Kommentar: Hinter Haaland hakts

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Erling Haaland feiert ein Bundesliga-Debüt wie im Märchen. Seine Tore und seine Dynamik werden Borussia Dortmund noch viel Freude bereiten – die erschreckenden Mängel im BVB-Spiel überdecken sie kaum, meint Joscha Weber.

Senkrechtstarter Haaland (l.) lässt den BVB jubeln – dennoch gibt es Grund zur Kritik an Dortmund

Diese Vehemenz. Dieser Antritt. Dieses Selbstbewusstsein. Erling Haaland kommt rein, schnappt sich den Ball und trifft – dreifach. Als wäre es ein Trainingsspiel. Beim spektakulären 5:3 (0:1)-Auswärtssieg von Borussia Dortmund beim FC Augsburg verzückt der norwegische Neuzugang die Bundesliga gleich mit drei Toren in seinem ersten Bundesligaspiel. Als Einwechselspieler. Mit 19 Jahren.

„Außergewöhnlich”, twittert Englands Fußballlegende Gary Lineker nach Haalands Hattrick und untertreibt damit noch gewaltig. Haaland schlägt ein wie ein Meteorit, lässt Dortmund erbeben. Der BVB stand in Augsburg kurz vor einer Niederlage, dann kam Haaland und änderte alles. Das heftig umworbene Sturm-Talent von RB Salzburg entschied sich im Winter gegen Premier League sowie La Liga und für die Bundesliga. Ein Big Point für Deutschlands Fußball-Oberhaus, das im Kampf um internationale Fans dringend neue Stars mit Strahlkraft braucht. Haaland kann einer werden, längst vergleichen ihn die Kommentatoren mit den größten Namen der Zunft: Messi, Ronaldo, Lewandowski. Der Hype um Haaland hat gerade erst begonnen – und er ist gefährlich für Borussia Dortmund.

Erschreckende Unzulänglichkeiten

DW-Sportredakteur Joscha Weber: “Der Hype um Haaland hat gerade erst begonnen – und er ist gefährlich für Borussia Dortmund.”

Denn die selbsternannten Meisterschaftsanwärter aus dem Ruhrgebiet haben – Haaland hin oder her – massive Probleme mit ihrem Spielsystem. Die Dortmunder Defensive ist aktuell eine Anhäufung von Fehlern und Unsicherheiten. Manuel Akanji, Mats Hummels und Lukasz Piszczek sind allesamt erfahren und ohne Zweifel starke Verteidiger. Doch immer wieder beschenken sie die Gegner derzeit mit katastrophalen Fehlpässen, bringen ihr Team wie in Augsburg in schwierige Situationen. Kapitän Marco Reus wirkt seltsam orientierungslos und vergibt beste Gelegenheiten. Und Lucien Favre rotiert so oft, dass Spieler wie Julian Brandt sogar öffentlich murren. Dazu kommen mehr oder weniger sichtbare Differenzen wie zuletzt zwischen dem englischen Nationalspieler Jadon Sancho und Trainer Favre sowie Wechselgerüchte um unzufriedene Ergänzungsspieler wie Weltmeister Mario Götze.

Der Jubel über den norwegischen Senkrechtstarter Erling Haaland kann und darf die erschreckenden Unzulänglichkeiten im Spiel der Borussia nicht überdecken. Dortmunds Trainerstab muss dringend am Abwehr- und Zweikampfverhalten arbeiten, das Passspiel verbessern, und das Selbstbewusstsein einiger Stammspieler steigern. In genau einem Monat wartet in der Champions League mit Paris Saint-Germain ein Schwergewicht des internationalen Fußballs auf den BVB. Mit einer desolaten Abwehrleistung wie gegen Augsburg wäre im Achtelfinale der Königsklasse gegen Neymar, Kylian Mbappé und Co. sicher Endstation – selbst mit einem erneuten Haaland-Hattrick.