Raus aus Hongkong: Auswanderung als Ausweg

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Immer mehr Hongkonger Bürger sehen für sich keine Zukunft in ihrer Stadt. Das neue Sicherheitsgesetz scheint den Trend weiter zu verstärken.

Offenbar führt das aufgeheizte politische Klima in Hongkong vermehrt zum Wunsch nach Auswanderung aus der einstigen britischen Kronkolonie. Deren Einwohner hatten sich nach der Rückgabe an China im Jahr 1997 darauf verlassen, dass die zwischen Peking und London ausgehandelte weitgehende Autonomie das gewohnte Leben auch unter chinesischer Oberhoheit garantieren würde. Allerdings wurde dieses Vertrauen in den vergangenen Jahren zunehmend erschüttert.

Hinzu kommt seit rund fünf Jahren eine Protest- und Demokratiebewegung, die sich zunehmend chinakritisch bis dezidiert chinafeindlich gibt und teilweise auch vor Gewaltanwendung nicht zurückschreckt. Das jetzt vom Nationalen Volkskongress auf den Weg gebrachte nationale Sicherheitsgesetz für Hongkong stellt die Weichen für eine weitere verstärkte Einflussnahme Pekings auf die inneren Angelegenheiten Hongkongs. Von inneren Angelegenheiten könne eigentlich schon gar keine Rede mehr sein, so die Sorge vieler Einwohner der 7,5-Millionen-Stadt. 

Proteste gegen das neue Sicherheitsgesetz vor dem Pekinger Verbindungsbüro

Verstärkte Abwanderung

Schon vor der Ankündigung eines solchen weitreichenden Sicherheitsgesetzes vor einer Woche hatte sich gezeigt, dass viele Hongkonger keine Zukunft mehr für sich und ihre Familien in der asiatischen Finanzmetropole sehen. Das für eine Auswanderung notwendige polizeiliche Führungszeugnis beantragten im Dezember 2019 20.000 Einwohner Hongkongs. Das entspricht einer Zunahme von 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. In den letzten beiden Quartalen 2019, während der anhaltenden Straßenproteste und der Eskalation der Gewalt, betrug die Nettoauswanderung aus Hongkong 50.000.

Ob dies geschah, um dem Chaos auf den Straßen zu entfliehen, oder wegen des befürchteten zunehmenden Drucks aus Peking, oder aus anderen Gründen, darüber gibt es keine abschließenden Erkenntnisse. Aber einzelne Bewohner, mit denen die DW gesprochen hat, machen ihre Einstellung deutlich. 

Symbolisches Bild für die Zukunft Hongkongs?

Geschockt und ratlos

So die 30-jährige Journalistin Josephine, die in Hongkong geboren wurde. Auch sie nahm an Straßenprotesten teil, gegen das geplante Auslieferungsgesetz, das von der Regierung schließlich zurückgezogen wurde. Sie wollte in Hongkong bleiben, trotz der zunehmend drückend lastenden Hand Pekings auf der Sonderverwaltungsregion. Aber als der chinesische Volkskongress vergangenen Freitag ankündigte, ein Sicherheitsgesetz für Hongkong zu verabschieden, änderte sie über Nacht ihre Meinung. “Ich hatte nie geglaubt, dass die Bürger in Hongkong eines Tages zu Flüchtlingen werden. Ich will auswandern.”

Die Atmosphäre in ihrer Redaktion sei nach der Meldung aus Peking über den NVK-Beschluss “bedrückt” gewesen, sagt sie. “Meine Kollegen und ich waren ratlos. Wir sind davon ausgegangen, dass ein Sicherheitsgesetz für Hongkong früher oder später kommen würde. Überrascht waren wir, wie uns Peking das Gesetz jetzt aufzwingt.” Auch manche prochinesische Politiker in Hongkong waren nach ihrer Beobachtung “geschockt” über den Schritt Pekings.

Auch in Finanzkreisen herrscht Sorge über die Zukunft Hongkongs

Pessimismus

Auch Herr Chou, Mitarbeiter einer chinesischen Bank, möchte mit der Familie nach Kanada auswandern. Er ist pessimistisch gestimmt, wenn er über die Zukunft Hongkongs spricht. Er spiele schon länger mit dem Gedanken, auszuwandern. Er fürchtet, dass das neue Sicherheitsgesetz der Willkür des Staates Tür und Tor öffnet: “Alle möglichen Straftatbestände könnten angewendet werden, um die Bürgerrechte einzuschränken. Freie Meinungsäußerung im Beruf, im Privatleben oder im Internet kann dann nicht mehr gewährleistet werden. Ich bin schon jetzt sehr vorsichtig mit Meinungsäußerungen in der Öffentlichkeit.”

Chou will auch seinen jetzt zweijährigen Sohn nicht der Gefahr aussetzen, später als Heranwachsender bei Teilnahme an Demonstrationen Opfer von Polizeiwillkür zu werden. Er erinnert an die gewaltsame Niederschlagung der Studenten- und Demokratiebewegung im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking.

Sanktionen des Auslands als Reaktion auf das Sicherheitsgesetz, wie von manchen Politikern im Westen gefordert, würden nicht helfen, sagt Bankkaufmann Chou. “Peking will die komplette Kontrolle.” Er glaubt, dass selbst friedliche Demonstrationen und ordnungsgemäße Debatten im Hongkonger Parlament nicht mehr toleriert würden.

Hongkongers welcome, so die Botschaft aus Taiwan

Ausreiseziel Taiwan

Taiwan ist für Auswanderungswillige eine Option, die derzeit stärker nachgefragt wird – und dies, obwohl Peking seine Gangart gegenüber Taiwan und den dortigen Unabhängigkeitsbestrebungen ebenfalls verstärkt hat. Nach Auskunft von Hongkonger Agenturen, die sich auf dieses Auswanderungsziel spezialisiert haben, erhalten die Investoren aus Hongkong aufgrund eines Erlasses der Regierung von Taiwan eine Wohnberechtigung, wenn sie umgerechnet 180.000 Euro investieren.

Chang Heung-Lin ist eine solche Agentin in Hongkong. Am vergangenen Wochenende musste sie mehr als 200 Anfragen beantworten. “Viele von ihnen scheinen es eilig zu haben. Sie fragen gar nicht nach der notwendigen Investitionshöhe für Taiwan und den Agenturgebühren. Das ist ungewöhnlich für geschäftstüchtige Hongkonger. Viele wollten uns sofort einen Auftrag erteilen, um das Verfahren möglichst schnell einzuleiten.”

Und Woo Hong-pong, der sich auf Auswanderung nach Australien und Kanada spezialisiert hat, berichtet der DW, dass mehr als 20 wohlhabende Kunden in den vergangenen vier Tagen bei ihm angefragt hätten. “Viele von ihnen hatten 2019 noch gezögert. Jetzt wollen sie sofort eine schnelle Lösung haben. Hauptsache: Schnell raus!”