Spiegelbild der USA: Clint Eastwood wird 90

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Der Schauspieler und Regisseur Clint Eastwood ist eine Legendes des Kinos. Erfolgreich, aber auch umstritten, feiert er jetzt seinen 90. Geburtstag. Seine Filme spiegeln die Historie seiner Heimat wider.

Vielleicht repräsentiert kein anderer US-amerikanischer Schauspieler und Regisseur die Vereinigten Staaten so sehr wie er: Clint Eastwood, der am 31. Mai 1930 in San Francisco geboren wurde, steht für Revolverkino und Selbstjustiz, aber auch für feine Kunst und Selbstreflexion. Diesen Giganten Hollywoods kann man wohl am am besten verstehen, wenn man seine beiden Seiten in den Fokus nimmt. 

Erfolg auf dem Pferdesattel und mit dem Revolver auf der Straße

Seinen Durchbruch feierte der ehemalige amerikanische TV-Western-Star mit Rollen in der europäischen Version des Genres, dem Italo-Western des Italieners Sergio Leone: “Für eine Handvoll Dollar” war der erste große Erfolg des lang aufgeschossenen Schauspielers mit dem markanten Gesicht. Der Film entstand 1964 in Europa und war die Neuverfilmung eines japanischen Filmklassikers von Akira Kurosawa. Ein Amerikaner dreht auf dem alten Kontinent bei einem Regisseur, der sich wiederum vom japanischen Kino inspirieren lässt – auch das kann man als Zeichen deuten. Die Rolle, die Eastwood übernahm, folgte dann allerdings wieder klassischen Hollywood-Helden. 

So kennen ihn seine Fans: bewaffnet, mit Zigarillo, cool – Eastwood in “Für eine Handvoll Dollar”

Es steckte also schon viel drin in dieser damals noch jungen Karriere, die mühsam und von einigen Tiefschlägen gekennzeichnet begann und alles andere als typisch war für einen späteren Hollywood-Superstar. Zunächst war er nur ein mäßig erfolgreicher Fernsehstar, er blieb aber beharrlich. Das klingt heute seltsam, kennt man diesen Schauspieler, Regisseur und mehrfachen Oscar-Preisträger doch schon lange als Ikone des US-Kinos. 

Eastwood baute seine Karriere konsequent aus

Sein Image des coolen, aber auch brutalen Helden baute er in den 1970-Jahren mit den “Dirty-Harry”-Filmen aus. Und als einen Verfechter der Selbstjustiz, als Waffennarren und Patrioten kennt man in bis heute. Ein Film wie “American Sniper”, von Eastwood im Jahr 2014 inszeniert, steht für eine Seite des US-Amerikaners, die aus europäischer Sicht oft verstörend und fremd wirkt. Doch Eastwood kann auch anders. Und da fängt das “Mysterium Clint Eastwood” an. Irgendwann in seiner Karriere muss sich dieser Actionstar gedacht haben, das kann doch nicht alles ein, Western und Polizeifilm, Kugelhagel und Indianerjagd.


  • Hollywood-Legende Clint Eastwood ist 90

    Anfänge beim Fernsehen

    Kaum zu glauben – Eastwoods Karriere begann ganz bescheiden beim Fernsehen. Der heutige Kinoheld und weltbekannte Schauspieler nährte sich ab Mitte der 1950er Jahre mühsam mit kleinen Rollen in TV-Serien. Auch in einigen Kinofilmen wurde der schon damals kernig aussehende Mime eingesetzt – allerdings trat er auch dort nur in Rollen auf, die sich kaum von Statisteneinsätzen unterschieden.


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    Für eine Handvoll Dollar

    Für ein paar Dollar wurde Eastwood dann von Regisseur Sergio Leone verpflichtet. Teurere Stars konnte sich der Italiener nicht leisten. Der US-amerikanische TV-Darsteller Eastwood bekam rund 15.000 Dollar für seinen Auftritt in dem Italowestern “Für eine Handvoll Dollar”. Darin spielt er einen Revolverhelden, der bei zwei rivalisierenden Gangs absahnt. Der Film wurde zu einem Riesenerfolg.


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    Agenten sterben einsam

    Clint Eastwood spielte auch in den Nachfolgewestern Leones, “Für ein paar Dollar mehr” und “Zwei glorreiche Halunken”, den coolen Kopfgeldjäger. Das war der Durchbruch, nun war Eastwood ein Star. Gut aussehend und mit enormer körperlicher Präsenz spielte er zunächst in Western harte Männer. Aber auch in Kriegsfilmen wie “Agenten sterben einsam” setzte er an der Seite von Richard Burton Akzente.


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    Dirty Harry

    Den nächsten Karrieresprung machte Eastwood 1971. Für Regisseur Don Siegel, mit dem er auch in den folgenden Jahren zahlreiche Filme drehte, spielte er in “Dirty Harry” den raubeinigen Inspektor Harry Callahan. Der harte Polizeithriller wurde zu einem der einflussreichsten Filme des Genres. Der zynisch und rücksichtslos auftretende Callahan wurde Kult – bei Millionen männlichen Kinofans.


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    Ein Fremder ohne Namen

    Kurz nach “Dirty Harry” übernahm Clint Eastwoods in dem Thriller “Sadistico” erstmals die Regie in einem Film. Damit etablierte sich der US-Star als actionbetonter Filmemacher innerhalb Hollywoods. Dem Genre des Western blieb er auch als Regisseur treu. In “Ein Fremder ohne Namen” feilte er weiter an seinem Kino-Image als wortkarger, durchsetzungsfähiger und oft auch skrupelloser Pistolero.


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    Pale Rider

    Als Fremder ohne Namen setzte Clint Eastwood 1985 in dem Western “Pale Rider” neue Akzente. Schon zuvor hatte sich der Regisseur und Schauspieler in anderen Genres versucht, auch Komödien inszeniert. Mit “Pale Rider” kehrte er zwar zum Western zurück, kratzte aber am Mythos. Nicht mehr ganz so skrupellos und eindimensional wirkten seine Rollen. Mit “Pale Rider” wurde er gar nach Cannes eingeladen.


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    Bird

    Drei Jahre später stieß Clint Eastwood dann endgültig die Tore zum Kunstkino auf. Der Jazz-Fan Eastwood setzte dem amerikanischen Musiker Charlie Parker in “Bird” ein filmisches Denkmal. Eastwood nahm diesmal auch nur auf den Regiestuhl Platz und verzichtete auf seine Mitwirkung vor der Kamera. “Bird” war ein meisterlicher Musikfilm und faszinierte auch sensiblere Kinogänger.


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    Erbarmungslos

    1992 kehrte Clint Eastwood mit dem Western “Erbarmungslos” noch einmal zu seinem Lieblingsgenre zurück. Doch jetzt entmystifizierte er die Rolle des harten Cowboys und Pistolenschützen vollkommen. Der Western “Erbarmungslos” zeigte einen älteren Revolverhelden, der vom Pferd fällt und die Lage kaum noch im Griff hat. Hollywood honorierte den mutigen Auftritt mit vier Oscars.


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    Die Brücken am Fluss

    Mitte der 1990er Jahre, Clint Eastwood hatte inzwischen das Rentenalter erreicht, fügte der Regisseur seinem Werk eine weitere Facette hinzu. In “Die Brücken am Fluss” inszenierte er erstmals einen Film, in dem eine Frau im Mittelpunkt steht. Die Liebesgeschichte Roberts (Eastwood) und Francescas (Meryl Streep), beide in die Jahre gekommen, ist ein sensibles und emotionales Melodrama.


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    Million Dollar Baby

    Eine weitere Dekade später ist Eastwood auf dem absoluten Höhepunkt seiner Karriere. In dem Film “Million Dollar Baby” (2004) mimt der Schauspieler einen alternden Boxtrainer, der sich um eine talentierte Sportlerin (Hilary Swank) kümmert. Die schafft es schließlich bis zur Weltmeisterschaft. Aus dem Sportlerfilm wird eine aufwühlende Tragödie um Leben und Tod. Dafür gab’s wieder vier Oscars.


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    Gran Torino

    Im Alter von 78 Jahren inszeniert Clint Eastwood 2008 seinen 18. Film in eigener Regie. Seine enorme Tat- und Schaffenskraft beweist er einmal mehr, weil er auch wieder sein eigener Hauptdarsteller ist. In “Gran Torino” geht es um Einwanderer in Amerika, um Rassismus und Gewalt, um Vorurteile und den Umgang damit. Der Film glänzt mit differenzierten Charakteren und großartigen Darstellern.


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    Eastwood privat

    Als Schauspieler, Regisseur und Figur des öffentlichen Lebens ist Clint Eastwood in seiner Heimat, aber auch weltweit Kult. Doch ins Rampenlicht hat er sich nie gedrängt. Eastwood ist kein großer Freund des Roten Teppichs und des Boulevards. Seine Ehen hat er nie in der Öffentlichkeit zelebriert. Hier ist er an der Seite seiner langjährigen Frau Dina zu sehen, von der er sich 2013 trennte.


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    Der Patriot

    Clint Eastwood engagiert sich seit Jahrzehnten auch in der US-Politik, meist für die Republikaner. “Ich glaube, ich war schon sozial liberal und fiskalisch konservativ, bevor das modisch wurde”, hat er einmal über sich gesagt und spielte damit darauf an, dass er nicht strikt dem Kurs der konservativen Republikaner folgt. Auslandseinsätzen der USA zum Beispiel steht er kritisch gegenüber.


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    American Sniper

    Einem Paukenschlag gleich kam Clint Eastwoods Film “American Sniper”. Die Geschichte des US-Soldaten Chris Kyle, der zum erfolgreichsten Scharfschützen der US-Armee im Irak wurde und später in seiner Heimat einem Anschlag erlag, entwickelte sich zum Kassenhit. Kein anderer der von Clint Eastwood inszenierten Filme spielte so viele Dollars ein.


Der “andere” Eastwood erfand sich auf zwei Ebenen. Das ist heute im Rückblick immer noch erstaunlich und zählt zu den bemerkenswertesten Karriereverläufen Hollywoods. Clint Eastwood setzte sich selbst auf den Regiestuhl, erstmals 1971 für “Sadistico”. Und anders als für so manchen amerikanischen Schauspielstar, der nicht immer nur nach der Pfeife der Regisseure tanzen wollte, war dieser Ausflug hinter die Kamera kein Zwischenspiel. Eastwood blieb der Profession treu. Bis heute hat der Amerikaner fast 40 Spielfilme inszeniert.

Es sind einige cineastische Perlen dabei, Werke, auf die das Prädikat “Autorenfilm” unbedingt zutrifft, “Kunstfilme” könnte man auch sagen, wenn dieses Wort in Zusammenhang mit Clint Eastwood nicht so unpassend klingen würde: der Jazzfilm “Bird” zum Beispiel oder das herzzerreißende Melodrama “Die Brücken am Fluss”. Oder auch Filme wie “Mystic River”, “Million Dollar Baby” und “Gran Torino”, alle entstanden im neuen Jahrtausend, als Eastwood bereits die 70 überschritten hatte.

Eastwoods Rollen bekamen im Laufe der Jahre etwas Selbstreflektierendes

Die andere, zweite Ebene, die Eastwood für sich erfand, war der Rollenwechsel als Schauspieler. Immer öfter setzte er sich in seinen Filmen als reflektierenden Charakter ein, zeigte überraschende Facetten, legte seine Rollen differenziert und vielschichtig an. Am auffallendsten war das in den Spätwestern “Pale Rider – der namenlose Reiter” und “Erbarmungslos”. Da spielte er mit Heldenklischees im uramerikanischen Filmgenre schlechthin, dem Western. Irgendwann war er dann meilenweit entfernt von einem John Wayne, dem amerikanischen Helden früherer Zeiten, der nur in Ausnahmefällen zu diesem Facettenreichtum gefunden hatte.

Mutige Altersrolle: Clint Eastwood 2018 in seinem vorletzten Film “The Mule”

Klar, könnte man nun sagen, Clint Eastwood ist altersweise geworden. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, siehe “American Sniper”. Eher nähert man sich dem Phänomen Clint Eastwood wohl, wenn man sein Engagement in der Politik in den Blick nimmt. Eastwood stand stets den Republikanern nah, doch ein Parteipolitiker vor der Kamera war er nie.

Unabhängigkeit bis in die letzte Konsequenz ist wohl eher sein Markenzeichen: “Ich glaube, ich war schon gesellschaftspolitisch links und wirtschaftspolitisch rechts, bevor das in Mode kam”, sagte er einmal und: “Ich sehe mich nicht als konservativ, aber ich bin auch nicht ultra-links. Ich mag die libertäre Sichtweise, jeden in Ruhe zu lassen. Schon als Kind habe ich mich über Leute geärgert, die allen vorschreiben wollten, wie sie zu leben hätten.” Dazu passt auch seine anfängliche Unterstützung für Donald Trump, aber eben auch seine harsche Abkehr vom tumben Präsidenten, die er jüngst in einem Interview zum Ausdruck brachte.

Clint Eastwood steht auch für die heutige Zerrissenheit des Landes

So ist Clint Eastwood, der es in Hollywood längst zum Legendenstatus gebracht hat und der jetzt seinen 90. Geburtstag feiert, ein Spiegelbild des modernen Amerika. Er steht heute auch für die Zerrissenheit des Landes im Jahre 2020 unter der Ägide Trump. In seinen Filmen bieten sich einige Erklärungsmuster an für diese heterogene Gesellschaft.

Soeben erschienen zum Weiterlesen: Kai Bliesener: Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften, 232 Seiten, Schüren Verlag, Mai 2020, zahlr. Abb., ISBN 978-3-7410-0355-4.