Zwischenbilanz Corona-Warn-App: Es geht doch!

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Viele Deutsche vertrauen ihrer Regierung im Kampf gegen die Ausbreitung der Pandemie. Das zeigt sich auch bei der Resonanz auf die Corona-Warn-App. Was funktioniert gut? Wo gibt es noch Probleme?

Die deutsche Warn-App für Infektionen mit dem COVID-19-Erreger hat es bis ins britische Unterhaus geschafft. In einem Rede-Duell zwischen Premierminister Boris Johnson und Oppositionsführer Keir Starmer sagte Johnson, er solle ihm doch ein Land nennen mit einer funktionierenden Warn-App. “Deutschland! Läuft seit dem 15. Juni. Zwölf Millionen Downloads”, antwortete Starmer.

In der Tat gibt es derzeit nicht wenige Meldungen aus europäischen Ländern – Italien und Frankreich zum Beispiel – wo die Resonanz für eine Warn-App bescheiden ist. Ein Grund könnten Bedenken zur Datensicherheit sein. Wenn Daten wie in Frankreich zentral gespeichert werden – anders als in Deutschland. Die französische Regierung vermutet einen anderen Grund. Es gebe “kulturelle Unterschiede”, sagte Digital-Staatssekretär Cédric O. So unterschieden sich das “Verhalten in Bezug auf die Epidemie” und “die Wertschätzung des Verhaltens der Regierung” in Berlin und Paris.

Überraschend hohes Interesse

Das Krisenmanagement der Bundesregierung wird von der Mehrheit der Deutschen laut Umfragen seit Wochen für richtig und effektiv befunden. Bezogen auf eine Warn-App aber hatten Erhebungen eine hohe Skepsis offenbart. Umso mehr überrascht, dass in Deutschland eine Woche nach App-Launch mittlerweile rund 13 Millionen Bürger die Software herunter geladen hatten, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin zuletzt bekannt gab.

Das RKI ist die nationale Gesundheitsbehörde und Herausgeber der App. Die Zahlen seien höher als in allen anderen EU-Staaten zusammen, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn stolz. Allerdings kann niemand sagen, wie viele Nutzer die App womöglich wieder gelöscht haben oder gar nicht oder unsachgemäß nutzen.

APP-Pressekonferenz mit Bundesinnenminister Horst Seehofer, RKI-Chef Lothar Wieler und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

Technisch jedenfalls soll damit eine wichtige Hürde genommen sein: Eine Tracing-App als Teil eines Pandemiekonzeptes inklusive Hygiene, Abstand und Atemschutz wirke ab 15 Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung, hieß es von Experten aus Oxford.

Dynamischer Prozess

Es könnten allerdings mehr sein. Denn, wie Regierungssprecher Steffen Seibert erklärte, die Technik laufe nicht auf älteren Mobiltelefonen. Mindestens iPhone 6s oder Android 6 sind die Voraussetzung. Medienberichten zufolge sollen bald auch älteren Modelle App-fähig sein. Das bleibt aber abzuwarten. Ansonsten scheint die App technisch geglückt. Selbst der Chaos-Computer-Club als wichtigste Hacker-Vereinigung zeigte sich zufrieden – der Quellcode der App ist offen einsehbar.

Nun zeigen sich allerdings erste Startschwierigkeiten, was im App-Geschäft allerdings nicht ungewöhnlich ist. Zum Beispiel, dass die App in einer gewissen Region nicht unterstützt werde. Nutzer hoffen auf ein baldiges Update mit entsprechender Fehler-Behebung.

Wie die App funktioniert

Das Softwareunternehmen SAP und die Telekom-Tochter T-Systems haben die App im Auftrag der Bundesregierung entwickelt. Das technische Konzept mit Bluetooth-Schnittstellen und dezentraler Speicherung stammt von Apple und Google.

Ein junger Berliner lädt sich die App herunter

Die App misst via Bluetooth, ob sich Handy-Nutzer über eine längere Zeit nähergekommen sind und speichert diese Informationen auf den Smartphones. Das geschieht im Hintergrund mithilfe kryptographischer Schlüssel, sogenannte IDs, die ständig gesendet und empfangen werden. Bewegungsprofile sind nicht möglich, weil die GPS-Daten, also die Standort-Daten, nicht abgegriffen werden. Nach zwei Wochen werden IDs gelöscht.

Wurde jemand positiv getestet und gibt das in die App ein, gibt diese eine Push-Nachricht an alle heraus, die sie sich in der Nähe eines Infizierten aufgehalten haben. Laut Telekom soll es abgestufte Warnungen geben – je nachdem, wie lange und wie dicht man einem Infizierten gekommen ist. Alles geschieht anonym und freiwillig.

Werbung für die Warn-App beim Bundesligaspiel Bayern München gegen den SC Freiburg

Das Testergebnis soll schon bald über einen QR-Code in die App eingegeben werden können, den Arztpraxen digital verschicken. Die Telekom arbeitet an der entsprechenden Infrastruktur. Noch muss bei einer Hotline angerufen werden, um eine Pin-Nummer zu erhalten.

Ein Hauptanliegen der App ist es, zufällige Personen-Kontakte zum Beispiel bei einer Zugfahrt zu informieren. Also zwischen Menschen Kommunikation herzustellen, die sich nicht kennen und die sich ansonsten nicht über die Infektion informieren würden. Und: Die Arbeit der Gesundheitsämter wird erleichtert. Denn wer erinnert sich schon an alle Menschen, die er in den letzten Tagen getroffen hat?

Erste Warnungen sind raus

Medien-Berichten zufolge gingen bereits die ersten Warn-Meldungen heraus. Das Verteilen der Warnungen übernimmt ein zentraler Server. Das RKI wollte sich zunächst noch nicht zu ersten Ergebnissen äußern. Dafür sei es noch zu früh, sagte RKI-Präsident Lothar Weiler.

Rechtzeitig zu Beginn der Reise-Saison ist die App laut RKI nun auch für Nutzer in elf Nachbarstaaten in den jeweiligen Stores herunter zu laden. Damit können Deutsche im Ausland die App nutzen wie auch Reisende in Deutschland.

Angst vor einer Zweiten Welle

Der Launch der App fällt in eine Phase der Pandemie, in der die Infektionszahlen wieder steigen und es Angst vor einer zweiten Welle gibt. Das RKI führt den Anstieg noch auf rein lokale Ausbrüche zurück. Wie zuletzt in Schlachthöfen oder in sozial prekären Wohnblöcken in Berlin.

Deshalb gibt es doch noch Kritik an der App. Diese sei nur ein “Spielzeug der digitalen Oberklasse” sagte Patrick Larscheid, Leiter eines Berliner Gesundheitsamts. Menschen, die arm sind und beengt zusammenwohnen, hätten nichts von einer solchen App. “Diese Leute werden immer wieder krank, weil sie so leben, wie sie leben.”