Nike Wagner: “Auferstehn, ja auferstehn”

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Im DW-Gespräch erläutert die Intendantin des Beethovenfests Bonn ihre Plane für die Zeit während und nach der Corona-Krise.

2020 sollte das 250. Beethoven-Jubiläumsjahr auch mit einem besonderen Beethovenfest gefeiert werden. Dann zog die Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung. Allerdings besteht die Möglichkeit, die meisten Veranstaltungen ins Jahr 2021 zu verschieben. Nun spricht die Intendantin Nike Wagner über Ihre Pläne und Überlegungen.

Deutsche Welle: Frau Wagner, inwieweit lässt sich das reichhaltige und abwechslungsreiche Programm des Beethovenfests, das sich dramaturgisch auf zwei Saisons verteilen sollte, nun in einem zusammenfügen?

Nike Wagner: Unsere März-Saison wurde sehr kurzfristig gestrichen, unsere Herbstsaison erst kürzlich um ein Jahr verschoben. Dementsprechend befinden wir uns jetzt in einem Wirbel von Daten und Terminen, Zeiten und Zahlen. Dieselben Künstler und Ensembles des Jahrgangs 2020 müssen auch 2021 verfügbar sein, die passenden Spielstätten nicht minder. Das wird nicht hundertprozentig gelingen. Aber erst, wo sich keine Konkordanzen erzielen lassen und Lücken bleiben, gestatten wir es uns, auf abgesagte Programmpunkte der März-Saison zurückzugreifen.

Beispielsweise versuchen wir, den Zyklus aller neun Beethoven-Sinfonien in die Spielzeit 2021 hinüberzuretten, mit dem Orchester MusicAeterna unter Teodor Currentzis. So hätten wir wenigstens eine der geplanten Aufführungen der “Neunte” erhalten – denn es steht nicht zu erwarten, dass das Bayreuther Festspielorchester außerhalb eines Beethoven-Jubiläums noch einmal Beethoven wird spielen wollen.

Wo solche Manöver nicht gelingen, schöpfen wir aus dem Übergangs-Programm, das wir vor Corona für das Jahr 2021 schon entworfen hatten. Gottlob lässt sich bisher alles ganz gut an: Die Künstler freuen sich, wenn sie “nur” verschoben und nicht abgesagt werden.

Ungefähr wie viele von den geplanten Projekten können gerettet werden, was findet nicht statt?

Unser Verhandlungs-Marathon zeigt zumindest schon, welche Veranstaltungen wir nicht halten können. Zu meinem Leidwesen ist es unser ganzer sogenannter “Leonoren”-Komplex. Im Mittelpunkt hätte die Bonner “Fidelio”-Inszenierung stehen sollen, drumherum hätten sich die Opern gruppiert, die dieselbe Rettungsgeschichte zum Thema haben: Werke von Pierre Gaveaux, Ferdinando Paër und Simon Mayr. Ein Jubiläums-Festival wäre die ideale Gelegenheit gewesen, solche Raritäten aufzuführen; sie hätten unser Beethoven-Verständnis erweitert. Bleiben werden aber alle unsere Pianisten: der Residenz-Künstler Marino Formenti und alle jene, die sich der neun Sinfonien Beethovens in der Transkription von Franz Liszt annehmen; auch das “Prometheus”-Projekt von Romeo Castellucci wird wie geplant stattfinden können.

Nike Wagner im DW-Gespräch mit der Redakteurin Anastassia Boutsko beim Beethovenfest 2019

Welche Projekte sind Ihnen besonders wichtig?

Sehr wichtig ist mir das Gelingen des Abschlusskonzertes mit der “Auferstehungs-Symphonie” von Gustav Mahler, gespielt vom Mahler Chamber Orchestra. Schließlich ist das Motto der Saison diesem Werk entnommen: “Auferstehn, ja auferstehn”. Und irgendwie passt dieses nun ganz unerwartet: ja, wir wollen nach der Corona-Erfahrung wieder zurück auf die Bühne des Lebens! Auf die Bühne der Kunst!

Welche Absagen tun besonders weh?

Das ist der Abschied von der Reihe “Europäische Orchesterkonzerte” aus dem März-Festival. In Idee und Ausführung war sie perfekt und hätte ein Wieder-Hören der fünf Uraufführungs-Werke zu Ehren von Ludwig van Beethoven ermöglicht, die ich in den vergangenen Jahren in Auftrag gegeben hatte – aus Italien, Frankreich, Österreich, Russland und Deutschland. Beethoven und Europa: Das hätte ohnehin gepasst!

Hält das Beethoven-Jubiläum auch moralisch eine solche Verschiebung aus? Oder wird mit dem Jubiläum nachher die Luft raus sein?

2020 hatte gut angefangen – erste künstlerische Spannungen entluden sich, die Stimmung war prächtig und die Tourismusbranche glücklich. Dann erreichte der Shutdown auch Bonn, auch den Beethoven-Geburtstag – alles über die letzten Jahre Gedachte und Erreichte fiel in sich zusammen. Und seither fahren auch die Kulturveranstalter “auf Sicht”. Hoffen wir, dass der alte Schwung wiederkehrt, hoffen wir, dass die Freude am gemeinsamen Musikerlebnis wiederkehrt. Zumindest müsste der Hunger danach enorm gewachsen sein.

Ein Tag vor dem Shutdown: Nike Wagner und Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan bei der Einweihung des Beethoven-Frachters am 12. März 2020

Wie sehen Sie generell die Zukunft großer Festivals in der Post-Corona-Zeit, die hoffentlich einmal eintritt?

Ich kann auch nur mutmaßen. Da ist einerseits eine sprunghafte Weiterentwicklung des Digitalen in allen Lebensbereichen, andererseits erwachen die guten alten Werte wieder – das Musizieren und Musikhören ist ein unentbehrliches kollektives Ritual. Nur hier können wir, wie es im Französischen heißt, “solitaire” und “solidaire” zugleich sein, allein und aufgehoben in einer Gemeinschaft.

Nach 2021 übernimmt Steven Walter ihren Stab als neuer künstlerischer Leiter des Festivals. Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?

Dass er mit dem Bonner Spielstätten-Problem kreativ umzugehen versteht.

Das Campus-Projekt war für das Jubiläumsjahr als “Doppel-Campus” mit Werken von Stockhausen und Beethoven, aber auch mit Kompositionsaufträgen an Tan Dun und Zeynep Gedizlioglu angedacht. Was ist 2021 realistisch? 

Der “Doppel”-Campus 2020 hat eine lange Geschichte. Das Beethovenjahr 2020 fiel mit einem Campus-Jubiläumsjahr zusammen: 20 Jahre gibt es dieses internationale Jugendprojekt vom Beethovenfest und der Deutschen Welle nun schon. Aus diesem Anlass fanden wir die Idee schön, mit dem Bundesjugendorchester doppelt – und eben größer – zu feiern.

Das Bonner Konzert mit Beethovens Neunter und der Uraufführung eines Werkes von Tan Dun fußte auf einer Initiative des Deutschen Musikrates und der Beethoven-Jubiläumsgesellschaft und sollte ursprünglich im August 2020 stattfinden. Während des Beethovenfestes im September sollte ein Campus-Konzert dann eine Linie zum großen Klang-Erneuerer des 20. Jahrhunderts ziehen: Karlheinz Stockhausen. Seine raumgreifenden “Gruppen” sollten sich ins Spannungsfeld zwischen einer Beethoven-Inspiration von György Kurtág und einer neuen Arbeit der türkisch-stämmigen Komponistin Zeynep Gedizlioglu begeben, und aus Platzgründen, an der Kölner Oper. Zumindest dieses Konzert wird sich wohl in die Saison 2021 retten lassen. Ich kann nur hoffen, dass sich noch eine Möglichkeit finden wird, auch Tan Duns Arbeit hörbar zu machen – ein Doppel-Campus würde 2021 nichts von seinem Reiz verlieren.

Das Gespräch führte Anastassia Boutsko