Cannes: Filme streamen statt roter Teppich

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Das wichtigste Filmfestival der Welt fällt wegen Corona aus. Der “Marché du Film” findet aber statt: Wie der Filmmarkt funktioniert und warum er so wichtig ist.

Kein Cannes im Mai: Das weltweit wichtigste Filmfestival muss 2020 abgesagt werden. Für die Branche ein herber Verlust, gilt das Rennen um die Goldene Palme, den Hauptpreis des Filmfests an der südfranzösischen Promenade de la Croisette, neben der Oscar-Show in Hollywood doch als prestigeträchtigstes Ereignis der internationalen Kinoszene.

Doch das Festival mit Wettbewerb und spektakulären Premieren am roten Teppich sind das eine – der “Marché du Film” das andere. Die großen Festivals betreiben neben den Filmpräsentationen für Publikum, Presse und Fans nämlich auch einen Markt. Dort wird ge- und verkauft. Die Ware: neue Filme.

“Marché du Film” – Cannes als Handelsplatz für Filme

In Cannes gibt es den “Marché du Film” seit 1959 – und auch dieser wurde für dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie zunächst abgesagt. Doch nun gibt es ihn doch, in einer virtuellen Version, die in diesen Tagen (22. bis 26. Juni) stattfindet. Schließlich muss das Film-Business irgendwie weitergehen. Kino ist Kunst, aber auch milliardenschweres Geschäft – irgendwann werden auch die Filmtheater ihre Ware wieder ans Publikum bringen müssen.

So sieht es normalerweise beim “Marché du Film” in Cannes aus

Von einem normalen Kinobetrieb kann derzeit nicht die Rede sein, auch wenn viele Kinos beispielsweise in China, Deutschland und einigen US-Bundesstaaten in diesen Tagen ihren Betrieb unter Beachtung der coronabedingten Hygieneregeln wieder aufnehmen. Doch was wird in den kommenden Wochen und Monaten dort zu sehen sein? Darauf gibt der “Marché du Film” erste Antworten.

Cannes: 4000 neue Filme und Projekte aus 120 Ländern im Angebot

Hier kann neue Ware gekauft werden – die Filme, die das Publikum weltweit in der Saison 2020/21 sehen soll. Der Bedarf ist offenbar groß. 12.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich am virtuellen Schaulaufen des Kinos in Cannes angemeldet. Rund 4000 Filme und Projekte aus mehr als 120 Ländern können gesichtet werden. Beim “Marché du Film” wird auch mit Filmen gehandelt, die noch gar nicht fertig sind.

Regisseur Michael Mann will das Leben Enzo Ferraris verfilmen

Hollywood nutzt den Markt seit jeher zur Promotion für seine Filme. So können die Besucher des virtuellen Marktes Filme und Trailer von Hollywood-Produktionen sehen. In Zeiten des eingeschränkten Filmbetriebs sorgt dann auch schon die Ankündigung, dass US-Regisseur Michael Mann sein Drehbuch für den lang erwarteten Spielfilm über Italiens Autonarr Enzo Ferrari beim “Marché du Film” vorstellen werde, für Schlagzeilen. 

“German Films”: der Filmmarkt in Cannes als Experiment

Und die Deutschen? Der “German Pavillon” ist in Cannes eine feste Institution, hier trifft sich die deutsche Filmbranche seit Jahren – und macht ordentlich Werbung fürs heimische Kino. Auch das geschieht in diesen Tagen nur virtuell: “Für uns ist das in dieser Form, wie für alle anderen Teilnehmer, eine Premiere und auch ein Experiment”, so die Organisation “German Films”, die deutsche Filme im Ausland bewirbt, im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Deutsches Kino: Fassbinder-Biopic von Oskar Roehler als Aushängeschild

Besonders freut man sich bei “German Films”, dass Oskar Roehlers Filmbiografie “Enfant Terrible” über den Regisseur Rainer Werner Fassbinder zu den 56 ausgewählten Filmen gehört, die beim Filmfestival in Cannes exklusiv präsentiert worden wären – wäre die Pandemie nicht gewesen. Die Filme werden jetzt größtenteils bei anderen Festivals Premiere feiern.

Rainer Werner Fassbinder in “Enfant Terrible”, glänzend dargestellt von Oliver Masucci

“Enfant Terrible” kann nun in Cannes gesichtet werden und wird demnächst weltweit vor Publikum laufen – dies ist keine gewagte Prognose. “Wir haben viele deutsche Filme, die erfolgreich in den Wettbewerben großer internationaler Filmfestivals laufen”, sagt “German Films” und nennt als Beispiel auch “Undine” von Christian Petzold. Der Film habe schon während der Berlinale im Februar “für einigen Buzz” gesorgt und sei vom Weltvertrieb “The Match Factory” bereits in mehrere Länder der Welt verkauft worden. Wer “Undine” noch nicht eingekauft hat, der kann das in Cannes nachholen.

Digitaler Filmmarkt in Cannes: aufwendiger als die “normale” Ausgabe

Die digitale Ausgabe des Filmmarkts hat es aber in sich, sagt “German Films”: “Den Aufwand hatten wir im Vorfeld geringer eingeschätzt. Die komplett neue Konzeptionierung war aufwendiger als die bereits frühzeitig komplett geplante und vorbereitete physische Umsetzung eines Deutschen Pavillons.”

Diesmal bleiben die Stände beim Filmmarkt in Cannes leer

Zumindest sei der “Marché du Film” in diesem Jahr weniger teuer: “Die gesamte Logistik für Anreise, Übernachtung und Empfänge fällt natürlich weg und hier spart man auch Aufwand und Kosten.”

Schlechte Aussichten für Arthouse-Kino ohne Zuschauer?

“Was fehlt, sind natürlich die persönlichen Meetings”, so “German Films”. Das Kino sei immer noch ein “people Business”. “Arthouse-Filme profitieren in ihrer Vermarktung nach wie vor stark von der Aufmerksamkeit bei Fachbesuchern und Presse sowie Zuschauerreaktionen, die bei den großen ‘physischen’ Festivals generiert wird.”

“A Black Jesus”: Wer darf die Jesus-Figur bei der traditionsreichen Prozession auf Sizilien tragen?

Unter den neuen Filmprojekten, für die “German Films” in Cannes in diesen Tagen wirbt, sind auch zwei, die besonders gut in die Zeit zu passen scheinen: Eines davon ist”A Black Jesus”. Die Dokumentation wurde von Wim Wenders und seiner Firma “Road Movies” produziert. Darin fragt Edward, ein junger ghanaischer Bewohner einer Unterkunft für Geflüchtete auf Sizilien, ob er an einer traditionsreichen Heiligen-Prozession teilnehmen und eine schwarze Jesus-Figur durchs Dorf tragen darf. “A Black Jesus” des italienischen Regisseurs Luca Lucchesi stellt dabei Fragen nach der Solidarität in Europa, das über die Flüchtlingsdebatte zu zerbrechen droht.

Schwarzsein in Deutschland: “Schoko/Brownie” passt zu aktuellen Debatten

Schließlich ist auch “Schoko/Brownie” (so der Arbeitstitel) von Regisseurin Sarah Blaßkiewitz ein Film, der sehr aktuell ist. Er dreht sich um eine 30-jährige Frau mit afrikanischen Wurzeln, die in der deutschen Stadt Leipzig bei ihrer Mutter aufgewachsen ist. Sie will Lehrerin werden, jobbt bei ihrem Ex-Freund in einem Sonnenstudio. 

Die 30-jährige Ivie (Haley Louise Jones, l.) und ihre Freundin Naomi (Lorna Ishema)

“Schoko” ist ihr Spitzname, den sie selbst und ihre Freunde eigentlich nie in Frage gestellt haben. Doch das ändert sich irgendwann. “Schoko/Brownie”, der sich noch in der Postproduktion befindet, könnte aktueller nicht sein. In Cannes dürfte das deutsche Kino auch mit solchen Projekten in diesen Tagen auf großes Interesse stoßen – in der Hoffnung, dass der normale Kinobetrieb bald wieder stattfindet.