Comedyserie “Drinnen”: Corona-Lockdown in Echtzeit

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Homeoffice, Videokonferenzen, Angst vor dem Coronavirus: In der Webserie “Drinnen” spiegelt sich der Lockdown-Alltag, den Hunderttausende weltweit erleben.

Charlotte (Lavinia Wilson) ist Mitte Dreißig, verheiratete Mutter von zwei Kindern und arbeitet in der Werbebranche. Eigentlich will sie sich von ihrem Mann trennen und raus aus ihrem Job, der sie nur noch belastet, aber dann macht ihr der Corona-Lockdown einen Strich durch die Rechnung. Zu allem Überfluss erkrankt auch noch ihre Chefin (Johanna Gastdorf), und sie muss quasi im Alleingang die Firma retten…

In der Serie “Drinnen – Im Internet sind alle gleich” ist Charlotte Identifikationsfigur für viele Berufstätige, die während des Lockdowns zwischen Videokonferenzen, Chatgruppen, YouTube-Yoga-Sessions und Kinderbespaßung ihren Alltag bestreiten. Meist sieht man sie am Rechner oder Smartphone – und ihren Laptop-Bildschirm, auf dem der Cursor in atemberaubendem Tempo zwischen ihrer stetig wachsenden To-do-Liste, einer Konferenz, der Chatgruppe mit der Familie, der Tinder-App oder einem Karate-Einsteigerkurs hin- und herspringt. Eine eingebildete COVID-19-Erkrankung schiebt Charlotte vor, um ihren Mann (Barnaby Metschurat), einen erfolglosen Musiker, und die gemeinsamen Kinder auf Abstand im Brandenburgischen Ferienhaus zu halten und unbemerkt tindern zu können. Ihr ganzes Leben ist eine einzige Abhak-Liste: Katastrophenbewältigung in Zeiten des Turbokapitalismus.

Das Leben als Dauer-Videokonferenz: Charlotte (Lavinia Wilson) im Chat übers Smartphone

Komik des Alltags im Ausnahmezustand

Charlottes Umfeld funktioniert nicht so effizient wie sie selbst: Ihr trotziger Vater (Wolf-Dietrich Sprenger) fängt mitten in der Pandemie wieder mit dem Rauchen an, die Mutter (Victoria Trauttmannsdorf) trifft sich trotz Kontaktsperre mit ihren Pilates-Freundinnen, und ihre Schwester (Jana Pallaske), die in Thailand festsitzt, bevorzugt Selbstfindung und lässt Charlotte mit ihren Sorgen allein. Ein unerwarteter Todesfall und ein unverarbeitetes Trauma aus Charlottes Vergangenheit tun ihr Übriges: Sie ist heillos überfordert, will aber trotzdem alles gewuppt kriegen. Dadurch kommt es ständig zu unfreiwilliger Komik am Rande des Burn-Outs. Vor allem Charlottes selbst in Pandemie-Zeiten anhaltender Selbstoptimierungswahn spiegelt das Verhalten vieler junger und mittelalter Berufstätiger.

Charlottes Ehemann Markus (Barnaby Metschurat) muss alleine auf die gemeinsamen Kinder aufpassen

Als Lavinia Wilson für die Hauptrolle in “Drinnen” angefragt wurde, fand sie die Idee “gleich super interessant – vor allem die Lust und den Mut von allen Beteiligten, sich da einfach reinzustürzen, ohne zu wissen, wo es am Ende hinführt – den Mut zu haben, vielleicht auch zu scheitern.” Mut und Vertrauen waren die Basis für die Serie, denn die Drehbedingungen waren für alle Beteiligten Neuland.

Neue Art des Drehens

Das Team um Regisseur Lutz Heineking hat “Drinnen” den Lockdown-Bedingungen entsprechend hergestellt. Alle Folgen wurden Corona-gerecht auf Abstand produziert: Die Darsteller*innen agierten allein oder maximal zu zweit, die Regieanweisungen kamen online über Google Hangout, über Nacht wurde geschnitten. So konnte das Team in Echtzeit auf aktuelle Entwicklungen reagieren.

Lavinia Wilson war aufgrund der Corona-gerechten Drehsituation auch selbst für Kamera, Licht, Set und Maske zuständig und dadurch bis zu 13 Stunden am Tag beschäftigt. “Die Bücher waren immer erst am Vorabend des Drehs fertig – und oft wurden am Tag der Ausstrahlung auch noch aktuelle Ideen eingefügt. Das Adrenalin war deswegen bei allen hoch, alle mussten schnell und spontan reagieren können.” Der Kniff sei es gewesen, die neue Situation “nicht als Stress, sondern als Herausforderung zu sehen.” Obwohl der direkte Kontakt mit einem Team für Lavinia Wilson nicht zu ersetzen ist, hat sie einige Aspekte der neuen Arbeitsweise auch genossen: “Man musste für Besprechungen nicht alle Leute an einen Ort organisieren. Das ist etwas, was ich durchaus gerne in die Zeit nach der Kontaktbeschränkung mitnehmen würde.”

Sieht so die Serie der Zukunft aus?

Für Regisseur Lutz Heineking Jr. war “Drinnen” ein Glücksfall in einer Phase, in der kaum Drehs stattfinden konnten und viele seiner Kolleg*innen buchstäblich auf dem Trockenen saßen: “Ich kann gar nicht dankbar genug dafür sein, dass wir gesagt haben: ‘Wir liefern jetzt.’ Es war das Gegenteil von Stillstand.” Er arbeitet bereits an einem nächsten, auf ähnliche Art und Weise hergestellten Projekt. Auf die Frage, ob “Drinnen” das Serienformat der Zukunft ist, sagt Heineking: “Fürs Web ist diese Desktop-basierte, kurze Form ideal. So kann sie international auch funktionieren. In andere Formate sollte man sie aber nicht pressen, kurz muss es bleiben.” Übersetzungen von “Drinnen” in andere Sprachen wurden wohl bereits angefragt, ob die Serie auch außerhalb Deutschlands laufen wird, ist allerdings noch nicht bekannt.

Regisseur Lutz Heineking Jr.

Die neue Herstellungsweise reizt jedenfalls auch Serien-Macher*innen in anderen Ländern: Jenji Kohan, Schöpferin der Netflix-Erfolgsserie “Orange is the New Black”, arbeitet an einer neuen Serie mit dem Arbeitstitel “Social Distancing”, in der sich die Darsteller*innen ebenfalls selbst filmen.

Sowohl Lutz Heineking Jr. als auch Lavinia Wilson haben für “Drinnen” neben sehr guter Kritiken auch viele persönliche enthusiastische Nachrichten erhalten: “Die Reaktionen haben uns unglaublich gefreut, wir haben anscheinend einen Nerv getroffen und den Leuten auch geholfen, mit der Situation umzugehen, indem wir sie darüber haben lachen lassen”, so Wilson. Ihr persönlicher Tipp für Lockdown-geschädigte Menschen: “Computer ausmachen und aus dem Fenster schauen.”

 

Alle 15 Folgen von “Drinnen – Im Internet sind alle gleich” sind in der ZDF-Mediathek abrufbar.