Deutschlands Katholiken: “Synodaler Weg” als “die letzte Chance”

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Die katholische Kirche in Deutschland ist im Schlingerkurs. Der Missbrauchsskandal, die Macht der Kleriker, die wachsende Kritik an einer männerdominierten Kirche. Nun startet das große Reformprojekt “Synodaler Weg”.

Kirchenstreik im Mai 2019: Frauen einer Kirchengemeinde gestalten einen Gottesdienst parallel zur Messe in der Kirche

Katholische Bischöfe und Laien in Deutschland wollen während der kommenden zwei Jahre über Veränderungen nachdenken. “Wir sehen es als die letzte Chance, in dieser Form auch wirklich zu strukturellen Veränderungen zu kommen”, sagt Karin Kortmann, Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), zur Deutschen Welle. Das ZdK und die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) sind gemeinsame Träger des Reformprojekts “Synodaler Weg”, das nun startet.

Eine Kerze

Dabei gibt es ab dem ersten Adventssonntag erst einmal nur ein Kerzenlicht als Zeichen des Aufbruchs und eine Internetseite. In allen Bischofskirchen Deutschlands sollen dann eigene “Synodalkerzen” brennen. So werden im Münchner Liebfrauendom Kortmann und der DBK-Vorsitzende Kardinal Reinhard Marx das Licht entzünden. Die eigentliche Arbeit startet Ende Januar mit der ersten Synodalversammlung, die gut 200 Mitglieder hat, in Frankfurt.

“Die Botschaft des Evangeliums wurde verdunkelt, ja sogar aufs Schrecklichste geschädigt. Wir denken dabei besonders an den sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen”, heißt es in einem gemeinsamen Brief von DBK und ZdK zum Auftakt des Projekts. “Der Synodale Weg soll auch ein Weg der Umkehr und der Erneuerung sein, der dazu dient, einen Aufbruch im Licht des Evangeliums zu wagen.”

Feuerlöscher

Karin Kortmann, Vizepräsidentin des ZdK

Der Titel und die Einrichtung des “Synodalen Weges” zeigen die Hürden des Projekts. Bislang kennt die Kirche so etwas nicht, weder auf Weltebene noch in nationalem Rahmen. Immer wieder in 2000 Jahren Kirchengeschichte gab es dagegen “Synoden”; das Wort kommt aus dem Griechischen und heißt “Weggemeinschaft” oder “Versammlung”. Aber dieses Format “Synode” wollten die deutschen Katholiken nicht, wegen eines längeren Vorlaufs, auch wegen mancher römischen Vorgabe. “Wenn die Kirche in Deutschland brennt, frage ich nicht in Rom an: Könnt Ihr uns einen Feuerlöscher schicken? Sondern wir sind aufgefordert, selber zu schauen: Was bedarf es an Klärungen?”, sagt Kortmann. Und doch, auch wenn man selber schaut: Das letzte Wort bei einer möglichen Umsetzung von Beschlüssen behalten die Bischöfe.

Themen des “Synodalen Weges” sind die Sexualmoral, das Zölibat, Gewaltenteilung und die Rolle von Frauen in der Kirche. Jedes dieser Themen hat letztlich einen Bezug zum Missbrauch in kirchlichem Kontext. Und seit Anfang des Jahres häufen sich Protestaktionen gerade von Katholikinnen, die eine stärkere Mitsprache und auch das Weiheamt für Frauen fordern. Die Stimmung ist aufgeladen.

Internationale Aufmerksamkeit

Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Dieser Weg werde die Kirche verändern, sagt Kardinal Marx im Vorfeld, denn ein “Synodaler Weg” ohne Reformen sei nicht denkbar. Entsprechend gibt es seit dem Aufkommen des Projekts von konservativeren Katholiken Kritik, auch von älteren deutschen Kardinälen in Rom. Kortmann wird da deutlich. “Sie haben überhaupt nicht verstanden, dass sämtliche Dienste, die innerhalb der Kirche angeboten werden, nur durch das große und starke ehrenamtliche Engagement der Laien zum Tragen kommen. Und dass wir in einer Gesellschaft leben, die nicht mehr in einem hierarchischen Gefüge zuhause ist.”

Auffallend ist, dass der gemeinsame Brief von DBK und ZdK zum Auftakt zeitgleich in deutscher, englischer und französischer Sprache veröffentlicht wurde. Denn auf internationaler Ebene spielen Vorgänge der Kirche in Deutschland immer noch eine besondere Rolle. Diverse US-Medien diskutieren seit Wochen, was die deutschen Katholiken da machen. Kortmann berichtet, dass beispielsweise die Nachbarländer Schweiz, Österreich und Belgien “sehr genau beobachten, was sich bei uns entwickelt”. Es gehe in den kommenden zwei Jahren nicht nur um die Kirche in Deutschland, sondern um die Kirche in Europa und auf Weltebene.

Segen für Homosexuelle

Bei ihrer Vollversammlung vor acht Tagen sprachen sich Deutschlands Laienkatholiken auch für kirchliche Segensfeiern für lesbische und schwule Paare aus. Die theologischen Grundlagen, deretwegen homosexuelle Partner von Segnungsfeiern ausgeschlossen seien, sind für das ZdK überholt. Auch das wird sicher ein Thema beim “Synodalen Weg”. “Wir als starke deutsche Kirche mussten diesen Schritt auch gehen”, sagt Kortmann zum Beschluss des Laiengremiums. Seit 2015 sei das Thema beraten worden. Kortmann: “Diese Gemeinschaft mit dem Segen auszustatten, halte ich für ein seelsorgerliches und mitmenschliches Zeichen. Es stellt nicht die Ehe an sich in Frage, sondern ergänzt etwas.”