Als Tottenham hinter dem Eisernen Vorhang gegen Leipzig spielte

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RB Leipzig trifft in der Champions League erstmals auf Tottenham. Doch die Spurs spielten bereits 1974 gegen eine Leipziger Mannschaft: Lokomotive Leipzig. Ein anderer Verein zu einer anderen Zeit, in einer anderen Welt.

Der Charterflug von London nach Leipzig am 10. August 1974 stand kurz vor dem Eintritt in den ostdeutschen Luftraum, als der Kapitän die Passagiere aufforderte, die Fensterblenden herunterzuziehen. Die meisten der 150 Passagiere waren Anhänger von Tottenham Hotspur. Sie waren die wenigen Glücklichen, die zum UEFA-Pokal-Halbfinal-Hinspiel gegen Lokomotive Leipzig reisen durften, aber sie durften nicht aus den Fenstern und in die Deutsche Demokratische Republik  schauen.

Einige andere darunter waren jedoch keine Fußballfans. “Sieben oder acht Männer standen plötzlich auf. Sie kontrollierten alle unsere Pässe und sagten uns, wir sollten alles auf unseren Sitzen lassen”, erinnert sich Spurs-Fan Glen Crook. “Pässe, Geld, Kameras. Keine Fotos erlaubt. Sie sagten, wir könnten alles abholen, wenn wir zum Flugzeug zurückkommen.”

Es war Crooks erste Begegnung mit der ostdeutschen Geheimpolizei, der Staatssicherheit, kurz Stasi. “Sie sagten uns, dass wir bei der Landung mit keinem Deutschen sprechen dürften. Nicht einmal mit den Stewards auf den Drehkreuzen im Stadion. Keine Interaktion, nicht einmal, um sich zu bedanken. Es war sehr einschüchternd.”

Kein Blick auf die Stadt erlaubt

Am Flughafen angekommen, bestiegen die englischen Fans Busse mit verdunkelten Fenstern, die sie direkt zum Zentralstadion brachten. Sie sahen nichts von der Stadt Leipzig. Sie nahmen ihre Plätze ein. Die offizielle Besucherzahl war mit 74.000 angegeben – ausverkauft – aber Crook ist überzeugt, dass es noch mehr waren.

“Der Lärm war unglaublich”, erinnert er sich. “Es war nicht feindselig oder aggressiv. Die Leipziger Fans waren absolut großartig, aber es muss für die Spieler auf dem Spielfeld einschüchternd gewesen sein.”

Die Tottenham-Spieler zeigten sich 1974 unbeeindruckt und gingen früh mit 2:0 in Führung

Doch Tottenham war nicht zu beeindrucken und gewann nach zwei schnellen Toren mit 2:1. Das Rückspiel in der White Hart Lane, wo die Spurs ihre letzten 25 Europapokal-Heimspiele nicht verloren hatten, verlor Lokomotive dann mit 0:2.

“Wie das im Fußball halt so ist, war Tottenham einfach die bessere Mannschaft”, erinnert sich der ehemalige Lokomotive-Mittelfeldspieler Rainer Lisiewicz. “Wir hatten uns schon damit abgefunden, dass bei Tottenham wahrscheinlich nichts zu holen ist.”

Im Schatten der Stasi

Als Fußballspieler waren Lisiewicz und seine Mannschaftskameraden in der ehemaligen DDR in einer privilegierten Lage. Denn deren Bürger durften in der Regel nicht ins Ausland reisen, schon gar nicht in den Westen. “Wir dachten, ja einmal auf die Insel zu fahren wär doch ganz schön. Wir waren natürlich gut vorbereitet von unseren Genossen”, sagt Lisiewicz, wie er sarkastisch auf seine alten “Genossen” von der regierenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) verweist.

“Im Vorfeld wurden wir instruiert, dass wir in ein Land reisen, in dem die Arbeiterklasse von der herrschenden Klasse ausgebeutet wird. In dem sich viele Leute teure Lebensmittel nicht leisten konnten und auch mal ranzige Butter essen mussten. Wir sollten uns nicht blenden lassen von den schönen Vorgärten, das sind nicht die Häuser der Arbeiterklasse, das ist ein kapitalistisches System.”

Nicht, dass die Spieler wirklich etwas davon glaubten. Westdeutsches Fernsehen und Radio war in vielen Teilen Ostdeutschlands (natürlich illegal) zugänglich, und die Spieler wussten genau, was sie auf ihren Reisen in das “nicht-sozialistische Ausland” erwartete. “Es sind Leute mitgefahren oder mitgeflogen, das hat man mitgekriegt, da hast du dir gedacht, ja das ist bestimmt einer von der ‘Firma’. Also von der Staatssicherheit”, sagt Lisiewicz der DW. 

Mehrere hochkarätige ostdeutsche Fußballer sind während des Kalten Krieges in den Westen übergelaufen, darunter die BFC Dynamo-Spieler Falko Götz, Dirk Schlegen und Lutz Eigendorf. Letzterer ist 1979 übergelaufen, starb aber 1983 an den Folgen eines Autounfalls, in den die Stasi vermutlich verwickelt war. Doch Lisiewicz besteht darauf, dass den Spielern von Lok Leipzig das Überlaufen nicht in den Sinn gekommen sei.

Leipzigs Modell vom modernen Fußball

Die neue Red Bull Arena befindet sich an der Stelle des alten Zentralstadions, in dem Tottenham 1974 spielte

Lisiewicz glaubt, dass der Fußball hinter dem Eisernen Vorhang fortschrittlicher war, als viele westliche Zeitgenossen es ihm zugestehen. 46 Jahre später ist die Stadt Leipzig erneut für ihren “modernen Fußball” bekannt – in mehrfacher Hinsicht. Tottenhams Champions-League-Gegner in dieser Woche ist nicht Lokomotive Leipzig, sondern RB Leipzig, das auch für seinen aggressiven Stil unter dem jungen Cheftrainer Julian Nagelsmann bekannt ist.

Der Klub verkörpert aber auch die kommerziellen Exzesse des modernen Spiels und ist seit seiner Gründung durch den österreichischen Energy-Drink-Hersteller Red Bull im Jahr 2009 immer wieder in die Kritik geraten. Viele deutsche Fans halten ihn für eine “Plastikkonstruktion”, ein Marketinginstrument, das die deutsche Fußballkultur zum Gespött macht. Dennoch genießen sie in Leipzig Unterstützung, überraschenderweise auch von Lok-Legende Lisiewicz.

“Ich gehöre zu denen, die sagen, du musst diesen Verein einfach akzeptieren”, sagt er. “Es wird in Leipzig Bundesliga gespielt, wir sind auch noch vorn! Das ist schon eine tolle Leistung. Die haben es richtig gemacht.”

Lok Leipzig heute in der Regionalliga

Das Rückspiel verlor Leipzig 0:2

Heute spielt der 2003 mit Lisiewicz als Trainer reformierte Klub Lokomotive Leipzig in der vierten Liga und steht an der Spitze der Tabelle. Aber das ist weit entfernt von den aufregenden Tagen des Jahres 1974, als man ann der White Hart Lane mit 0:2 verlor und aus dem Wettbewerb ausschied. “Die Atmosphäre in England war immer fantastisch”, sagt Lisiewicz. “Die Zuschauer waren so eng am Platz ran, fast direkt an der Seitenlinie.” Die Begegnung allerdings wurde bereits im Hinspiel entschieden.

“Nach dem Spiel ging es direkt wieder in die Busse und ins Flugzeug”, erinnert sich Spurs-Fan Glen Crook. “Als wir wieder in den westdeutschen Luftraum einflogen, sagte der Pilot, wir könnten die Blenden öffnen und wieder aus den Fenstern schauen.