Kommentar: Der Oscar im Wandel?

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Steht der Oscar vor einer Zeitenwende? Oder will die Oscar-Academy mit ihrer überraschenden Wahl nur ihre gewaltigen Defizite verdecken? Der Oscar ist alt geworden, meint Jochen Kürten.

Zu weiß und zu männlich: So lautete der Hauptvorwurf im Vorfeld der diesjährigen Oscar-Verleihung. Der Filmpreis zeichne zu wenig weibliche Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen und farbige Filmschaffende aus. Dem kann man zustimmen – und auch mit Daten und Zahlen belegen. Doch müsste man eigentlich nicht tiefer bohren, um zum eigentlichen Problem des Oscars vorzudringen?

Rückblick: Den Oscar gibt es seit 1929. Der Preis wurde geschaffen, als das Kino noch stumm war. Eine andere Zeit, in der mächtige Studiobosse Hollywood beherrschten. Schon damals schlitterte das noch junge Medium in eine erste Krise: Die Zuschauer blieben aus.

Als PR-Maßnahme gegründet

Ein Preis musste her. Ein Preis, der das Kino wieder ins Rampenlicht rücken sollte. Mit viel Marketing, Pressearbeit und festlicher Gala. Das Konzept ging auf. Der Oscar, erstmals 1929 verliehen, entpuppte sich als Erfolgsgeschichte. Nicht gleich im Gründungsjahr, aber schon bald entwickelte sich die Oscar-Verleihung mit allem Drumherum zu einem mächtigen Zugpferd für die ganze Branche.

Weltbekanntes Schild der Welt-Filmindustrie: 1923 aufgestellt, um städtischen Grund in der damals noch öden Landschaft zu verkaufen. Ab 1949 verzichtete man auf “Land” und stärkte “Hollywood” als Marke

Ausgezeichnet wurden Filme, die zuvor in den Kinos zu sehen waren, sprich: US-amerikanische Filme. Das europäische Kino, von anderen Erdteilen ganz zu schweigen, hatte es damals schwer auf dem nordamerikanischen Kontinent. Der Oscar war ein nationaler Filmpreis. Er sollte das heimische Kino stärken. Das funktionierte – und im Grunde genommen hat sich daran bis heute nichts verändert.

Bis auf die Tatsache, dass sich die Welt seitdem verändert hat. Das ist auch der Oscar Academy irgendwann aufgefallen. 1948 wurde ein Spezialpreis für Filme aus dem Ausland eingeführt, sprich: dem nicht-englischsprachigen Ausland. Dieser Einzel-Oscar wurde 1957 konsequenterweise auch in “Bester nicht-englischsprachiger Oscar” umbenannt.

Oscar ist und bleibt US-amerikanischer Preis

Seit 2020 heißt er “Bester Internationaler Film”. Fünf Filme werden in dieser Sparte in der Regel nominiert, was nichts anderes heißt, als dass sich die ganze Filmwelt in dieser einen Kategorie wiederfindet. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Der Oscar ist weiterhin ein nationaler Filmpreis. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Andere Länder machen das genauso.

DW-Redakteur Jochen Kürten

Der Unterschied ist nur: Der Oscar hat durch seine finanzielle Power, die Strahlkraft des Roten Teppichs und die dominante Stellung des Hollywood-Films in aller Welt eine enorme Zugkraft. Er gilt vielen Kinoliebhabern als “wichtigster Filmpreis der Welt”. Dennoch ist er ein “American First”-Preis. Das Weltkino spiegelt er in keiner Weise wider – anders als bei der Goldene Palme in Cannes oder bei dem Goldenen Löwen in Venedig.

Der Oscar wird also in künstlerischer Hinsicht fehlgedeutet und hoffnungslos überschätzt. Und deswegen ist es auch sinnlos, ihn mit allen möglichen heeren Zielen zu überfrachten: Mehr Frauen sollten nominiert werden. Der Oscar solle das afroamerikanische Filmschaffen beachten. Jede Bevölkerungsgruppe der USA sollte ausgezeichnet werden. So lauten die Forderungen.

Der Europäische Filmpreis kann viel mehr!

Die Europäer, um nur diesen Kontinent zu nennen, müssten eigentlich selbstbewusst genug sein, ihren eigenen Filmpreis so zu gestalten, dass er die Vielfältigkeit der Sprachen und Völker abbildet. Mit dem Europäischen Filmpreis, den es immerhin auch schon seit 1988 gibt, ist das möglich und wird ja auch gemacht.

Doch europäische Medien, selbst aufgeschlossene und kritische, schielen meist nur gebannt nach Hollywood. Wer wird dieses Jahr gewinnen? Wer trägt was auf dem Roten Teppich? Welche möglicherweise kritische Bemerkung zum Weltgeschehen wird bei der Gala fallen? Wird der Klimawandel angesprochen? Und so weiter…

Liebe Leute, der Oscar ist eine perfekt gestylte Show. Er ist schön anzusehen, ein Treffen der Stars und Sternchen. Es werden auch durchaus gute US-amerikanische Filme ausgezeichnet. Aber er ist kein Fest des internationalen Kinos. Er bietet kein passendes Forum für gesellschaftlich relevante Debatten. Er sollte auch nicht allzu wichtig genommen werden, wenn es um Frauenrechte und gesellschaftliche Minderheiten geht. Dafür gibt es andere, wichtigere Foren.

Der Oscar ist Show, Glamour und ein Schauplatz für Modedesign, Klatsch und Boulevard. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass in diesem Jahr erstmals in der Kategorie “Bester Film” mit “Parasite” ein nicht-englischsprachiges Werk ausgezeichnet wurde. Wenn der Oscar ein wirklich internationaler Filmpreis werden will, müsste er seine Kategorien radikal neu denken. Dann könnte man auch mit gesellschaftlich relevanten Ansprüchen an ihn herantreten. Ansonsten bleibt er was er ist: ein kommerzieller US-amerikanischer Filmpreis mit viel Show.