Muss Regisseur Kirill Serebrennikov sechs Jahre in Haft?

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Drei Jahre Ermittlungen, anderthalb Jahre Hausarrest, ein halbes Jahr Prozess: Die Symbolfigur der liberalen russischen Kunstszene erwartet das Urteil.

Kirill Serebrennikov im Gerichtssaal mit Mundschutz. Darauf ist ein Portrait des russischen Rockstars der Perestroika-Zeit, Viktor Zoi, zu sehen und die Aufschrift “Zoi lebt”

Der russische Starregisseur Kirill Serebrennikov soll, so die Staatsanwaltschaft Moskau, für sechs Jahre in Lagerhaft. Mit ihm sind drei weitere Personen angeklagt. Sie sollen nach dem Willen der Anklagebehörde für vier beziehungsweise fünf Jahre ins Gefängnis. Allen Angeklagten drohen darüber hinaus für russische Verhältnisse sehr hohe Geldstrafen sowie eine dreijährige Tätigkeitssperre in staatlichen kulturellen Einrichtungen. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch. Kirill Serebrennikov selbst beteuerte stets und erneut im wortgewaltigen Schlusswort seine Unschuld.

Die Forderung der Anklage, die Staatsanwalt Michail Resnitschenko am vergangenen Montag, 22. Juni vor dem Meschanskij-Amtsgericht Moskau vortrug sowie der ganze Prozess schockierten und empörten die russische und internationale Kultur-Community.

Was wird Serebrennikov vorgeworfen?

Laut Anklageschrift soll der heute 50-Jährige international angesehene Theaterregisseur und Filmemacher Serebrennikov für die Veruntreuung von 129 Millionen Rubel (ca. 1,6 Millionen Euro) staatlicher Fördergelder verantwortlich sein. Serebrennikov ist eine der zentralen Figuren der russischen Kultur. Zuletzt inszenierte er im März für das Deutsche Theater in Berlin das Stück “Decamerone”.

Vom russischen Kulturministerium wurde dem Projekt “Platforma”, das Serebrennikov gegründet und geleitet hat, im Zeitraum zwischen 2009 und 2015 eine Fördersumme von insgesamt 216 Millionen Rubel zur Verfügung gestellt. “Platfoma”, ein Magnet für junge, innovative Theatermacher und ihr Publikum, setzte in sechs Jahren über 340 Theaterprojekte um. Die Bandbreite reichte von Kammerstücken für wenige Zuschauer bis hin zu in gefüllten Stadien ausgetragenen Events. Als Hauptspielort diente dem Projekt ein zum Kulturzentrum umfunktioniertes Fabrikgebäude in Moskau – “Winzavod”. Der persönliche Stil von Serebrennikov setzte auf eine Verschmelzung von Sprechtheater, Film, modernem Tanz, Medien und neuer Musik. Auch als Opernregisseur hat er sich einen Namen gemacht.

Die vorübergehende Freilassung von Kirill Serebrennikov zwischen Hausarrest und Prozessanfang in den Augen von Karikaturist Sergey Elkin. Links: “Repressionen”, rechts: “Tauwetter”

Serebrennikov weiß das Schlusswort für sich zu nutzen

Das Kulturzentrum genoss Kultstatus vor allem bei jungen Menschen, denn, so Kirill Serebrennikov in seinem Schlusswort, “die Jugend entscheidet sich immer für Freiheit (…). ‘Platforma’ vermittelte den Künstlern und Zuschauern das Gefühl, dass die Ideale der Freiheit früher oder später auch hierzulande eine Grundlage unseres Lebens werden.” Genau das sowie die kritische gesellschaftliche Haltung der innovativen Kulturschaffenden um Serebrennikov scheinen dem russischen Staat oder mindestens einem Teil seiner Machtelite ein Dorn im Auge gewesen zu sein.

Seit nach der relativ liberalen Präsidentschaft von Dmitri Medwedew (2008 bis 2012) das konservative Lager in den russischen Machtstrukturen die Oberhand hat, wird gegen die freie Kulturszene immer härter vorgegangen. Bereits 2014 gab es erste Steuerprüfungen und seit 2017 wird gegen Serebrennikov, seine Mitstreiter sowie eine Mitarbeiterin des Kulturministeriums, die Kunsthistorikerin Sofia Apfelbaum, ermittelt. Im August 2017 wurde Kirill Serebrennikov festgenommen und verbrachte die folgenden anderthalb Jahre unter Hausarrest. 

Russische Justiz gegen Theater

Wer die Anklage gegen Serebrennikov genau verstehen will, muss sich durch einen Stapel teils widersprüchlicher Akten arbeiten. Die Anklage baut auf Zeugenaussagen der Buchhalter des Projektes “Platforma” auf, die beteuern, Fördergelder im großen Stil unterschlagen zu haben. Die Verteidigung und viele Beobachter gehen davon aus, dass die Zeugen unter Druck gesetzt wurden. Es wird darauf hingewiesen, dass angesichts der Anzahl und Qualität der umgesetzten Projekte die Fördersumme eher gering erscheine. Das verstehe, so Serebrennikov, jeder Mensch, der eine Ahnung vom Theater hat. Merkwürdig erscheint auch, dass vom Gericht insgesamt drei Gutachten in Auftrag gegeben wurden, wobei die ersten beiden die Angeklagten entlasteten und offensichtlich nicht ins Konzept passten.

Bessere Zeiten: Kirill Serebrennikor nach einer Premiere 2017

Allerdings gab auch Serebrennikov in seinem Schlusswort zu, dass die Buchführung von “Platforma” schlampig – in seinem eigenen Wortlaut “katastrophal” – geführt worden sei. Er selbst habe sich nur um die künstlerische Seite und nicht um die Buchführung gekümmert. Man wolle nun aber diese Fehler ausnutzen, um “die Botschaft des Projektes und seiner Macher zu diskreditieren”, so Serebrennikov. “Dennoch ist ‘Platforma’ ein Teil der Geschichte neuer russischer Kunst”, unterstrich der Regisseur in seinem Schlusswort. “Während der gesamten Ermittlung hatte ich ein starkes Gefühl von Ungerechtigkeit. Denn mit ‘Platfoma’ haben wir und ich persönlich etwas wirklich Bedeutendes für unser Land geschaffen.”

“Free Kirill!”

Das Verfahren gegen Serebrennikov wurde national und international als politischer Schauprozess kritisiert. Über 3000 prominente russische Kulturschaffende haben einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie sich für Serebrennikov stark machen. Auch Kanzlerin Angela Merkel und internationale Stars hatten sich für den Filme- und Theatermacher eingesetzt.

So sagte Andreas Homoki, Intendant des Opernhauses Zürich, gegenüber der DW: “Das von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafmaß gegen Kirill Serebrennikov ist hochgradig schockierend. Gerade in einem Land, das so stolz auf seine Künstlerinnen und Künstler ist, wäre das Urteil ein weiterer zu bedauernder Schritt in die Isolation.” Auch der renommierte Opernregisseur Barrie Kosky wertete die Verfolgung von seinem “geliebten und geschätzten Kollegen” als “internationalen Skandal” und rief andere Kulturschaffende in seinem Statement für die DW zu Solidarität auf.

Das Urteil soll am Freitag, 26. Juni in Moskau gesprochen werden.