Die Corona-Weltrevolution

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Es wird zurzeit obsessiv behauptet, wir befänden uns in einem Krieg: die Menschheit vs. Coronavirus. Ein Krieg bedeutet einen Feind zu haben, der von außen kommt. Corona hat sich die Menschheit aber selbst zuzuschreiben.

Carmen-Francesca Banciu

Mir scheint, als würden wir eher eine Revolution erleben. Das Virus zwingt die Menschheit, sich als große Gemeinschaft zu begreifen, die dringend Veränderung braucht. Es zwingt uns zu begreifen, dass wir als Teil eines Organismus voneinander abhängig sind, uns gegenseitig brauchen. Jede Nation und jedes Individuum, jedes Wesen, ob jung oder alt, sind gleich wertvoll und wichtig in der Kette, die das Überleben auf dem Planeten sichert.

Seit längerer Zeit spüren wir im Nacken die Bedrohungen von Gefahren, die wir nur teilweise benennen können, die uns aber alle betreffen: Die Folgen der Globalisierung, die Alterung der Gesellschaft, das Bevölkerungswachstum, das Verschwinden der Artenvielfalt, das Schrumpfen der Ressourcen, der Klimawandel, die Folgen von Kriegen. Inzwischen wissen wir, dass globale Probleme nicht isoliert oder im nationalen Alleingang lösbar sind. Trotzdem ist es wichtig, dass weder Regierungen, noch ökologische, religiöse oder politische Bewegungen jemals die Übermacht bekommen, globale Lösungen mit totalitären Mitteln zu erzwingen.

Corona ist unser Lehrer

Zurzeit wird Abschottung als Lösung für die Eindämmung des Virus eingesetzt. Aber Abschottung ist illusorisch in einer Welt, in der wir existentiell alle voneinander abhängig sind. Viel mehr als uns abzuschotten, sollten wir lernen abzuwägen zwischen Notwendigem, Nützlichem und Verschwenderischem. Auch in dieser Hinsicht ist Corona unser Lehrer.

In nur ein paar Wochen hat das Coronavirus (SARS-CoV-2) eine Revolution in Gange gesetzt. Ein winziges, unsichtbares, unverwüstliches und doch fragiles, subtiles Etwas, (nicht einmal ein sich selbständig vermehrendes Lebewesen) hat es geschafft, die ganze Welt in Angst und Schrecken zu versetzen, die Mächtigsten der Welt in die Knie zu zwingen, unser aller Existenz zu bedrohen. Unser Leben im Schreckenstempo zu verändern.

In nur ein paar Tagen hat sich alles radikal geändert. Gewohnheiten, Bedürfnisse, Ansprüche haben sich relativiert. Wir sind alle zu potenziellen Flüchtlingen geworden. Nur, dass wir nirgendwohin flüchten können vor uns selbst.

Carabinieri in Italien – Im “Krieg” gegen Coronavirus

Wir werden angehalten in unserem Zuhause zu bleiben, um uns selbst und die anderen zu schützen. Das Gebot der Stunde lautet innehalten, in sich gehen, dort verweilen, bis die Welt ins Gleichgewicht gekommen ist. Ausharren. Geduld üben. Die Bedeutung des Unspektakulären anerkennen. Erkennen, was wirklich zählt, was wirklich Bedeutung für unser Leben hat.

Wir lernen jeden Tag Dinge zu schätzen, die wir ignoriert, vernachlässigt, verlernt oder als überflüssig betrachtet haben: Zeit miteinander zu verbringen. Zeit in Abgeschiedenheit zu verbringen. Die Sinnlichkeit des Lebens wahrzunehmen. Unsere Sinne neu zu beleben. Unser Leben zu entschleunigen. Die Bedeutung von Arbeit, Erziehung, Studium, sozialer Bindung, aber auch Reichtum neu zu definieren und zu schätzen. Von Dingen, die nicht an der Börse gehandelt werden, uns unsagbar bereichert zu fühlen. Jeden einzelnen Menschen zu wertschätzen. Und vieles mehr.

Im Schnellverfahren begreifen wir, dass Effizienz nicht der einzige Maßstab sein darf, um den Wert des Lebens zu messen. Wir lernen Zeit und Lebensqualität neu zu begreifen. Dem Rauschen der Blätter, des Regens zuzuhören, die Veränderungen des Lichts zu beobachten. Den Geruch und die Farben von Lebensmitteln, den Geschmack des Frischgekochten als Wert an sich zu betrachten. Wir lernen den Wert eines spontanen Lächelns. Und vieles mehr. Massive emotionale Wiederbelebung einer an Unachtsamkeit erkrankten Gesellschaft ist im Gange.

Zeit für einen Neuanfang

Vor der Corona-Ära waren wir in einer alles beherrschenden Eile. Im chronischen Zeitmangel. Selbst für die Rettung der Umwelt schien uns die Zeit zu knapp. Der Shutdown in fast allen Ländern hat die meisten von uns zu scheinbarer Untätigkeit gezwungen. Uns und der Umwelt wurde Zeit geschenkt. Zeit, um über einen Neuanfang zu reflektieren. Ihn in die Wege zu leiten.

Ärzte, Pflegepersonal, die Stadtreinigung, die Nahrungserzeuger und -vertreiber und alle, die den Fortbestand des Alltags mit ihrem Lebenseinsatz ermöglichen, sind die Helden der Tage.

Wir anderen sitzen zuhause und wenn wir die Klugheit besitzen, uns selbst auszuhalten, nicht endlos in Netflix & Co. zu flüchten, sondern ins Gespräch mit uns selbst und in authentische und tiefgreifende Kommunikation mit den anderen kommen, werden wir sehr bald dazu beitragen, Antworten und Lösungen für Krisen zu finden. Bis dann backen wir weltweit Brot mit Sauerteig. (Sogar die NY Times hat dafür ein Rezept veröffentlicht.)  Wir machen Gartenarbeit, misten unsere Schränke aus, sortieren Papiere, lesen, lernen eine neue Sprache, singen und zeichnen und weinen. Und vor allem, wir denken nach und schaffen Ordnung in unserem Inneren. Im Hinterkopf gestalten wir Pläne für unser aller Heilung und Neuanfang.

Wir werden erinnert, dass wir im selben Boot sitzen. Und die Rettung des Bootes erst möglich ist, wenn wir das Wohl der Gemeinschaft anstreben. Uns dafür einsetzen. Das bedeutet in diesem Moment, auf Vieles zu verzichten, Social distance zu praktizieren, unsere Kinder zuhause selbst zu unterrichten und ihnen durch Distance education Schulunterricht online zu ermöglichen. Selbst Kinder bringen ihre Opfer. Wie wird diese massive Umstellung ihr Leben prägen?

Wir wissen nicht, wie lange der Stillstand andauern wird. Aber wir werden nach den Tagen des Shutdowns, des Kampfes, des Verzweifelns, des Innehaltens vollkommen verändert aus unserer Chrysalide schlüpfen. Eine globale Metamorphose. Wir werden wachsen mit unseren Aufgaben. Wie nach einem Krieg werden wir voller Elan Neues schöpfen. Und die Kreativität der Welt wird sich ausdrücken in Nachhaltigem, Bedeutendem, Sinnvollem. Erhabenem. Wer wird danach noch in sein altes Leben zurückkehren wollen?

Carmen-Francesca Banciu ist in Rumänien geboren. Seit November 1990 lebt sie als freie Autorin in Berlin, schreibt für Rundfunk und Zeitungen und leitet Seminare für Kreativität und kreatives Schreiben. Seit 1996 schreibt sie in deutscher Sprache. Ihr Roman “Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!” wurde für den Deutschen Buchpreis 2018 nominiert. Demnächst erscheint ihr Roman “Vaterflucht” in englischer Sprache.