Neustart des Berlin-Tourismus?

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Wochenlang war Berlin für Touristen tabu. Ab 15. Mai durfte das Gastgewerbe unter Auflagen wieder öffnen, nun auch die Hotels. Beobachtungen rund um den Kurfürstendamm, Berlins beliebter Flanier- und Shoppingmeile.

Die Straßencafés am Kurfürstendamm in Berlin warten auf Gäste

Danuta Lippoth freut sich. Etwa 30 Gäste sollen im Laufe des Nachmittags anreisen. Damit ist das Hotel Augusta zu einem knappen Drittel belegt. Ein guter Start nach den langen Wochen des Lockdowns, in denen das kleine Privathotel nur vereinzelte Geschäftsreisende beherbergen durfte. Das gesamte Team war in Kurzarbeit, das Hotel nur acht Stunden am Tag geöffnet. Jetzt ist die Rezeption wieder rund um die Uhr besetzt und alles vorbereitet für den reibungslosen Ablauf im Ausnahmezustand. 

Vieles ist anders

Auf allen Etagen der alten Villa stehen Spender mit Desinfektionsmittel, die Belegschaft trägt Schutzmasken, die Fernbedienungen für TV-Geräte sind desinfiziert und in Folie eingeschweißt. Alle Mini-Bars wurden ausgeräumt,  stattdessen gibt es im Haus wieder einen Room-Service. Und auch beim Frühstück werden sich die vielen Stammgäste umstellen müssen: statt am beliebten Buffet können sie nun von der Karte wählen – am besten schon am Vorabend. Dann sollten sie auch angeben, in welchem Zeitfenster zwischen sieben und 12 Uhr sie sich in dem hellen Frühstücksraum im ersten Stock einfinden möchten. Denn natürlich sollen die Abstandsregeln auch hier gewahrt werden.

Liebespaar auf einem Balkon des Hotels Augusta

34 Millionen Übernachtungen hatte Berlin 2019 verzeichnet, es war ein Rekordjahr. Und alles deutete darauf hin, dass es so weiter gehen würde. Aber dann kam Corona. Und damit der Einbruch. Viele Hotels waren wochenlang komplett geschlossen, andere haben nur einzelne Etagen bewirtschaftet.

Totaler Einbruch

Die Auslastung habe im Schnitt bei drei bis fünf Prozent gelegen, sagte Burkhardt Kieker, der Geschäftsführer von Visit Berlin, dem offiziellen Reiseportal der Stadt am Freitag (22.Mai) in einem Rundfunk-Interview. Insofern sei er froh, dass es jetzt wieder losgehe. Für das nun bevorstehende Pfingst-Wochenende würden die Buchungen wieder anziehen, vor allem durch Gäste aus Nordrhein-Westfalen und aus Süddeutschland. Dennoch stehe die Branche vor ernsten Herausforderungen, so Kieker. Ausgleichen ließen sich die Verluste der vergangenen Wochen nämlich nicht. Denn noch gäbe es keine internationalen Gäste oder Tagungen und Kongresse. Hinzu kommen all die Auflagen. So muss ein Zimmer 48 Stunden leer stehen, bevor ein neuer Gast dort einziehen darf.

Maske ja bitte – aber gerne auch mit Humor!

Danuta Lippoth hofft, dass der Spuk bald vorbei ist. Dass keine zweite Corona-Welle kommt. Und dass ihr Haus so beliebt bleibt wie in der Vergangenheit. 2019 lag die Auslastung bei 95 Prozent. Ruhig und dennoch zentral ist es gelegen, in der grünen Fasanenstraße, keine 50 Meter entfernt vom Kurfürstendamm. Vielleicht, sagt Danuta Lippoth, wird es im September und Oktober wieder besser. Das seien besonders beliebte Monate bei Stadtreisenden. Um jetzt schon vermehrt Gäste anzulocken, hat sie die Preise etwas gesenkt.

Ungewisse Zukunft

Das kommt für Stefan Athmann nicht in Frage. Nein, sagt der General Manager des Hotels Bristol Berlin, einer eleganten Institution am Kurfürstendamm. Es sei zwar traurig, ein so schönes großes Hotel weitestgehend ohne Gäste zu sehen, aber verdiscounten wolle man sich auch nicht. “Wir müssen sehen, dass wir die Zimmer vernünftig verkaufen.”

Einfach wird das nicht, denn zunächst dürfen ja nur deutsche Gäste anreisen. Denen möchte Athmann auch Packages anbieten. Zwei, drei Übernachtungen zum Beispiel mit einem Dreigänge-Menü im angeschlossenen Bristol Grill.

Die Gäste können kommen – natürlich mit Abstand

Man könne sich jetzt, nach den Wochen mit Home-Schooling und Home-Office, doch auch mal etwas Gutes tun, sich ein paar Tage verwöhnen lassen – mit allen entsprechenden Schutzvorkehrungen natürlich – und Berlin womöglich  noch einmal ganz anders erleben. Und dann erzählt er von Freunden aus Bayern, die übers Wochenende privat bei ihm zu Besuch gewesen seien und die Hauptstadt per Rad erkundet hätten. Im Grunewald seien sie gewesen, im Tiergarten und in Friedrichshain. Sie hätten sich die deutsche Hauptstadt ganz entspannt angeguckt und noch einmal ganz neu erlebt.

Berlin im Ausnahmezustand

Tatsächlich ist Berlin immer noch im Ausnahmezustand – entschleunigt, aber etwas gelassener als sonst. Weniger Menschen auf den Straßen, weniger Menschen in Bussen und Bahnen. Die meisten Restaurants und Geschäfte haben wieder geöffnet, mit Auflagen für Abstand und Hygiene, und zumeist mit eingeschränkten Öffnungszeiten. Das kriegen die einen besser und die anderen nicht so gut hin. Bei Starbucks, gleich gegenüber vom Bristol, türmen sich die zusammengeschobenen Tische und Stühle vor den Wänden. Hier kann und will sich niemand hinsetzen.

Aber vor dem Apple-Store herrscht dichtes Gedränge. Viel Security und einige Kunden. Auch wer den Besuch online angemeldet hat, muss sich erst registrieren lassen, dann zum Fiebermessen und schließlich in die Warteschlange. Fieber wird sonst in Berlin nirgends gemessen –  weder vor Geschäften oder in Hotels und Restaurants. Und bislang wollte bei Apple auch noch niemand mit erhöhter Temperatur einkaufen. Zum Glück. In der Filiale der Modekette COS darf man aktuell nichts anprobieren, beim Premium-Label Michael Kors schon. Dort wird jedes Kleidungsstück anschließend mit dem Heißdampfer bearbeitet. Oft kommt das Gerät aber nicht zum Einsatz, die finanzstarken Kunden aus dem Ausland fehlen nämlich.

Feine Geschäfte mit feinen Waren – auch für den Hund

Auf keiner anderen Shoppingmeile in Deutschland, so das auf die Messung von Kundenfrequenzen spezialisierte Unternehmen Hystreet, sei der Passantenschwund größer als am Kudamm. 63 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das trifft die Designerboutiquen besonders, das Verkaufspersonal bei Gucci, Prada, Bulgari oder Cartier langweilt sich.

Schnauze mit Herz

“Alles Mist”, umreißt der Grillmeister bei Biers Imbiss die aktuelle Situation.  Normalerweise stehen die Leute hier geduldig für eine Currywurst an, nachts  kamen immer wieder auch Prominente – Schauspieler und Politiker – und es gab immer einen Vorrat an gut gekühltem Champagner. Aber jetzt? “Sehen Sie doch”, sagt er. “Nichts ist los. Keine Taxis, keine Reisebusse. Es gibt nicht mal Flaschen, die die Obdachlosen sammeln können”.

Diese Portion Zuversicht gibt es für 25 Euro

Eigentlich lohnt der Berlin-Besuch schon wegen der Begegnung mit solchen Menschen. Und unternehmen kann man in der Stadt – trotz aller Corona-Restriktionen – viel. Parks und Gärten, Restaurants, Flohmärkte und auch einige Freibäder haben wieder geöffnet. Und die meisten Museen und Galerien. Hinein darf man nur mit Maske. Und überall wird darauf geachtet, dass sich nur eine begrenzte Anzahl von Personen in den Räumen aufhält. Aber deshalb hat man die Kunst zumeist fast für sich allein!

Neues Tourismus-Konzept

“Wir glauben nicht, dass die Leute im Moment Lust auf enges Großstadtgewimmel  haben”, ist man bei Visit Berlin überzeugt. Und weil man in der Natur nun mal am besten Abstand halten kann, ermuntert die Tourismus-Organisation die Besucher und Besucherinnen der Stadt, spätestens jetzt mal das grüne Berlin und sein Umland mit all den Seen und Flüssen zu erkunden. Jeder könne hier seinen liebsten Erholungsort finden. “Berlin, auch das”, lautet das Motto der aktuellen Werbekampagne. Stefan Athmann, der General Manager des Bristol Hotels, ist von dem Konzept begeistert. Das sei genau das, was seine Freunde aus München gemacht hätten.

Grün mitten in der Stadt: Aus dem Bikini-Haus guckt man in den Zoo. Und essen kann man hier auch wieder.

Die Menschen müssen nur noch kommen. Zunächst aus Deutschland, demnächst dann auch aus Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Und irgendwann hoffentlich auch wieder von überall her. Solange müssen die Hoteliers durchhalten, leer stehende Zimmer belüften, Toiletten spülen und weiter die Kurzarbeit organisieren.