Ins Fitnessstudio trotz Coronavirus-Pandemie?

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Während in anderen Ländern noch strenge Corona-Regeln herrschen, sind in Deutschland die ersten Fitnessstudios wieder geöffnet. Eine gute Nachricht für die knapp zwölf Millionen Kunden. Doch es gibt auch Zweifel.

Zurück an die Eisen: Knapp 12 Millionen Fitnessstudio-Mitglieder dürfen nach und nach zurück an die Geräte

Lars Holdorf verzieht das Gesicht. Die Zähne gefletscht, die Augen zusammengekniffen, die Stirn in Falten gelegt. Der Schweiß tropft ihm vom Kinn. Noch eine Wiederholung, noch eine und dann noch eine. Er sitzt an der Bizepsmaschine und gibt alles. Seine kräftigen Arme ziehen die Griffe der Maschine immer wieder nach oben, der Bizeps bäumt sich dabei auf und sein Kopf läuft rot an. Nach Spaß sieht das nicht aus.

Doch genau das ist es für Lars Holdorf. “Geil!”, sagt er nur strahlend und holt erstmal Luft, nachdem er sein Workout an der Bizepsmaschine beendet hat. “Das Fitnessstudio ist mir schon sehr wichtig”, erzählt er und man kann in seiner Stimme nur erahnen, wie sehr ihm das “Pumpen” an den Geräten gefehlt hat. Als Footballspieler der Bonn Gamecocks brauche er Kraft und Masse, um sich in die Reihen der Gegner schmeißen zu können. Und Fitness gehöre für ihn zum Alltag.

Desinfektion ist eine neue sportliche Disziplin in den Studios

Zwei Monate lang war sein Fitnessstudio geschlossen, so wie alle anderen auch in Deutschland. Schwitzende Menschen dicht an dicht nebeneinander – genau das musste während des Corona-Lockdowns verhindert werden. Seit diesem Montag haben die ersten Fitnessstudios in Deutschland wieder geöffnet. Zunächst erst im Westen des Landes, wie hier in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn. Die anderen Bundesländer folgen in den kommenden Tagen und Wochen. Und viele europäische Nachbarländer, wo noch strengere Verhaltensregeln herrschen, schauen nach Deutschland und fragen sich: Kann das gut gehen?

42,60 Euro im Monat für die Fitness

Der Weg der Lockerungen, den Deutschland eingeschlagen hat, ist mutig. Denn die Infektionszahlen steigen seit einigen Tagen wieder und Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnt bereits, nicht alles Erreichte durch unvorsichtiges Verhalten zu verspielen. Deutschland lockert die Zügel, die Menschen kommen raus aus ihren heimischen Refugien – und viele gehen wieder ins Fitnessstudio.

Mit Motivation aus der Krise? Viele Deutsche sind noch skeptisch angesichts der Lockerungen

Fast zwölf Millionen Deutsche besuchen mehr oder weniger regelmäßig die rund 9700 Fitnessstudios im Land, sagt die Statistik des Arbeitgeberverbands deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV). Zum Vergleich: Von den 23 Millionen Katholiken in Deutschland besuchen laut der Deutschen Bischofskonferenz durchschnittlich 2,1 Millionen Menschen katholische Gottesdienste in Deutschland. Fitnessstudios sind also für viele Menschen ein elementarer Bestandteil ihres Alltags. Und sie zahlen dafür: 42,60 Euro betrug der durchschnittliche Monatsbeitrag im Jahr 2019. Das beschert der Branche in Deutschland einen Umsatz von 5,5 Milliarden Euro – und damit auch ein politisches Gewicht. Der DSSV leistete Lobbyarbeit für die Fitnessindustrie, die hart von den Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens betroffen war und ist.

Einige freuen sich, viele bleiben skeptisch

“Das war ein harter Einschlag“, erinnert sich Max Walter. Groß, kräftige Statur, kurzes Haupthaar, viele Tattoos. Er leitet das Fivestar Fitness Studio in Bonn, eines von 13 Studios der Fitness-Kette. “Sonntag kam die Mitteilung, dass wir Dienstag schließen müssen. Wir mussten unsere Kosten auf ein Minimum reduzieren, das war eine harte Zeit.” Das galt nicht nur für die Kunden, sondern auch fürs Personal: Zwölf der insgesamt 19 Mitarbeiter des Studios verloren ihren Job. Fast alle von ihnen sind Studenten, die sich mit der Arbeit in der Muckibude ihr Studium finanzieren. Nach rund zwei Monaten Auszeit darf das Bonner Fitnessstudio als eines der ersten in Deutschland nun wieder öffnen. Eine große Erleichterung für Max Walter, der während der Schließung einige Kündigungen von Mitgliedern hinnehmen musste.

Der Neustart ist nun nur unter strengen Auflagen erlaubt. Die Fitnessstudios müssen für Abstand sorgen, sieben Quadratmeter pro Kunde sind die Faustregel für das Personal am Eingang. Lange Schlangen bilden sich an diesem ersten Öffnungstag dennoch nicht vor dem Studio in Bonn. Wohl auch, weil viele Kunden noch zurückhaltend sind. 72 Prozent der befragten Personen gaben bei einer aktuellen YouGov-Umfrage in Deutschland an, dass sie nicht sofort wieder in ihr Fitnessstudio gehen werden, wenn es aufmacht. Eine DW-Umfrage auf Twitter führte zu einem ähnlichen Ergebnis.

Deswegen weiß Max Walter, dass er seine Kunden überzeugen muss: “Wir fordern jedes Mitglied auf, sich beim Eintreten die Hände zu waschen oder zu desinfizieren. Die Mitglieder werden aufgefordert, die Geräte zu desinfizieren, zusätzlich machen das auch unsere Mitarbeiter. Und wir haben die Vorgabe erhalten, dass jedes Gerät mindestens drei Meter vom nächsten entfernt stehen muss”, erklärt er.

Das klappt am ersten Tag gut, die Kunden nehmen die Hygienemaßnahmen ernst. Zum Beispiel Melanie Meger. Die Schülerin ist direkt am ersten Öffnungstag mit ihrer Mutter zum Training gekommen, weil ihr das Fitnessstudio “sehr gefehlt” habe. Zuhause war ihr der Fokus fürs Training abhanden gekommen, die Atmosphäre im Fitnessstudio motiviere sie dagegen sehr. Ein bisschen Angst habe sie schon, sich zu infizieren, sagt sie. “Aber ich versuche mich einfach an alle Regeln zu halten: Ich ziehe einen Mundschutz an, wo es nötig ist, desinfiziere mir die Hände und auch die benutzten Geräte.” Sie weiß, dass hoch intensives Training wie Maximalkraftübungen oder Spinning hier verboten sind, dabei schwitzt und atmet man zu stark.

Training nur unter strengen Regeln

Das Ordnungsamt prüft die Hygiene-Maßnahmen in den Studios

Den Betreibern der Fitnessstudios  ist bewusst: Nur mit diesen Einschränkungen können sie ihr Geschäft in Zeiten der Pandemie fortsetzen. Sobald ein erneuter Ausbruch von COVID-19 von den Gesundheitsämtern auf Ansteckungen in Fitnessstudios zurückverfolgt werden sollte, könnte es schnell wieder vorbei sein mit den sportlichen Lockerungsübungen. Der Sportmediziner Wilhelm Bloch macht im DW-Interview klar, dass er sich den Betrieb der Fitnessstudios nur „unter strengen Regeln, Gerätedesinfektion und mit begrenzter Zahl an Besuchern, so dass Mindestabstand problemlos eingehalten wird, sowie einer gut funktionierenden Lüftung, die verhindert, dass Aerosol im Raum länger bleiben”, vorstellen kann.

Amateur-Footballspieler Lars Holdorf hält das für selbstverständlich. An die Einschränkungen und Hygieneregeln habe er sich im Alltag bereits längst gewöhnt. Und: “Die Infektionszahlen in Deutschland zeigen, dass wir diesen Schritt nun gehen können”, findet er. “Ich begegne den anderen hier im Fitnessstudio mit respektvollem Abstand. Wenn man sich daran hält, ist das Risiko hier nicht größer als beim Einkaufen im Supermarkt.”

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Sport mit Abstand in Corona-Zeiten