Angst vor Corona hat Norditalien im Griff

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Die Wirtschaftsmetropole Mailand scheint wie im Winterschlaf. Wegen des Coronavirus bleiben die Menschen weg. Eine übertriebene Maßnahme, kritisieren manche. Aus Mailand Bernd Riegert.

Militärposten vor dem geschlossenen Mailänder Dom: Lässt das Virus sich so aufhalten?

Die drastischen Maßnahmen der italienischen Behörden, um die Bewegung und Reisetätigkeit in Norditalien einzuschränken, betreffen fast 30 Millionen Menschen – die Hälfte der gesamten Bevölkerung. Nicht nur in den “Roten Zonen”, die in der Lombardei und Venetien unter eine Art Quarantäne gestellt wurden, sondern im ganzen Norden sind 5500 Schulen für eine Woche geschlossen worden. Die Universitäten haben dicht gemacht. Behörden, einige Fabriken, Bars und Restaurants schickten ihre Mitarbeiter in Zwangsurlaub. Sportturniere und der Karneval wurden gestrichen. Der Bahnverkehr zwischen Mailand und Piacenza ist zeitweilig gestört. 

Freie Parkplätze

Auch in Mailand, der zweitgrößten Stadt und Wirtschaftszentrum des Landes, halten sich viele besorgte Menschen an die Aufforderung der Regierung möglichst zuhause zu bleiben. Die Innenstadt ist viel leerer als sonst. Die Metro und die Busse sind spärlich besetzt. Es gibt freie Parkplätze. Eine Seltenheit. Auf dem Platz vor dem berühmten gotischen Dom, der für zwei Tage geschlossen ist, sind geschätzt mehr Tauben unterwegs als Touristen.

Sergio schwört in Mailand auf die Maske: Sie macht Selfies noch interessanter

“In normalen Zeiten ist es hier total voller Menschen”, sagt Sergio. Er trägt eine Atemschutzmaske und knipst vor dem Dom Selfies. “Die sind für meine Freunde”, sagt der Student aus Mailand, der Zwangsferien hat. Sergio schiebt die Maske hoch, weil er so besser sprechen kann. Außerdem jucke das Ding. Er sei auch ein bisschen besorgt wegen des Coronavirus und habe gehört, dass eine Maske schützen würde.

Keine Panik 

Sergio ist vor allem erstaunt darüber, wie schnell die Zahl von Corona-Infektionen ansteigt. Am Dienstag waren es rund 280 im ganzen Land, zehn Mal mehr als vor einer Woche. Der Chef der italienischen Katastrophenschutzbehörde, Angelo Borrelli, hat dazu in einer Pressekonferenz gesagt, angesichts der Zahlen könne man eigentlich noch nicht von einer Epidemie sprechen.

Besorgte Einkäufer in einem Mailänder Supermarkt: Die Regale sind trotz anderer Prognosen voll

Er warnt vor Panik, rät aber zur Vorsicht. Die relativ hohen Zahlen seien auch auf bessere Testmethoden zurückzuführen. Die Behörden hätten die Lage im Griff, verspricht Borrelli in den Fernsehnachrichten. 

Streit zwischen Süd und Nord

Inzwischen wird der erste Corona-Fall aus Süditalien gemeldet. In Palermo auf Sizilien wurde ein Erkrankter identifiziert, der aus der Lombardei nach Sizilien gereist war. Die Regionalregierungen im Süden kritisieren, diese weitere Ausbreitung des Virus und fordern Reisebeschränkungen für Norditaliener. Die südliche Region Basilicata will zum Beispiel alle Studenten aus Norditalien, die in der Region studieren, unter Quarantäne stellen. Die Insel Ischia teilte mit, es dürften keine Touristen mehr aus der Lombardei und Venetien anreisen, wo die Masse der Corona-Infektionen registriert wurde.

Straßensperre in der Lombardei: Süditalienische Regionen würden den Norden gerne fernhalten

Viele Regionalregierungen werfen der zentralen Regierung von Ministerpräsidenten Giuseppe Conte vor, sie tue zu wenig und verursache Chaos. Conte wies das zurück und warnte vor einer Spaltung des Landes in den verseuchten Norden und sauberen Süden. Auch eine von Rechtspopulisten im Norden geforderte Schließung der Grenzen zu Frankreich oder Österreich lehnt der Ministerpräsident bislang ab.

Droht eine Rezession?

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionen könnten noch wochenlang anhalten, orakelten Vertreter der Zentralregierung in Rom. Das wäre für die italienische Wirtschaft eine schwere Belastung, meint der Ökonom Lorenzo Codogno in der Wirtschaftsmetropole Mailand. Erste Schätzungen sprechen davon, dass die Wirtschaftsleistung in den ersten vier Monaten um 0,5 bis 1 Prozent abnehmen könnte. Italien könnte in eine Rezession rutschen und mehr Schulden machen müssen. Der Hotelverband in Venetien warnt bereits, viele Reisende aus Asien würden stornieren. Aber auch viele andere Länder haben Reisewarnungen für Norditalien ausgegeben. “Vor allem für Venedig ist das eine Katastrophe. Erst die Flut im Dezember und jetzt Corona”, sagte ein Sprecher des Hotelverbandes.

“Wir haben keine Angst”

Diese schlechten Nachrichten machen Annalisa und ihren Partner Rino wütend. Sie sind zum Domplatz gekommen, um sich den selten so entvölkerten Platz ihrer Heimatstadt anzusehen.

Annalisa und Rino: Das ist doch wie eine Grippe

“Das ist alles so überflüssig!”, schimpft Annalisa. “Wir haben keine Angst. Corona ist auch nicht schlimmer als eine normale Grippe. Und an der sterben Tausende”, sagt die Lehrerin, die bis kommende Woche wegen Schließung ihrer Schule beurlaubt wurde. Ihr Parnter Rino, ein ehemaliger Polizist, grinst: “Das ist reiner Alarmismus, vor allem von der Regierung und den Medien, also auch Ihnen.” Wenn das so weiter gehe, werde die Wirtschaft schwer leiden, vermutet Annalisa. Trotzig machen Annalisa und Rino das “Victory-Zeichen”. Die wenigen Menschen, die auf dem Platz mit Atemschutz unterwegs sind, findet Annalisa eher komisch. “Es gibt in ganz Mailand vielleicht zehn Corona-Kranke. Wie soll ich die hier auf dem Platz treffen”, fragt sie. “Wir lassen uns nicht unterkriegen!”


  • Coronavirus: Quarantäne in Norditalien

    Die Zufahrten sind dicht

    Insgesamt 52.000 Einwohner wurden in elf Städten und Gemeinden in Norditalien isoliert. Wer in die abgeriegelten Gebiete rein oder aus ihnen raus will, braucht eine Sondergenehmigung. Diese Einsatzkräfte stehen am Ortsrand von Castiglione D’Adda. Wer versucht, die Sperre zu umgehen, dem droht eine “strafrechtliche Verfolgung”.


  • Coronavirus: Quarantäne in Norditalien

    Menschenleere Straßen

    Alle Kneipen und Läden im Zentrum der 15.000-Einwohner-Stadt Codogno sind dicht, nur wenige Menschen gehen raus. Noch immer ist unklar, wer das Virus nach Norditalien eingeschleppt hat. Italiens Regierungschefs Giuseppe Conte zufolge gilt die Quarantäne vorerst zwei Wochen lang. Das entspricht der vermuteten Inkubationszeit für die Lungenkrankheit COVID-19, die von dem Erreger ausgelöst wird.


  • Coronavirus: Quarantäne in Norditalien

    Rasante Entwicklung

    Bis Mittwoch waren italienweit nur drei Infektionen bekannt. Am Donnerstag wurde bei einem schwer erkrankten 38-Jährigen in einer Klinik in Codogno das Virus nachgewiesen, dann bei immer mehr Menschen in seinem Umkreis. Auch seine Eltern kamen unter Beobachtung (Foto). Der “Patient Null” ist dieser Mann jedoch nicht. Am Sonntag wurden in der Region mehr als 130 Infizierte gezählt, drei starben.


  • Coronavirus: Quarantäne in Norditalien

    Hamsterkäufe unter Quarantäne

    Schlangestehen vor einem Supermarkt im abgeriegelten Ort Casalpusterlengo. Die Kunden werden nur in Gruppen zu 40 Personen eingelassen. “Jeder kommt dran, wir wollen nur Chaos vermeiden und für ausreichenden Schutz sorgen”, versucht ein Supermarktmitarbeiter zu beruhigen. Nicht alle Kunden haben dafür Verständnis.


  • Coronavirus: Quarantäne in Norditalien

    Alles weg

    Auch in den nahe gelegenen Großstädten in Norditalien wächst die Angst vor der Ansteckung mit dem Coronavirus. Gel zur Desinfektion und Gesichtsmasken sind in dieser Apotheke in Turin ausverkauft, wie das Schild am Eingang verrät. Dünne Masken, wie sie in OP-Sälen verwendet werden, bieten gegen Viren aber ohnehin nur einen begrenzten Schutz und müssen regelmäßig gewechselt werden.


  • Coronavirus: Quarantäne in Norditalien

    Doppelt maskiert

    Diesen Maskierten ist die Enttäuschung quasi an den Augen abzulesen: Der berühmte Karneval in Venedig wird abgebrochen, da nützt auch der zusätzliche Mundschutz nichts. Das Fest hat eine jahrhundertealte Tradition und ist ein Touristenmagnet. International bekannt sind die opulenten Kostüme und fantasievollen Masken. Normalerweise hätte Venedig noch bis Dienstag Karneval gefeiert.


  • Coronavirus: Quarantäne in Norditalien

    Catwalk trotz Corona

    Nur 60 Kilometer ist Mailand vom stark betroffenen Codogno entfernt. Schon seit Dienstag läuft hier die berühmte Modewoche. Das Modehaus Giorgio Armani präsentierte angesichts der Verbreitung des Corona-Virus die neuesten Modelle in einem leeren Theatersaal, die Schau wurde im Internet übertragen. Für Mitarbeiter gab es Gesichtsmasken. Andere Modeschauen fanden wie geplant statt.


  • Coronavirus: Quarantäne in Norditalien

    Stadion geschlossen

    Während die Modehäuser selbst über ihre Schauen entscheiden konnten, wurden alle Sportveranstaltungen in den Regionen Lombardei und Venetien bis mindestens zum 1. März abgesagt. Damit wollen die italienischen Behörden eine noch weitere Verbreitung des Virus eindämmen. Betroffen ist auch das Erstliga-Fußballspiel Inter Mailand gegen Sampdoria Genua.

    Autorin/Autor: Uta Steinwehr