Artemisia – ein Kraut gegen COVID-19?

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Gegen die Infektion mit SARS-CoV-2 scheinen bestimmte Extrakte aus der Artemisia-Pflanze wirksam zu sein. Das zeigt eine neue Laborstudie. Nun müssen klinische Studien die Wirksamkeit bestätigen.

Der einjährige Beifuß, auch bekannt als Artemisia annua, hat sich schon lange bewährt. In der Malariabekämpfung setzen Mediziner den aus der Pflanze gewonnen medikamentösen Wirkstoff Artemisinin seit über 20 Jahren erfolgreich ein. 

Eine Forschergruppe am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam hat nun untersucht, in wie weit das Kraut auch bei COVID-19 helfen könnte. 

“Bei der neuen Studie haben wir Reinsubstanzen der Artemisia-Pflanze extrahiert und dann mit dem Virus zusammengebracht”, erklärt Peter Seeberger vom Max-Planck-Institut, der die Studie zusammen mit dem Chemiker Kerry Gilmore initiiert und geleitet hat. Die Beifuß-Pflanzen für das Projekt wurden in den USA gezüchtet. Auch Virologen der Freien Universität Berlin haben an dem Forschungsprojekt mitgearbeitet.

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COVID-19 Spezial vom 04.06.2020

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COVID-19 Spezial vom 04.06.2020

Einjähriger Beifuß als Multitalent

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollten herausfinden, ob und wie Extrakte der Pflanze – reines Artemisinin und verwandte Derivate sowie Gemische davon – gegen SARS-CoV-2 wirken könnten.

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“Nachdem ich mit Verbindungen aus Beifuß-Pflanzen gearbeitet hatte, war ich mit den interessanten Aktivitäten der Pflanzen gegen viele verschiedene Krankheiten vertraut, einschließlich einer Reihe von Viren”, sagt Seeberger.

Deshalb seien er und seine Kollegen der Meinung gewesen, dass es sich lohne, die Aktivität dieser Pflanze gegen COVID-19 zu untersuchen. 

Virales Wachstum wird behindert

Die Ergebnisse erstaunten die Wissenschaftler: Extrakte des Beifuß sind gegen SARS-CoV-2 aktiv. Die Blätter der Artemisia annua, die in Kentucky in den USA gezüchtet wurden, lieferten bei Extraktion mit absolutem Ethanol oder destilliertem Wasser die beste antivirale Aktivität. 

Diese antivirale Aktivität des ethanolischen Extrakts erhöhte sich noch, wenn Kaffee hinzugegeben wurde, so die Wissenschaftler. Artemisinin allein zeigte sich jedoch nur wenig wirksam gegen die Viren. 

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“Ich war überrascht, dass Artemisinin-Extrakte merklich besser funktionierten als reine Artemisininderivate und dass die Zugabe von Kaffee die Aktivität weiter steigerte”, sagt Klaus Osterrieder, Professor für Virologie an der Freien Universität Berlin. Er führte in der Forschergruppe die Aktivitätstests durch.

Heilsamer Kräutertrunk aus Madagaskar?

Schon seit Ende April preist Madagaskar ein angebliches Wundermittel gegen COVID-19 an. Unter der Bezeichnung “Covid Organics” ist das pflanzliche Gemisch in Umlauf – nicht nur in Madagaskar. Auch aus anderen afrikanischen Ländern trafen bereits Bestellungen ein, beispielsweise aus Tansania, Togo und Tschad, Nigeria und Guinea-Bissau. Wissenschaftliche Beweise dafür, dass das Mittel tatsächlich wirkt, gibt es nicht.

Das vermeintliche Wundermittel ‘Covid Organics’ ist noch in keinem Labor unter die Lupe genommen worden

Die deutsche Forschergruppe um Seeberger hätte sich mehr Informationen zu dem madagassischen Kräutertrunk gewünscht. “In den letzten Wochen wurden wir immer wieder darum gebeten, etwas zu dem in Madagaskar produzierten Covid Organics zu sagen. Wir haben intensiv versucht, etwas davon zu bekommen”, erklärt Seeberger.

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“Leider haben wir keinerlei Proben davon erhalten. Ich finde das sehr schade. Wenn es tatsächlich wirkt, wäre es natürlich wunderbar, es auch testen zu können. Wissenschaftlich Studien gibt es unseres Wissens bislang nicht.” Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt aufgrund der fehlenden wissenschaftliche Belege zur Wirkungsweise eindringlich vor Covid Organics. 

Altbekanntes Kraut

In Asien, Afrika und Südamerika werden pflanzliche Extrakte schon lange zur Behandlung von Infektionskrankheiten eingesetzt. Extrakte der Artemisia gelten vor allem bei der Behandlung von fiebrigen Krankheiten als erfolgreiches Mittel, etwa bei Malaria.

Artemisinin ist die Grundlage einer Anti-Malaria-Kombinationstherapie, bei der es nur geringe bis gar keine Nebenwirkungen gibt. Jedes Jahr werden Millionen von Erwachsenen und Kindern damit behandelt.

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Malaria – kann sie besiegt werden?

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Malaria – kann sie besiegt werden?

Mittlerweile gebe es immer häufiger Bedenken und Befürchtungen, dass sich Resistenzen entwickeln könnten, so Seeberger. “Wir möchten diejenigen, die in Malaria-endemischen Gebieten leben, davor warnen, diese Extrakte einzunehmen. Wir sollten wirklich warten, bis kontrollierte, klinische Studien durchgeführt wurden.”

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Entdeckt wurde der sekundäre Pflanzenstoff Artemisinin aus dem Einjährigen Beifuß 1972 von der chinesischen Chemikerin und Pharmazeutin Tu Youyou. Für ihre Arbeit erhielt die Wissenschaftlerin 2015 den Medizin-Nobelpreis.

Klinische Studien

Klinische Studien zu Tee und Kaffee mit Artemisia annua sollen jetzt am medizinischen Zentrum der University of Kentucky beginnen. Darüber hinaus wird Artesunate, ein Artemisininderivat zur Behandlung von Malaria, in einer klinischen Phase-1/2-Studie erforscht.

Auch Mexiko hat Interesse angemeldet, klinische Studien durchzuführen. Die sind unbedingt notwendig, um eine verlässliche Aussage über die Wirksamkeit von Artemisia treffen zu können. Darauf weisen auch die Wissenschaftler, die an der Max-Planck-Studie beteiligt waren, immer wieder hin.


  • Malaria – ein einziger Mückenstich kann töten

    Ein Moskito schlägt zu

    Das sicher gefährlichste Tier Afrikas ist die etwa sechs Millimeter kleine Anopheles-Mücke: Sie überträgt Malaria. An dieser Infektionskrankheit sterben jährlich rund eine halbe Million Menschen. Malariaerkrankte leiden an hohem wiederkehrendem Fieber, Schüttelfrost und Krämpfen. Vor allem bei kleinen Kindern kann die Krankheit schnell zum Tode führen.


  • Malaria – ein einziger Mückenstich kann töten

    Alles beginnt in der Mücke

    Sticht die Anopheles-Mücke einen infizierten Menschen, nimmt sie den Malariaerreger auf; beim nächsten Stich gibt sie ihn an einen anderen Menschen weiter. Forscher haben die Erreger hier im Bild mit einem grün leuchtenden Eiweiß markiert. Wie das grüne Leuchten verrät, vermehren sich die Parasiten im Darm der Mücke und sammeln sich schließlich in ihren Speicheldrüsen.


  • Malaria – ein einziger Mückenstich kann töten

    Erreger für die Forschung ernten

    Der biologische Name des Malarierregers lautet Plasmodium. Um ihn zu untersuchen, entfernen Forscher infizierten Anopheles-Mücken die Speicheldrüsen und isolieren daraus den Parasiten. Denn im Speichel der Mücke reichert sich die infektiöse Form des Parasiten an – Experten nennen diese Form Sporozoiten. Rechts im Bild ist die Mücke zu sehen, in der Mitte deren entnommene Speicheldrüsen.


  • Malaria – ein einziger Mückenstich kann töten

    Mücke – Mensch – Mücke

    Tatsächlich ist der Mensch nur der Zwischenwirt des Malariaparasiten, Endwirt ist die Mücke. In uns vermehrt sich der Erreger ungeschlechtlich: erst in der Leber, dann in den roten Blutkörperchen. Ein Teil der Parasiten bildet schließlich weibliche und männliche Zellen. Diese werden von einer Mücke aufgenommen und pflanzen sich in ihr geschlechtlich fort. Der Kreis schließt sich.


  • Malaria – ein einziger Mückenstich kann töten

    Malariaerreger laufen im Kreis

    Da die Malariasporozoiten gekrümmt sind, bewegen sie sich im Kreis, wenn Forscher sie wie hier auf ein Stück Glas mit Flüssigkeit aufbringen. Die Parasiten sind gelb eingefärbt, ihre Bewegungsbahn ist blau. Die Erreger sind schnell: Für einen Kreis benötigen sie nur etwa 30 Sekunden. In ihren Wirten werden sie durch Hindernisse von der Kreisbahn abgelenkt und laufen dann auch geradeaus.


  • Malaria – ein einziger Mückenstich kann töten

    Zwölf Tage zwischen Stich und Krankheitsausbruch

    Im Mensch nistet sich der Malariaerreger zunächst für einige Tage in der Leber ein. Währenddessen merkt der Betroffene nichts. Erst wenn der Parasit sich in der Leber zu kleinen traubenförmigen Merozoiten umgewandelt hat, die das Organ verlassen und die Blutkörperchen befallen, fühlt sich der Patient krank.


  • Malaria – ein einziger Mückenstich kann töten

    Malariaerreger im Blut

    Die Parasiten brauchen ein bis drei Tage, um sich in den roten Blutkörperchen zu vermehren. Dann zerfallen die Blutzellen und setzen viele reife Malariaerreger und giftige Substanzen aus dem Stoffwechsel der Parasiten frei. Die Folge: Fieberschübe. Unter dem Mikroskop ist die Krankheit nach Anfärbung leicht zu diagnostizieren: Die lila gefärbten Erreger fallen im Blutabstrich sofort auf.


  • Malaria – ein einziger Mückenstich kann töten

    Rund um den Äquator

    Malaria ist eine typische Tropenkrankheit: Sie tritt dort auf, wo es heiß und feucht ist. Einige Wissenschaftler hatten befürchtet, dass sich die Malaria aufgrund des Klimawandels ausbreiten werde. Neuere Studien kommen zu einem anderen Ergebnis: Tatsächlich nehme ihr Verbreitungsgebiet kontinuierlich ab, da immer mehr Sümpfe trockengelegt würden.


  • Malaria – ein einziger Mückenstich kann töten

    Moskitonetze = Lebensretter

    Das beste Mittel gegen Malaria ist, gar nicht erst von einer Mücke gestochen zu werden. Dabei helfen Repellents – Mückenabwehrmittel zum Eincremen – und natürlich Moskitonetze, deren feine Maschen die Mücken fernhalten. Unter einem Moskitonetz zu schlafen, kann Leben retten!


  • Malaria – ein einziger Mückenstich kann töten

    Doppelter Schutz

    Forscher haben ein Moskitonetz entwickelt, das besonders schützen soll: In die Fasern der Netze ist ein Insektizid eingewebt, welches kontinuierlich frei wird. Der Wirkstoff tötet alle Mücken, die sich auf dem Moskitonetz niederlassen.


  • Malaria – ein einziger Mückenstich kann töten

    Giftwaffe gegen Malaria

    Nimmt die Malariagefahr überhand, greifen Betroffene oft zu harten Mitteln und versprühen massenweise Insektengift, so wie hier im indischen Mumbai. Ein solches Insektizid ist die Substanz DDT – wirkungsvoll gegen Mücken, aber als Teil des “dreckigen Dutzends” schlecht für Gesundheit und Umwelt: Es ist sehr langlebig und reichert sich in der Nahrungskette an.


  • Malaria – ein einziger Mückenstich kann töten

    Schnelle Diagnose

    Malaria-Schnelltests weisen innerhalb von Minuten Malariaerreger in einem Tropfen Blut nach. Hier untersuchen die “Ärzte ohne Grenzen” einen Jungen im afrikanischen Mali. Sein Test ist positiv. Der Junge bekommt Medikamente und ist zwei Tage später wieder gesund. Solche Schnelltests funktionieren allerdings nicht immer zuverlässig.


  • Malaria – ein einziger Mückenstich kann töten

    Wettlauf gegen die Zeit

    Medikamente zerstören den Parasiten im Blut oder verhindern, dass er sich weiter vermehren kann. Allerdings werden die Erreger mit der Zeit resistent gegen den Wirkstoff – einige Medikamente wie Chloroquin wirken in vielen Gegenden schon nicht mehr. Auch Medikamentenfälschungen mit zu wenig Wirkstoff fördern Resistenzen. Einziger Ausweg: neue Arzneien zu entwickeln.


  • Malaria – ein einziger Mückenstich kann töten

    Gut gebettet gegen die Malaria

    Auch mit einem neuen Impfstoff heißt es demnach weiterhin: Sich vor Mückenstichen zu schützen ist das A und O.

    Autorin/Autor: Brigitte Osterath