Rosenkrieg zwischen Klinsmann und Hertha

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Zwei Wochen nach seiner Flucht vom Bundesligisten Hertha BSC rechnet Trainer Jürgen Klinsmann mit dem Verein ab. Dabei scheint ihm der Stil völlig egal.

Jürgen Klinsmann tritt nach. Zwei Wochen nach seinem Rückzug als Trainer des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC hat die Sport-Bild in ihrer aktuellen Ausgabe (26. Februar) Auszüge aus einem 22-seitigen Protokoll veröffentlicht, die sich “wie ein Tagebuch” über die nur 76 tage währende Amtszeit lesen. Klinsmann wirft darin Manager Michael Preetz “jahrelange katastrophale Versäumnisse in allen Bereichen, die mit dem Leistungssport zusammenhängen” vor. Die Geschäftsleitung müsse “sofort komplett ausgetauscht werden”.

Der Klub habe keine Leistungskultur, nur Besitzstandsdenken, und es fehle jegliches Charisma in der Geschäftsleitung. Klinsmann attackiert dabei nicht nur Preetz, sondern auch Vereinspräsident Werner Gegenbauer, bezeichnet ihn als “völlig übel gelaunten Präsidenten”. Auch die medizinische Abteilung (“ohne jegliche Dynamik, zerstritten, inkompetent”), die Mitarbeiter in der für Medienarbeit zuständigen Abteilung (“… die nur reagiert, keine Ideen hat und den Trainerstab niemals verteidigt. Es werden keine Lösungen gesucht, keine Innovationen.”) und einige Spieler bekamen ihr Fett weg.

Werden wohl keine Freunde mehr: Klinsmann (l.), im Hintergrund Preetz

Es gebe “zu viele ältere und satte Spieler, die keinerlei Power haben, um im Abstiegskampf zu bestehen”. Dabei scheute Klinsmann auch vor der Nennung von Namen nicht zurück: Vedad Ibisevic sei ein “super Typ, leider zu alt”, Dodi Lukebakio gehöre in die “Rubrik Fehleinkauf von Preetz”, Marko Grujic erziele keinen Mehrwert, “da er sich weder … Hertha noch Liverpool zugehörig fühlt”.

Perfide und ungehörig

Preetz hat wenige Stunden nach der Veröffentlichung reagiert und die Vorwürfe als “perfide und ungehörig, widerlich und unverschämt” zurückgewiesen. Er behalte sich rechtliche Schritte gegen Klinsmann vor, der aus seiner Position als Aufsichtsrat bei der Hertha heraus vor rund drei Monaten als Trainer eingesprungen war, nachdem der Klub in Abstiegsgefahr geraten war. Die von Klinsmann Kritisierten seien “Menschen, die 24 Stunden pro Tag für diesen Verein im Einsatz sind”, so der Manager.

Preetz, der dem Vernehmen nach von Anfang an kein besonders gutes Verhältnis zu Klinsmann hatte, verwies außerdem darauf, dass die Vorwürfe gegen die Mitarbeiter vom früheren Bundes- und Bayern-Trainer “zu keiner Zeit persönlich geäußert worden” seien.

Klinsmanns Verpflichtung als Aufsichtsrat und dann als Trainer waren Teil eines Plans von Investor Lars Windhorst, der die Hertha zu einem deutschen Spitzenverein machen möchte und dabei kräftig in neue Spieler investiert hat. Insgesamt hat der Unternehmer schon 224 Millionen Euro in den Klub gesteckt. Nach dem Rücktritt des Schwaben, den er zunächst über die sozialen Medien bekannt gemacht hatte, ließ Windhorst keinen Zweifel daran, dass Klinsmann keine Zukunft mehr bei der Hertha habe – auch nicht im Aufsichtsrat, wo das Mandat wegen der Trainertätigkeit ausgesetzt war. Ein Vertragsverhältnis bestehe nicht mehr.

War es ein Putschversuch?

Bleibt die Frage nach den Motiven für diese in der Geschichte der Bundesliga bisher einmalige Generalabrechnung. “Ich kann nicht einordnen, ob das ein Putschversuch oder sonst etwas war. Ich kann höchstens feststellen, dass es nicht funktioniert hat”, sagte Preetz.

Klinsmann wird immer wieder nachgesagt, ein Machtmensch zu sein, der bei der Übernahme neuer Aufgaben keinen Stein auf dem anderen lässt. So schaffte er es, einer am Boden liegenden deutschen Nationalmannschaft in der Vorbereitung auf die WM 2006 im eigenen Land wieder Leben einzuhauchen, profitierte allerdings auch davon, dass er eine aufstrebende, “goldene Generation” an Fußballern trainieren durfte und er einen Expertenstab um seinen Assistenten Joachim Löw um sich scharte, der großen Anteil an der Renaissance des deutschen Fußballs hatte.

Als er beim FC Bayern, wo er schon als Spieler im Unfrieden geschieden war, als Trainer verpflichtet wurde, stieß er viele Entscheidungsträger mit seinen eigenwilligen Ideen vor den Kopf und scheiterte 2009 nach nur zehn Monaten, ohne einen Titel gewonnen zu haben. Von 2011 bis 2016 war Klinsmann Nationaltrainer der USA.