Polen will Deutschland bis 2040 einholen

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Der Vorsitzende der in Polen regierenden Partei PiS, Jaroslaw Kaczynski, hat vorausgesagt, Polen werde Deutschland 2040 wirtschaftlich eingeholt haben. Das ist schon ziemlich ehrgeizig, aber könnte es auch dazu kommen?

Im Januar waren in Berlin eine Menge Augenbrauen zu sehen, die erstaunt Richtung Haaransatz strebten. Der Grund: Jaroslaw Kaczynski, Vorsitzender der in Polen regierenden Partei “Recht und Gerechtigkeit” (PiS), hatte gesagt, die Volkswirtschaften in Mittel- und Osteuropa würden in den nächsten zwanzig Jahren zu denen des Westens aufschließen. 

Kaczynski sagt voraus, Polen werde bis 2033 den EU-Durchschnitt beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf erreichen und 2040 Deutschland einholen. Dabei ist Deutschland ein Export-Champion mit einem BIP von mehr als 3000 Milliarden Euro, während Polen, langjähriger Netto-Empfänger von EU-Leistungen, nur rund 500 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Angesichts der Tatsache, dass Polens wirtschaftliche Erfolge in großem Maße auf seinen engen Verbindungen mit Deutschland beruhen sowie auf Zahlungen aus verschiedenen Töpfen der EU, die seit 2004 nicht unerheblich auch aus Berlin beschickt werden, bedarf die Kaczynskische Prognose einer genaueren Betrachtung.

Jaroslaw Kaczynski – ein Parteivorsitzender im Wahlkampf und ein Mann mit großen Zielen

Nur Wahlkampfrhetorik?

“Bis zu einem gewissen Grad sind diese Aussagen nur politische Rhetorik in Richtung der Wählerschaft der PiS vor den Präsidentschaftswahlen im Mai”, sagt Aleksander Laszek, Chefökonom beim Civil Development Forum, einer Warschauer Denkfabrik. 

“Das Ziel, bis 2033 den EU-Durchschnitt zu erreichen, wird ohne politische Reformen zwar schwierig, ist aber mit etwas Glück erreichbar”, so Laszek zur DW. “Doch mit Deutschland gleichziehen? Das ist nicht möglich.”

Yes we can!

Nicht jeder stimmt dem zu. 2019 rechnete die Warschauer School of Economics (SGH) in einer Studie aus, dass, sollte Polen seine Wachstumsraten der Jahre 1990 bis 2018 so weiterschreiben, das Land in 21 Jahren (also 2040) Deutschland eingeholt haben werde. Hanna Godlewska-Majkowska, Professorin an der SGH, schrieb in der Studie, Polen habe Griechenland beim Pro-Kopf-BIP bereits 2015 eingeholt und werde in diesem Jahr Portugal überholen.

Als Polen vor fast 16 Jahren der EU beitrat, war es eines der ärmsten Länder der Gemeinschaft: Kaufkraftbereinigt lag die Wirtschaftskraft pro Kopf bei nur 14.800 Euro im Jahr – nur Lettland lag noch darunter. Die Arbeitslosenquote lag bei 19 Prozent, das durchschnittliche Monatseinkommen betrug gerade einmal 510 Euro.

Seither ist die Wirtschaft des Landes um rund vier Prozent jährlich gewachsen – dreimal mehr als das durchschnittliche Wachstum in den anderen Ländern der EU, das nur bei 1,2 Prozent lag. 2004 erreichte das polnische BIP erst 44 Prozent des EU-Durchschnitts, 2018 waren es bereits 67 Prozent.

Die Danziger Werft “Stocznia Gdańska” – Symbol der polnischen Wirtschaft und Geschichte

Unterschiede bleiben

Ein McKinsey-Report lobt zwar die Erfolge des Landes, erinnert aber daran, dass das Land nur auf Platz 22 der aktuell 27 Mitgliedsstaaten liegt, wenn man sich das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-BIP ansieht. In Polen beträgt es knapp 26.000 Euro, während der EU-Schnitt bei mehr als 35.000 Euro liegt.

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Polen holt auf

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Polen holt auf

Die Produktivität – gemessen als Wertschöpfung pro Arbeitsstunde – sei in Polen zwar um vier Prozent jährlich gestiegen: von 13 Euro pro Stunde 2004 auf 21 Euro 2018. Dennoch sei das wenig im Vergleich zu den westeuropäischen Staaten, wo dieser Wert im Schnitt bei 40 Euro liegt. Würde Polen, so McKinsey, seine Produktivität auf dieses Niveau steigern, könne seine Wirtschaft doppelt so stark sein. 

Große Unterschiede gibt es auch den Löhnen. 2015 kostete die Arbeitsstunde im EU-Schnitt 25 Euro, in Polen nur 8,60 Euro. Damit gehörte Polen zu den sechs “billigsten” Ländern der Gemeinschaft, hat Weltbank-Ökonomin Emilia Skrok errechnet. “Die Angleichung an die Löhne in Deutschland kommt nur langsam in Gang. Produktivitätssteigerungen und Reallöhne bedingen einander in Deutschland deutlich stärker als in Polen”, schrieb sie. In Polen sei die Produktivität von 2000 bis 2016 um 51, die Löhne jedoch nur um 33 Prozent gestiegen.

Externe Faktoren

“Polens Boom ist in Wirklichkeit das Resultat externer Anreize”, so  Aleksander Laszek. “Das schnelle Wirtschaftswachstum ist dem Aufschwung in anderen EU-Staaten zu verdanken, der seinen Höhepunkt 2017 hatte. Wenn der Kontinent eine deutliche Abkühlung erfährt, wird Polen gegen seine Auswirkungen nicht immun sein.”

Das Magazin The Economist wies kürzlich darauf hin, dass Polens bemerkenswerte Fortschritte von vier externen Faktoren getrieben worden sind: Zugang zu den Fördertöpfen der EU, Überweisungen von im EU-Ausland lebenden und arbeitenden Polen ins Heimatland, ein starkes wirtschaftliches Umfeld innerhalb der EU und die Tatsache, dass das Land von einem niedrigen Level aus zu wachsen begonnen habe.

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Die Stadt Lodz und die EU-Subventionen

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Die Stadt Lodz und die EU-Subventionen

Eine Art Marshall-Plan

Laut dem Polnischen Wirtschaftsinstitut (PIE) hat Polen bereits 164 Milliarden Euro aus EU-Mitteln erhalten oder werde es in naher Zukunft erhalten – das entspricht ungefähr dem Doppelten des gegenwärtigen Staatshaushaltes. “Für uns war das so etwas wie ein Marshall-Plan. Diese Einnahmen haben geholfen, die meisten Infrastrukturmaßnahmen seit 2004 auszuführen”, sagt Piotr Arak, der Direktor des PIE zur DW.

Arak lenkt den Blick auf Gebiete, in denen Polen die europäische Führerschaft übernehmen könnte: etwa bei Kosmetika und Arzneimitteln. Die Luftfahrt sei ein weiteres Feld, auf dem Polen erfolgreich sein könnte, nachdem die staatliche Fluglinie LOT die deutsche Condor gekauft habe und man nun plane, einen neuen Großflughafen in der Nähe der Hauptstadt zu bauen.

Luftfahrtnation Polen: Condor-Chef Teckentrup (links) und LOT-Boss Milczarski in bei einer Pressekonferenz

Die Zukunft

Analysen der Beraterfirma McKinsey zeichnen zwei mögliche wirtschaftliche Entwicklungen bis 2030. Im ersten Modell wächst die Wirtschaft um etwa drei Prozent jährlich. Bis 2030 würde das polnische Bruttoinlandsprodukt um rund 190 Millionen Euro zulegen.

Das zweite Szenario sieht ein jährliches Wachstum von fünf Prozent vor. Dafür müssten allerdings mehr Polen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, die Produktivität steigen und die Investitionen deutlich zulegen. Nur dann könnte die polnische Wirtschaftsleistung bis 2030 auf knapp 900 Milliarden Euro zulegen.

Beide Szenarien sind laut McKinsey aber mit zahlreichen Risiken behaftet: dass es deutlich weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter gibt, dass EU-Hilfen schneller auslaufen als gedacht oder dass ausländische Investitionen ausbleiben. Außerdem werde das Produktivitätswachstum nachlassen, wenn es nicht gelinge, das Bildungssystem und den Austausch zwischen Unternehmen und Universitäten zu verbessern.