Neue Arbeitsweisen braucht das Land

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Globalisierung und Digitalisierung verändern die Arbeitswelt. Unternehmen sind auf der Suche nach Strategien, um darauf zu reagieren. Was bringen New Work, agiles Arbeiten und firmenübergreifende Teams?

Wer ist hier Auftraggeber, wer Dienstleister? Und wer arbeitet?

David Spaeth ist auf dem Weg zu einem Kundentermin. Der Marketingchef des Softwarespezialisten Novomind (über 300 Mitarbeiter) aus Hamburg trägt Jeans, bequeme Schuhe und einen Kapuzenpulli mit der Aufschrift “Team Novomind”.

In einem unauffälligen Bürogebäude im Osten der Hansestadt warten zwei Mitarbeiter des Schweizer Outdoor-Ausrüsters Transa auf ihn und fragen: “Hast Du die Pullis dabei?”

Spaeth lächelt. Er ist hier, um mit seinem Kunden gemeinsam eine Lösung zu finden, wie das Bezahlen im Webshop des Reise- und Outdoorausrüsters schneller gemacht werden kann. Und er hat die Pullis dabei. “Seit wir zusammenarbeiten, haben uns die Schweizer regelmäßig darum gebeten, ihnen unsere T-Shirts und Hoodies mitzubringen”, erinnert sich Spaeth. Arbeiten die Teams zusammen, ist dann oft nicht zu unterscheiden, wer Dienstleister und wer Kunde ist. Spaeth “Das hilft allen, kreativ zu sein.” 

David Spaeth von Novomind

Hierarchien fallen, Grenzen zwischen Kunde und Dienstleister verschwinden, Kunden und Kollegen werden konsequent geduzt. Experten fassen das unter der Überschrift “New Work” zusammen. Dazu gehört auch agiles Arbeiten. Das bedeutet, es wird dynamisch gearbeitet ohne Angst, Fehler zu machen oder jemanden in seiner Autorität zu untergraben.

Flexible Teams

Die Spezialisten für Online-Shops von der Waterkant haben gemeinsam mit den Ausrüstern aus den Alpen den Webshop bunter und effektiver gemacht. Neu war dabei auch die Planung des Projekts: Eingekauft werden nicht Arbeitstage, sondern Projektziele. Teams werden flexibel zusammengestellt und verändert, Freelancer können kurzfristig eingebunden werden.

“Früher wollten Kunden einfach ein Ergebnis präsentiert bekommen. Heute wollen sie in den kreativen Prozess eingebunden werden”, fasst David Spaeth zusammen. “Oft haben sie den Schlüssel zum Problem.”

Auch Virtual Reality kann Arbeit sein

Gemeinsam mit dem Transa-Team habe Novomind zum Beispiel ein Content Management System im Online Shop realisiert, statt beides parallel laufen zu lassen. “Das war perfektes Teamwork”, so Spaeth. Heute sei er dadurch viel flexibler. “Wir sind manchmal schneller und haben das Ergebnis vor der eingeplanten Zeit. Und manchmal brauchen wir mehr Input vom Kunden, um zum Ergebnis zu kommen.”

Technisierung, Kundenbindung, großer Wettbewerbsdruck – diese Faktoren machen agiles, firmenübergreifendes Arbeiten heutzutage notwendig. “Das gilt besonders für die Mode-Branche”, erklärt Spaeth. Denn hier ändern sich die Trends schneller als in anderen Branchen, “und wir müssen schnell reagieren”.

Spaeth spricht von “seinem” Webshop, wenn es um die Transa-Seite geht. Wahrscheinlich ein positiver Effekt des “Cross-Company-Arbeitens”, das auch zu New Work gehört. 

New Work ist zu einem Schlagwort geworden, mal gepriesen als zukunftsweisend, mal kritisiert als Marketinginstrument. In einem sind sich Experten zumindest einig: Die Arbeitswelt befindet sich durch Digitalisierung und Globalisierung in einem umfassenden Transformationsprozess.

Gesucht: IT-Fachkräfte

Zusätzlich beschleunigt werden die Veränderungen durch Fachkräftemangel. 132 Tage dauert es, bis ein Unternehmen eine freie Stelle mit einer IT-Fachkraft besetzen kann. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Bundesagentur für Arbeit. Auch der Branchenverband Bitkom warnt: Etwa fünf Monate brauchen seine Mitgliedsunternehmen für eine erfolgreiche Rekrutierung.

Alexander Schlomberg von Expertlead

Alexander Schlomberg hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht: Er vermittelt als Mitgründer und Geschäftsführer der Fachkräfte-Plattform Expertlead IT-Freelancer. Diese arbeiten rund sechs Monate an Projekten und werden dafür in Tagessätzen bezahlt, von denen Expertlead eine Kommission einbehält. “Das ist das Arbeitsmodell der Zukunft”, behauptet Schlomberg.

Kein Programmierer oder Machine Learning Engineer ziehe mehr für einen Job in die Provinz. Seine Experten sind auf der ganzen Welt verteilt und werden durch Chats oder Konferenz-Apps wie Slack digital “ins Haus geholt”. Alte Arbeitsmodelle seien überholt, ist Schlomberg überzeugt.

Eine aktuelle Studie des US-Beratungshauses Edelman Intelligence kommt zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2027 in den USA bereits mehr als die Hälfte der Arbeitskräfte Freelancer sein werden. Das betreffe neben der IT-Branche auch andere Wirtschaftszweige.