Geschichte aus Frauenperspektive: Filmfest setzt Akzente

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Blicken Frauen anders auf Geschichte als Männer? Die “Frankfurter Frauen Film Tage” suchen nach Antworten im Kino von Gestern und Heute. Geschichte ist auch eine Frage der Perspektive – was auch ästhetische Folgen hat.

Eine Frau blitzt zum wiederholten Mal bei einem Vorstellungsgespräch ab. Der Film “Gott existiert, ihr Name ist Petrunya” der mazedonischen Regisseurin Teona Strugar Mitevska stellt zunächst den Alltag einer Frau in Mazedonien in den Blickpunkt und öffnet dann den Fokus. Die junge Petrunya springt auf dem Rückweg von einem erfolglosen Job-Gespräch ins kalte Wasser eines Flusses.

Petrunya dringt in männliches Terrain vor 

Es ist Dreikönigstag, Petrunya ist nicht allein im Wasser. Dutzende Männer tauchen dort auf der Suche nach einem Kreuz, das ein Priester zuvor hineingeworfen hat: ein religiöser Ritus. Und natürlich einer, der den Männern vorbehalten ist. Doch Petrunya ist schneller. Sie fischt das Kreuz aus dem Fluss. Und nicht nur das (unser Foto oben). Für die Männer ist das ein Affront. Der auf Festivals bereits mehrfach ausgezeichnete Film von Regisseurin Mitevska läuft derzeit in vielen Ländern im Kino. Und jetzt auch bei den “Frankfurter Frauen Film Tage”.

Wer fischt das Kreuz zuerst raus? “Gott existiert, ihr Name ist Petrunya”

Ein Film, der gut ins Programm passt. Schwerpunktthema ist in diesem Jahr Geschichte: “Geschichtsanschauung. HerStory im Kino” lautet das Festival-Motto und der Film von Mitevska stößt gleich mehrere Themen an, die in Frankfurt verhandelt werden: Frauen in der Arbeitswelt, Religion, Gesellschaft, Männerdominanz. Und mittendrin der Blick des Kinos – als ein Ausdruck kultureller Auseinandersetzung mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit.

Filme spiegeln spezifische weibliche Erfahrungen wider 

Blicken Frauen anders auf Geschichte? “Ganz sicherlich”, ist Karola Gramann im DW-Interview überzeugt, “weil unsere Äußerungen, in Filmen oder in der Literatur, natürlich in unserer Erfahrung begründet sind und die Erfahrungen von Männern und Frauen in unserer Gesellschaft und in fast allen Gesellschaften unterschiedlich sind.” Karola Gramann ist eine von drei Verantwortlichen des Festivals und fügt noch hinzu, was gerade in den letzten Jahren ein großes Thema in der Film-Branche ist: Es mangelt an “Geschlechter-Gerechtigkeit”.

Die Kirche stellt in “Gott existiert, ihr Name ist Petrunya” Frauenrechte in Abrede

Wenn Geschichte also von Frauen anders wahrgenommen und beurteilt wird, dann hat das natürlich auch Auswirkungen auf die Auswahl der Film-Themen. Die Geschichte der Frauen werde “in der offiziellen Geschichtsschreibung nicht oder nur in der Abhängigkeit der Geschichtsschreibung der Männer” wahrgenommen, beklagt Gramann. Veränderungen seien seit ein paar Jahrzehnten aber durchaus erkennbar: “In den 1970er Jahren, als sich eine neue feministische Bewegung formiert hat, gab es auch einen Aufbruch in der feministischen Geschichtsschreibung”, so Gramann. Damals seien Sujets ins Blickfeld gerückt, “deren Geschichtsschreibung vorher kaum Beachtung gefunden hat”.

Neuer Blick auf die Privatsphäre, neuer Blick auf Körperliches

Als Beispiele nennt Gramann die Bereiche “Privates” und den neuen Blick auf den “Körper”. Sie erinnert an die großen Debatten und Bewegungen der 1970er Jahre und an einen damals wegweisenden Film der Belgierin Chantal Akerman von 1975: “Jeanne Dielman”. Das sei ein Werk gewesen, auf dessen Thema ein Mann gar nicht kommen würde: “Hausarbeit”.

Revolutionäres Frauenkino aus den 1970er Jahren: “Jeanne Dielman”

“Wenn wir Emanzipation denken, dann muss es ja darum gehen, Erfahrungen zu teilen und dann daraus Perspektiven zu entwickeln.” Das ginge nur, “wenn der Blick der Frauen in und auf die Geschichte zum Ausdruck kommt.” Filme von Frauen sind anders, sie erzählen ihre Geschichten und Geschichte anders. Oft sind es nicht nur die großen Figuren, die im Mittelpunkt stehen, in den Filmen kämen eben auch “ganz gewöhnliche Frauen” vor, so Gramann.

Frauenfilme können auch ästhetisch anders sein

“Der Blick ist eben auf andere Dinge gerichtet, was sehr wichtig ist”, sagt die Film-Kuratorin überzeugt. Das könne dann auch zu einer anderen Ästhetik führen. Wieder erinnert Gramann an ein Beispiel aus dem bewegten Umbruch-Jahrzehnt: “Ich möchte an einen ganz berühmten Film erinnern aus den 1970ern von Laura Mulvey und Peter Wollen erinnern: ‘Riddles of the Sphinx’, in dem es um Mutterschaft geht, die Kamera ist in diesem Film durchgängig ungefähr auf Hüfthöhe, in der Höhe, in der die Frau das Kind trägt.” Das sei damals “eine ganz radikale ästhetische Entscheidung gewesen”.

Weniger die Geschichte der großen Politiker, die ja fast immer Männer waren, weniger eine Film-Geschichte der großen Schlachten und kriegerischen Auseinandersetzungen, die natürlich auch männerdominiert war, taucht also in den meisten Werken von Frauen-Film-Festivals wie dem in Frankfurt auf.

Die 1970er-Jahre brachten für Regisseurinnen einen Umbruch

Hat es diese Filme vielleicht gar nicht gegeben? Das ist angesichts der nach wie vor anhaltenden Männerdominanz in der Filmbranche eine berechtigte Frage. Natürlich steht die Film-Geschichte im Zeichen männlichen Personals. In den 1970er Jahren hat sich daran aber etwas geändert, eine Aufbruchsstimmung setzte ein, mehr Frauen nahmen auf den Regiestühlen Platz, Produzentinnen traten ins Geschehen, erste Kamerafrauen wiesen daraufhin, dass Weiblichkeit einen gleichberechtigten Platz in der Branche hatte – nicht nur vor den Kameras, wo die weiblichen Stars der Filmgeschichte zumindest ebenbürtig waren oder in Berufen wie dem der Cutterin oder der Maskenbildnerin.

Frauen führen anders Kamera 

Gramann konstatiert auch im Jahre 2019 eine bestehende Ungleichheit in der Branche. Natürlich gebe es Ausnahmen. Auch gerade im aktuellen Kinoprogramm. Als Beispiel nennt sie “Porträt einer jungen Frau in Flammen” von Céline Sciamma. “Wenn Frauen zur Kamera greifen, dann kann man auch erwarten, dass man was anderes sieht”, schrieb Verena Lueken in der “Frankfurter Allgemeine Zeitung” über Sciammas Film. Dies sei eine treffende wie richtige Formulierung, findet Karola Gramann.

Szene aus dem Arthaushit 2019″ Porträt einer jungen Frau in Flammen”

Doch auch der Blick zurück in die Film-Geschichte kann Erstaunliches zu Tage fördern. In Frankfurt ist in diesen Tagen eine echte Rarität zu entdecken, Maurice Elveys Stummfilm “Hindle Wakes” aus dem Jahre 1927: “Ein sehr, sehr interessantes Beispiel, wo es um Emanzipation und das Wahlrecht für Frauen und die Folgen daraus geht.”

Ein Stummfilm mit visionärem Blick auf weibliche Sexualität

Im vergangenen Jahr, als die Debatte um die sexuellen Übergriffe des US-Produzenten Harvey Weinstein die Welt erschütterte, war “Hindle Wakes” schon einmal in Frankfurt beim Festival zu sehen, weil es in dem britischen Film auch ganz dezidiert um das Thema sexuelle Selbstbestimmung der Frau geht.

Frauen in der englischen Baumwollspinnerei: “Hindle Wakes”

Jetzt zeigt man Elveys Werk noch einmal: “In diesem Jahr ist er besonders interessant – unter dem Aspekt der Sklaverei der Afro-Amerikanerinnen.” So darf man “Hindle Wake”, der mit neu eingespielter Musik der niederländischen Komponistin und Pianistin Maud Nelissen zu sehen sein wird, auch als einen  scharfsichtigen, visionären Kommentar zur Globalisierung interpretieren. Mit einem, so Gramann, “erstaunlichen feministischen Impetus”.

Zusammen mit Heidi Schlüpmann und Gaby Babíc ist Karola Gramann verantwortlich für das Programm von “Remake – Frankfurter Frauen Film Tage” 2019 (26.11.-1.12.).