Mit Burnout nach Davos

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In Davos treffen sich nicht nur Eliten, sondern auch Patienten, die durch Arbeit krank geworden sind. Früher wurde hier Tuberkulose behandelt, heute Burnout und Depressionen.

Davos – bekannt als Treffpunkt der globalen Elite – verdankt einen Teil seines Ruhms einem deutschen Arzt.

Es war Alexander Spengler, der das damals winzige Bauerndorf in den 1860er Jahren ins Rampenlicht brachte. Spengler bemerkte, dass das Klima des Dorfes seine Bewohner irgendwie gegen Tuberkulose immun machte, eine tödliche Krankheit, die in ganz Europa verheerende Folgen hatte.

Als sich diese Erkenntnis verbreitete, zog Davos Patienten aus ganz Europa an. Zahlreiche Krankenhäuser wurden errichtet, viele von ihnen speziell für reiche Ausländer, die viel Geld ausgaben, um auf großen, sonnenbeschienenen Balkonen gute Bergluft zu schnuppern.

Damit begann eine besondere Beziehung zu den Reichen und Berühmten dieser Welt, die Davos bis heute pflegt. Zu den frühen Besuchern gehörten Schriftsteller wie Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle, der seine an Tuberkulose erkrankte Frau begleitete, Robert Louis Stevenson (“Die Schatzinsel”, “Dr. Jekyll und Mr. Hyde”) und der Deutsche Thomas Mann, der ebenfalls während der Behandlung seiner Frau in Davos weilte.

Heute zieht Davos keine Tb-Patienten mehr an, und viele seiner Sanatorien wurden zu Luxushotels umgebaut – etwa die Schatzalp, von der man annimmt, dass es das Sanatorium war, das Mann in seinem Roman “Der Zauberberg” beschreibt.

Heutige Patienten leiden unter moderneren Krankheiten. In Davos und einigen nahe gelegenen Dörfern werden viele wegen Burnout und Depressionen behandelt.

Nähe zur Natur kann heilen

“Das Besondere an Davos sind die Berge und die Natur, die man hier erleben kann”, sagt Michael Pfaff, leitender Psychiater der Clinica Holistica Engiadina. “Die Möglichkeit, in engen Kontakt mit der Natur zu kommen, hilft den Menschen wirklich, ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden”, so Pfaff zur DW.

Die Davoser Tourismusbehörde arbeitet mit den örtlichen Krankenhäusern an Angeboten, um die medizinische Leistungsfähigkeit der Region zu bewerben. So sind im Sommer im nahe gelegenen Klosters spezielle Rehabilitationsangebote für Burnout-Patienten geplant.

Teilnehmer sollen ermutigt werden, einige Zeit auf einem nahe gelegenen Bauernhof zu verbringen, leichten Sport zu treiben und in den Bergen zu wandern, sagt Samuel Rosenast, ein Sprecher der Davoser Tourismusbehörde.

“Es gibt viele Menschen, die viel arbeiten und ausgebrannt sind. Sie suchen nach einem Ort für eine Reha, mit guter Luft und ohne Stress”, so Rosenast zur DW.

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Burnout

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Burnout

Mittlere Führungskräfte am stärksten betroffen

Die Klinik, in der Michael Pfaff arbeitet, ist nicht weit von Davos entfernt und das einzige Krankenhaus der Schweiz, das auf die Behandlung von chronischen Stresspatienten spezialisiert ist. Das 55-Betten-Haus ist laut Pfaff das ganze Jahr über gut besucht und für die kommenden acht Wochen bereits ausgebucht.

Auch aus Deutschland kommen Patienten mit Körperschmerzen, Depressionen, Angstzuständen und anderen psychosomatischen Störungen. Viele von ihnen sind laut Pfaff Führungskräfte der mittleren Ebene, denen in ihren Büros die Aufgaben über den Kopf wachsen.

“Als diese Klinik vor 10 Jahren gegründet wurde, dachten wir, sie würde Topmanager anziehen, die auf nette Wellness-Einrichtungen Wert legen und vielleicht ein Glas Rotwein am Abend”, so Pfaff. “Aber dann kamen nicht die Topmanager, sondern Leute aus dem höheren oder mittleren Management. Sie scheinen den größten Druck zu haben.”

Verantwortlich dafür sind laut Pfaff vor allem Firmen aus der Finanz- und Versicherungsbranche, die ihre Mitarbeiter zwar gut bezahlen, aber auch unter Druck setzen, lange und unter stressigen Bedingungen zu arbeiten. Viele seiner Patienten kommen aus Zürich, der Finanzhauptstadt der Schweiz.

Davos im Winter: Die Nähe zur Natur soll Patienten helfen

Burnout – eine wachsende Bedrohung

Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft Burnout inzwischen als Krankheit ein und schätzt, dass unter den Kindern und Jugendlichen jeder Fünfte, unter der Erwachsenen jeder Vierte im Lauf seines Lebens davon betroffen sein wird.

In Deutschland haben sich die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen seit 1997 verdreifacht. In der Schweiz sind sie in den vergangenen sieben Jahren um mehr als 50 Prozent angestiegen. Laut einer Gallup-Umfrage fühlt sich ein Viertel der Arbeitnehmer sehr oft oder immer am Arbeitsplatz ausgebrannt. Unter Millennials, die zwischen den frühen 1980er und den späten 1990er Jahren geboren wurden, ist das Problem noch ausgeprägter. Laut einer US-Studie haben 84 Prozent der Millennials am Arbeitsplatz einen Burnout erlitten. Experten sagen, dass Frauen häufiger von der Krankheit betroffen sind als Männer.

Eine Studie aus dem Jahr 2018 schätzt, dass psychische Erkrankungen die Weltwirtschaft bis zum Jahr 2030 rund 16 Billionen Dollar (14,4 Billionen Euro) kosten werden. Experten kritisieren, dass Unternehmen nicht genug tun, um das Problem in den Griff zu bekommen – obwohl die Zahl der Burnout- und Depressionsfälle zunimmt.

Aus diesem Grund ist die psychische Gesundheit ein wichtiges Thema auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum (WEF) und wird auf mehreren Veranstaltungen diskutiert.

“Natürlich können Unternehmen, Organisationen und Manager nicht zu Therapeuten werden”, sagt Peter Varnum vom WEF. “Aber als Gesellschaft sollten wir mehr tun, um zu verstehen, dass das bestehende System Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Mitarbeiter hat”, so Varnum zur DW. “Arbeitgeber sollten die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter fördern. Die Forschung zeigt, dass die Mitarbeiter so produktiver und effizienter werden. Außerdem ist es einfach richtig.”