Yad Vashem zu Nazi-Devotionalien: “Wir sind strikt gegen jeglichen Handel”

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Ein libanesischer Geschäftsmann ersteigerte persönliche Gegenstände von Adolf Hitler und schenkte sie einer israelischen Organisation. Sie sollen der Gedenkstätte Yad Vashem übergeben werden.

In den nächsten zwei Wochen werden die Gegenstände in Israel eintreffen. Ersteigert wurden sie Ende November von Abdallah Chatila, einem schweizerisch-libanesischen Geschäftsmann – auf einer umstrittenen Auktion in der Nähe von München. Rund 600.000 Euro gab Chatila für die Gegenstände aus. Er wollte sie aus dem Verkehr ziehen, wie er sagt. “Viele Leute haben mich gefragt, warum ich das gemacht habe. Es war wichtig für mich, dass die Sachen nicht in falsche Hände gelangen. Wir sollten alle für mehr Toleranz einstehen”, so Chatila auf einer Pressekonferenz in Jerusalem. 

Unter Beifall erzählt er nochmals von der Auktion selbst. Nach dem gescheiterten Versuch jüdischer Organisationen, die umstrittene Versteigerung zu stoppen, sei alles ganz schnell gegangen. Von einer Pariser Hotel-Lobby aus habe er über das Telefon die Auktion mitverfolgt, und gleichzeitig noch mit einem Geschäftspartner verhandelt. Am Ende ersteigerte er mehrere persönliche Gegenstände, unter anderem einen Hut Hitlers, eine Zigarrenschachtel, eine Ausgabe von “Mein Kampf” mit einer Widmung an Hermann Göring und persönliche Briefe. Zwei Gegenstände seien allerdings aufgrund eines Missverständnisses in die Hände eines anderen Käufers gelangt. Um welche Gegenstände es sich handelt, und wer diese erworben hat, wurde nicht bekannt.

Überaschende Geste für Yad Vashem

“Es war schon eine Überraschung und vor allem eine sehr großzügige Geste von Herrn Abdallah Chatila”, sagt Avner Shalev, Direktor der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, im Gespräch mit der DW. “Wir wussten nicht, wer die Gegenstände ersteigern würde. Aber als wir gehört haben, dass Herr Chatila die Sachen ersteigert hat, war das eine gute Nachricht.” Auch Rabbiner Menachem Margolin, Vorsitzender der Europäischen Jüdischen Vereinigung, hatte sich für die Auktion registrieren lassen, nachdem Versuche gescheitert waren, den umstrittenen Verkauf der Nazi-Devotionalien zu stoppen. Er habe ursprünglich die Gegenstände im Zentrum von Berlin verbrennen wollen, um zu zeigen, dass “kein Symbol in Zusammenhang mit Adolf Hitler verbleiben darf”, sagt Margolin. Doch statt mitzubieten habe er das Geld letztlich für ein soziales Projekt genutzt. Er sei sehr dankbar, dass die Sachen künftig in Yad Vashem verwahrt werden.

Empfang in Jerusalem: Abdallah Chatila (2.v.l.) mit dem israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin (Mitte) und Avner Shalev, dem Direktor der Gedenkstätte Yad Vashem (2.v.r.)

Chatila, der auch vom israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin empfangen wurde, erzählt, dass er viele positive Reaktionen bekommen habe. Ein paar auch aus seiner früheren Heimat, dem Libanon, aus dem er als Kind mit seiner Familie wegen des Bürgerkriegs nach Europa geflüchtet war. “Einige libanesische Freunde haben mir gesagt, dass sie sehr stolz auf mich sind. Es gab aber auch andere, die mich als ‘Verräter’ beschimpft und mir nahe gelegt haben, nicht mehr in den Libanon zurückzukehren.” Israel und der Libanon haben keine offiziellen diplomatischen Beziehungen und mehrere Kriege miteinander geführt. Chatila lebt heute in der Schweiz und ist im Diamanten- und Immobiliengeschäft tätig.

Devotionalien sollen nur begrenzt gezeigt werden

Auch er habe zunächst mit dem Gedanken gespielt, die Sachen zu zerstören, sagt Chatila. Doch dann entschied er sich, die Dinge an die israelische Organisation Keren Hayesod zu spenden. Künftig sollen sie in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem aufbewahrt werden. “Es sind sehr heikle Gegenstände, auch für Yad Vashem, aber in unserer Sammlung haben wir natürlich auch Dinge, die mit den Tätern zu tun haben”, sagt Direktor Avner Shalev der DW. Yad Vashem hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Opfern eine Stimme zu geben und die jüdische Geschichte während der Shoah zu bewahren. Die Hitler-Devotionalien werden voraussichtlich nicht als Sammlung in der Öffentlichkeit gezeigt werden. Aber im richtigen Kontext könnten einzelne Gegenstände im Museum ausgestellt werden, um die Geschichte der Täter zu erzählen.

Der Handel mit Devotionalien wird in Yad Vashem als sehr problematisch gesehen. “Wir sind strikt gegen jeglichen Handel von Gegenständen, die mit dem Holocaust zu tun haben, ob diese nun den Opfern oder Tätern gehören”, so Shalev. Solche Gegenstände gehörten nicht in die Hände von Privatleuten, sondern in Museen, in öffentliche Institutionen, um zu verhindern dass sie von Nazis und Neo-Nazis glorifiziert werden können. Dass die Sachen nun in Yad Vashem verwahrt werden, trage auch dazu bei, dass die Erinnerung an das Geschehene auch für die nachfolgenden Generationen erhalten werde. Dabei sei nicht allein die Erinnerung an den Holocaust wichtig, sondern auch das Hier und Heute, sagt Chatila, der aber ausschloss, zukünftig bei ähnlichen Auktionen mitzubieten. “Ich denke, was in den letzten fünf Jahren in Europa passiert, mit dem Anstieg von Antisemitismus, dem stärker werdenden Populismus und Rassismus, dagegen muss man etwas tun. Darüber müssen wir sprechen.”