Brasiliens indigene Gemeinden leisten Widerstand gegen Bolsonaro

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Der Amazonas-Regenwald ist bedroht und ebenso die indigenen Völker, die darin leben. Während die Gewalt eskaliert, kämpfen sie für ihr Land und ihre Lebensweise.

Selten ist etwas so Kostbares in so gefährliche Hände geraten. Seit Jair Bolsonaro im vergangenen Jahr Brasiliens Präsident wurde, ist der Amazonas-Regenwald, der 10 Prozent der Artenvielfalt der Erde beheimatet und circa 5 Prozent der weltweiten Kohlenstoffemissionen absorbiert, durch eine Rekordzahl von Waldbränden und einer beispiellosen Abholzung geschädigt worden.

Die Menschen, die sich als verantwortungsvolle Hüter des Waldes erwiesen haben, stehen dagegen zunehmend unter Druck und werden bedroht. Seit Bolsonaro an der Macht ist, dringen immer mehr Holzfäller und Bergleute in die Gebiete der indigenen Gemeinden ein. Sieben ihrer Anführer kamen bereits bei Landstreitigkeiten ums Leben.

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Ein Zusammenschluss von brasilianischen Anwälten und Menschenrechtsorganisationen forderte im November den Internationalen Strafgerichtshof auf, Bolsonaro wegen Anstiftung zum Völkermord an der indigenen Bevölkerung Brasiliens anzuklagen.

Indigene Völker schützen ihre Seen vor Überjagung indem sie immer in verschiedenen Bereichen des Dschungels fischen

Ihre Begründung: Diese Gemeinschaften sind einem erhöhten Gewaltrisiko ausgesetzt, weil “die Existenzgrundlage der indigenen Völker auf ihren Beziehungen zu Land, Wald, Wildtieren und Wasser beruht.” Hinzukommt, dass die Bedrohung des Waldes sie “in die Gefahr bringt, Opfer von Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu werden.”

‘Bolsonaro nimmt uns unsere Zukunft’

Bolsonaro verglich Indigene schon mit Zootieren und beschuldigte ihre Anführer, sich für ausländische Interessen im Amazonasgebiet einzusetzen. Er drohte immer wieder damit, die Politik der Demarkation zu beenden, die indigenen Gemeinschaften das Recht auf genau definierte Territorien zusichert.

Er griff die staatliche Behörde für die Angelegenheiten der indigenen Bevölkerung Brasiliens an, kürzte deren finanzielle Mittel und Befugnisse und verbot den Angestellten, mit der Presse zu sprechen.

Zur gleichen Zeit schaffte der ultrarechte Präsident Umweltauflagen ab und kündigte an, 300.000 illegal besetzte Gebiete zu legalisieren. 86 Prozent davon befinden sich im Amazonasgebiet und werden für kommerzielle Landwirtschaft und Holzgewinnung genutzt.

“Bolsonaro nimmt uns unsere Zukunft”, sagt die indigene Naturschützerin Olinda Muniz gegenüber der DW. “Ein Präsident, der zum Völkermord ermutigt und nichts gegen Umweltzerstörung unternimmt, sollte dieses Land niemals regieren.”

Indigene Lebensweisen versus wirtschaftliche Entwicklung

Eine kürzlich erschienene Studie, die Gebiete in Brasilien, Australien und Kanada verglich, stellte eine größere Artenvielfalt in von indigenen Völkern verwalteten Territorien fest. Die Studie ist nur eine von vielen, die zu dem Schluss kommt, dass indigene Gemeinschaften ihre Lebensräume außergewöhnlich gut erhalten.

Proteste der indigenen Bevölkerung in Brasilia im Juni 2019

Doch in Brasilien – genauso wie anderswo – ist ihre Lebensweise bedroht. Angefangen hat es mit der Kolonialzeit, als die Europäer begannen, die natürlichen Ressourcen des Landes auszubeuten und den Menschen fremde Lebensformen aufzuzwingen.

Die Anwälte, die nun eine Klage gegen Bolsonaro anstrengen, sagen, die indigene Lebensweise wird als ein Problem an sich dargestellt, die “nationale Entwicklungspläne behindert”, soll heißen: “Infrastrukturprojekte, Bergbauvorhaben, Holzfällungen und Agrargeschäfte in bewaldeten Gebieten”.

Muniz und ihr Mann Samuel Wanderley gehören der Volksgruppe Pataxó Hã-Hã-Hãe an. Sie gründeten das Kaapora-Projekt in Caramuru Paraguaçu, einem Indigenen-Gebiet im brasilianischen Bundesstaat Bahia. Sie machen aus Weideflächen wieder Wald, indem sie die verbliebenen Bäume schützen und neue anpflanzen, damit das Land wieder ein Rückzugsort für Wildtiere wird.

Sie befürchtet, dass solche Bemühungen nun gefährdet sein könnten. “Wir haben keine Garantie für die Einhaltung unserer verfassungsmäßigen Rechte”, sagt Muniz. “Soziale Bewegungen werden direkt angegriffen, Indigene, Schwarze, Umweltschützer, landlose Arbeiter, Fischer etc.”

Das Kaapora-Projekt ist eines von vielen in Brasilien. Indigene Gemeinschaften stellen eigenständig oder gemeinsam mit NGOs den Wald wieder her und erhalten ihre traditionellen Lebensweisen auch in der Moderne. Dies gelingt, indem sie traditionelles Wissen mit neuen Technologien kombinieren. Und sie machen sich unabhängiger von Märkten und Regierungen, die sich nur selten für ihre Interessen eingesetzt haben.

Indigene Frauen gegen Bolsonaro

Knapp 90.000 Brände wurden 2019 im Amazonas verzeichnet

Die Gruppe der Ashaninka im Bundesstaat Acre beispielsweise hat eigene Kooperativen gegründet. Sie baut Lebensmittel an und versorgt damit die eigene Gemeinschaft. Genauso wie die Pataxó im Bundesstaat Minas Gerais geben sie ihr Wissen über nachhaltige Landwirtschaft auch an nicht-indigene Gemeinden weiter. Sie suchen den Dialog mit der Außenwelt, vor allem mit jungen Menschen, und hoffen, dass sie den Respekt für die Natur weitergeben können.

Das eigene Land abstecken

Die Gruppe der Kaingang im Süden Brasiliens versucht ihr Land mit einer heimischen Baumart aufzuforsten: der Araukarie, deren Frucht essbar ist und verkauft werden kann. Sie kann auch an heimische Tiere verfüttert werden.  Marcio Kokoj arbeitet für die Umweltorganisation Associação Sócio Ambiental Indígena Kaingang Guarani. Für sie ist die Regierung Bolsonaros wie ein Rückfall in die brasilianische Militärdiktatur: Zwischen 1964 und 1985 wurden tausende Indigene ermordet, einige tausende von ihrem Land vertrieben, viele gefoltert und versklavt.

“Unsere größte Sorge sind die Angriffe auf die Grenzen unserer Gebiete, deshalb müssen wir sie selbst abgrenzen”, sagt Kokoj. “Wenn es nach Bolsonaro geht, werden die Gebiete für großflächige Landwirtschaft, multinationale Konzerne und Bergbau freigegeben. Das beunruhigt uns sehr.”

Wenn indigene Gemeinden ihre Territorien eigenständig abgrenzen, werden illegale Besetzer, zum Beispiel Holzfäller, oftmals vertrieben.

Ein Oberhaupt eines brasilianisch indigenen Volkes protestiert vor der Europäischen Kommission in Brüssel.

Im vergangenen Juli sind die indigenen Munduruku aus der Region Tapajós im Bundesstaat Pará gegen illegale Holzfäller vorgegangen. Sie waren in ein Gebiet vorgedrungen, das die Munduruku seit 2014 für sich beanspruchen.

Die Munduruku waren mit Pfeilen, Liedern, Kriegsbemalung und “der Weisheit unserer Vorfahren” bewaffnet, wie sie in einem Schreiben an den Indigenen-Missionsrat (CIMI) angaben. Das sollte ihre Absicht deutlich machen, dass sie ihr eigenes Land auch dann verteidigen, wenn die Regierung dies nicht tut.

Appell an die internationale Gemeinschaft

Auch Kokoj sagt, dass die Regierung Bolsonaros nicht erwarten soll, dass die Hüter des Waldes kampflos zur Seite treten. “Wir indigenen Völker haben über die Jahre hinweg gegen wechselnde Regierungen Widerstand geleistet, der auch heute noch wirksam ist.”

Zur Verteidigung ihrer Gebiete und Kultur haben sich die indigenen Gemeinschaften Brasiliens mit größeren sozialen Bewegungen zusammengeschlossen. Sie mahnen die Verletzung ihrer Rechte vor internationalen Gremien an und bestehen darauf – trotz Drohungen und Gewalt – in ihren Territorien zu bleiben. Seit Bolsonaro an der Macht ist, gehen indigene Aktivisten auf die Straße, um für ihre Landrechte und gegen die schlechte Behandlung durch die rechte Regierung zu protestieren.

Aber Kokoj betont, dass die Unterstützung der breiten Bevölkerung und der internationalen Gemeinschaft entscheidend ist.

Die Gruppe brasilianischer Anwälte betreibt im Interesse der indigenen Gruppen Lobbyarbeit in Den Haag. Sie sagen, dass der Internationale Strafgerichtshof ihre Klage untersuchen will. Es bleibt abzuwarten, ob es zu einer Anklage Jair Bolsonaros kommen wird – und ob der internationale Druck wirklich so groß wird, wie es sich die indigenen Gemeinden erhoffen.

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