Corona-Auszeit: Unterwegs mit einem Waldfotografen

0
53

Mit Vorliebe fotografiert Kilian Schönberger Landschaften im Nebel. Tagelang ist er im Wald unterwegs, um Deutschlands mystische Orte aufzuspüren. DW-Reporterin Heike Mund ist mit ihm auf den Ölberg gewandert.

Der Waldparkplatz ist vollkommen leer. Das Auto von Kilian Schönberger ist das einzige, das hier so früh am Morgen parkt. Wanderer und Spaziergänger tauchen erst später auf, um von der Margarethenhöhe ins rheinische Siebengebirge zu starten. Wir wollen aber den Sonnenaufgang auf dem Ölberg abpassen, der höchsten Erhebung in der Gegend um Bonn. Heute ist der Tagesbeginn für 5.48 Uhr avisiert.

Der Fotograf lädt zügig Rucksack und Stativ aus, wir sind spät dran. Die Ausrüstung eines geübten Bergwanderers will gut durchdacht sein. “Ich muss immer schauen, wenn ich in den Alpen unterwegs bin, dass das ein Kompromiss ist zwischen Stabilität und Gewicht”, erklärt er mir. “Das hier ist so ein typisches Reisestativ, das immer noch eine Spiegelreflex halten kann, aber trotzdem leicht genug ist – aus Carbon. So dass man das ruhig mal 20 Kilometer im Rucksack tragen kann.”

Der Fotograf hat die Wälder im Rheinland schon als Student intensiv erkundet

Bayrischer Bergläufer im Rheinland

Mit schnellen Schritten steuert Kilian Schönberger (Jahrgang 1985) auf einen der Waldwege zu. “Ich schau mal, ob ich den richtigen Weg gleich finde. Das sollte eigentlich relativ einfach sein. Und steil”, fügt er lachend hinzu – mit einem kurzen Seitenblick. Mir schwant einiges. Als Flachländer kann ich schon so kaum Schritt halten mit ihm. “Ich bin schon viel gewandert, mit relativ hoher Geschwindigkeit, weil ich vorher in Bayern Bergläufer war”, erzählt Schönberger. “Also auf Berge hochlaufen im Wettbewerbs-Modus.” Gerade sei er aber durch einen leichten Bänderriss gehandicapt – zum Glück, denke ich still für mich.

Er kennt die Gegend hier gut, seinerzeit hat er an der Uni in Bonn studiert: “Geographie auf Diplom”, berichtet er, während wir weiter stramm Richtung Gipfel wandern. “Im Studium hatte ich irgendwann den Spitznamen ‘Bergziege’, weil ich den Leuten bei den ganzen Exkursionen immer davon gelaufen bin  bergauf.” Kilian lacht herzhaft, als er sich daran erinnert. Im Rheinland ist der junge Mann mit bayrischen Wurzeln dann hängengeblieben. Seine Foto-Exkursionen startet er jetzt von Köln aus, wo er heute lebt, mit Zweitwohnsitz in Tännesberg/Bayern.

Standfester Bergläufer: Kilian Schönberger kennt die Berge von Kindheit an

Ökologischer Blick auf die Natur

Auf diesen studentischen Reisen konnte Schönberger intensiv die Natur und ihre geographischen Unterschiede studieren. Und daraus einen Blick für die Struktur einer Kulturlandschaft entwickeln. Heute ist das sein Beruf: “Ich bin Landschafts-Fotograf. Mich interessieren vor allem Wälder in ganz Deutschland und auch in Europa. Und das bedeutet ein sehr intensives Leben, halb als Nomade. Das ist eben ein anderer Lebensentwurf als ein Bürojob.” 

Mitten auf dem Waldweg bleibt er plötzlich stehen, mustert die Bäume, die sich den Hang runterziehen. Ich bin froh um die kurze Verschnaufpause. “Man sieht, dass es doch wieder trocken ist in diesem Jahr”, merkt er nachdenklich an. Naturschutz und ökologisches Denken sind ihm schon aus seiner Heimat, dem Bayrischen Wald, vertraut. “Also die letzten zwei Jahre haben dem Wald extrem zugesetzt. Immer wenn ich unterwegs bin, sehe ich, dass die Bäume echt Hitzeschäden haben.”

Der Wald in allen Grünschattierungen

Alle Ausflugslokale im Siebengebirge sind wegen Corona geschlossen

Oben auf dem Ölberg hat das Ausflugslokal wegen Corona geschlossen. Tische und Stühle sind fest vertäut, es sieht aus wie vor der Winterpause. Kilian Schönberger überquert zielsicher die Terrasse und folgt einem steinigen Trampelpfad. Am Ende ragt eine abgewetzte Felsnase aus dem Grün hervor, die höchste Erhebung hier: mit einem phantastischen Rundum-Blick. “Jetzt geht’s ja noch, aber wenn so Steine auch noch nass sind, wird es echt schwierig. Im Winter sind die mit Eis überzogen. Dann ist es wirklich sehr herausfordernd, in solchem Gelände unterwegs zu sein.”

Wir sind nicht allein auf der windigen Bergkuppe. Ein Einheimischer aus Bonn ist früh mit seinem Enkel hochgewandert, um den Sonnenaufgang im Siebengebirge mitzuerleben. “Eigentlich sind wir schon zu spät dran”, meint er zu uns. “Wir waren viertel vor sechs schon hier, zehn vor sechs sollte sie aufgehen.” Aber die Sonne zeigt sich nicht. Fedrige Wolken verbergen das morgendliche Sonnenlicht. Das Waldpanorama schimmert in den schönsten Grünschattierungen.

Gemeinsames Warten auf den Sonnenaufgang

Das Warten auf den richtigen Moment gehört für den Profi-Fotografen dazu. Kilian ist froh, dass nur die zwei hier oben sind. “An Orten, wo ich vor sieben oder acht Jahren morgens immer allein war – am Alpenrand im Bayrischen Wald zum Beispiel – da kann es sein, dass am Wochenende 20, 30 Leute dort sind. Das hat enorm zugenommen, dadurch dass die Leute ihre Eindrücke teilen können auf Facebook und so: ‘Sonnenaufgang auf diesem und jenem Berg sieht toll aus! Machen wir auch mal.’ Das hat sich extrem verstärkt.”

Der Zauber der Nebellandschaften

“Am schönsten ist das Siebengebirge, wenn der Nebel das Rheintal hochzieht und nur die Bergkuppen so ein bisschen rausschauen. Das sind die besten Momente in dieser Landschaft.” Solche Motive gehören zu seinen Favoriten als Fotograf. In seinem Portfolio findet man dazu poetische und mystische Fotografien aus ganz Europa. “Da muss man dann Glück haben, dass der Nebel genau auf der richtigen Höhe ist. In den Alpen ist das einfacher, da sind die Berge so hoch, dass man einfach aus dem Nebel rauswandern kann”, erklärt er mir, während die Sonne endlich durch die Wolken bricht. Ein magischer Moment.

Naturerlebnis: Sonnenaufgang im Siebengebirge

Das Naturerlebnis hier oben macht demütig. Wir bleiben noch eine Weile auf dem Gipfel. Jeder für sich genießt die frühmorgendliche Stille, das Rauschen der Baumkronen, die Ferne der Zivilisation. Für Kilian Schönberger ein ganzheitliches Erlebnis, sagt er mir später, als wir den Rückweg antreten. “Der Wald ist nicht nur Sehen. Man hört die Vögel, man riecht auch die Pflanzen. Wenn es noch frisch geregnet hätte, wäre der Duft noch deutlich intensiver.”

„Weiß ist für mich eine wichtige Farbe”

Der Wanderweg um den Vulkanberg herum ist weitaus bequemer als der steile Aufstieg. Wir tauschen uns über Gestaltungsspielräume in der Fotografie aus und darüber, welche Rolle die Farbigkeit der Natur, vor allem die zarten Grüntöne der Blätter, jetzt im Frühjahr spielt. Er bleibt stehen. Und dann kommt ein Satz, den man bei einem Waldfotografen nicht erwartet hätte: Das sei für ihn nicht so entscheidend, er sei rot-grün-blind. Ihn interessierten eher grafische Grundlinien und Perspektiven des Waldes als dreidimensionaler Raum.

Die Grüntöne der Bäume – hier eine deutsche Eiche – sieht der Fotograf nicht

“Wenn die Landschaft schon spektakulär ist, ist das Motiv ja schon gegeben”, erklärt er mir seinen professionellen Ansatz. “Aber im Mittelgebirge wie hier ist die fotografische Herausforderung höher, weil man mit dem Blick in die Landschaft, mit dem Wetter und den Bedingungen vor Ort arbeiten muss, um das Motiv überhaupt in Szene zu setzen.” Meine Verblüffung über sein Geständnis hält an, bis wir wieder den Parkplatz erreichen. “Deshalb ist für mich auch Weiß eine wichtige Farbe”, sagt Kilian Schönberger zum Schluss. Seine Fotos muss ich mir daraufhin wohl nochmal genauer anschauen.