Problem. Kritiker sagen, dass US-Präsident Donald Trump und republikanische Gouverneure das Virus lange nicht ernst genug genommen haben, und dass sie in ihrer Sorge über die Wirtschaft Einschränkungen zu früh aufgehoben oder nicht streng genug durchgesetzt haben – und jetzt die Gefahren eines erneuten Anstiegs herunterspielen.

Präsident Trump schrieb am Dienstag auf Twitter, die steigende Zahl der Coronavirus-Fälle in den USA sei allein darauf zurückzuführen, dass das Land mehr und mehr Tests durchführe.

Rapider Anstieg von Krankenhauseinweisungen in Austin

Aber Experten bestreiten, dass mehr Tests die einzige Ursache für den erneuten Anstieg sind. “Seit wir unsere Test-Bemühungen auch auf Menschen ohne Symptome ausgedehnt haben, finden wir mehr Fälle. Aber der Anstieg geht nicht nur auf mehr Tests zurück”, sagt Payne. “Die Positiv-Rate ist angestiegen und die Anzahl der Menschen, die ins Krankenhaus müssen ist höher. Diese Daten deuten auf mehr Erkrankungen hin.” In Austin habe die Anzahl der Krankenhauseinweisungen aufgrund von COVID-19 im April und Mai beispielsweise bei rund 10 pro Tag gelegen. Vergangene Woche lag diese Zahl laut Informationen der Stadt bei mehr als 40 pro Tag.

In den USA starben, Stand Freitagnachmittag, mittlerweile mehr als 126.000 Menschen am Coronavirus. Wie schnell, oder wie langsam, diese Zahl steigt, wird auch davon abhängen, ob Politiker bereit sind, erneut Einschränkungen einzuführen – und ob sich die Menschen an “social distancing”-Vorgaben halten, oder laue Sommerabende lieber auf vollen Restaurantterrassen verbringen wollen.