Macht des Matriarchats zeigt sich in Island

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Überall auf der Welt werden Forderungen nach Gleichberechtigung lauter. In Island zeigt sich, was Frauen an der Macht erreichen könnten. Aus Reykjavik berichtet Kate Ferguson.

Islands Premierministerin Karin Jakobsdottir spricht auf dem Global Forum

Es ist sieben Jahre her, dass Julia Gillard die wohl bedeutendste Rede ihres Lebens hielt. 

Damals, als Premierministerin Australiens, konfrontierte sie den damaligen Oppositionsführer Tony Abbott mit einer Liste seiner sexistischsten Kommentare. Wort für Wort ratterte sie seine diskriminierendsten Aussagen herunter. Dazu gehörte auch eine Frage, die er wohl während eines Interviews von sich gegeben hatte:

“Was wäre, wenn Männer physiologisch oder vom Temperament her besser dafür geeignet sind, Macht auszuüben oder Befehle zu erteilen?”

Die Rede schlug große Wellen. Hillary Clinton beschrieb sie als “bemerkenswert”, doch das half Gillard nicht, ihre politische Karriere zu retten. Ein Jahr später legte sie ihre Amt nieder, nachdem sie einen internen Machtkampf verloren hatte.

Seitdem hat sie ihr Leben der Förderung weiblicher Führung verschrieben und kämpft gegen Überzeugungen wie die von Tony Abbott.

Australiens ehemalige Premierministerin Julia Gillard (links) ist eine von rund 450 weiblichen Führungskräften, die sich zum Reykjavik Global Forum in Island getroffen haben.

Persönliche Themen ebenso wichtig wie politische Fragen

Heute ist sie eine von 450 weiblichen Führungskräften aus Politik und Wirtschaft, Hochschulen und Kunst, die sich in Islands Hauptstadt zum Reykjavik Global Forum versammelt haben. Die Veranstaltung wurde im vergangenen Jahr ins Leben gerufen, um einen Ideenaustausch zu fördern.

Besonders auffallend ist, dass im Programm persönliche Themen ebenso wichtig sind wie politische Fragen. Widerstandsfähigkeit zu fördern wird als ebenso diskussionswürdig angesehen wie strategische Investitionen in Asien. “Wie man Trauer Taten folgen lässt” wird ebenso besprochen wie die Frage “Wie bekommen wir unsere Meere wieder sauber?”

Dieser breit gefächerte Ansatz liegt auch an der Komplexität des Themas. “Gleichberechtigung. Das kann man ganz leicht sagen, aber es ist schwer umzusetzen”, sagt die Weltbank-Vizepräsidentin Sandie Okoro der DW. “Frauen haben es in der öffentlichen Wahrnehmung viel schwerer als Männer.”

Weltbank Vize-Chefin Sandie Okoro glaubt, es wird schwer Gleichberechtigung voran zu treiben.

Dieser Ansicht ist auch Victoria Budson, Leiterin des Studiengangs Women and Public Policy (Frauen und Politik) an der Universität Harvard: “Untersuchungen zeigen, dass Frauen sich eher beweisen müssen, während man automatisch erwartet, dass Männer kompetent sind.”

Dieser Wahrnehmungsunterschied könnte mit dazu beitragen zu erklären, warum wirtschaftliche und politische Macht noch immer überwiegend in der Hand von Männern liegt. Weniger als ein Viertel der Sitze in Landesparlamenten und nur 15 Prozent der Aufsichtsratsposten in Unternehmen werden von Frauen besetzt. Eine soeben erschienene Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) konstatiert für Deutschland, dass Frauen als Führungskräfte in Unternehmen mit einem Anteil von 26 Prozent weiterhin unterrepräsentiert sind.  

Island ist Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung

Es trifft sich gut, dass die Diskussion für mehr Balance im Gefüge in Island stattfindet. Das Land mit nur 360.000 Einwohnern liegt regelmäßig bei Gleichberechtigungs-Bewertungen vorne. Laut dem weltweiten Gleichstellungsbericht des Weltwirtschaftsforums ist Island der beste Ort, um eine Frau zu sein. Bezahlte Elternzeit, Gesetze für gleiche Bezahlung und ein Konsens zum Thema Gleichberechtigung in der politischen Landschaft werden oft als Gründe für diesen Erfolg genannt.

“Wir sind ein gutes Beispiel dafür, wie Gleichberechtigung zu einer besseren Gesellschaft führen kann”, sagt Islands Premier Katrín Jakobsdóttir (Artikelbild) der DW. Im kommenden Jahr will ihre Regierung, ebenso wie Neuseeland und Schottland Wohlbefinden als Faktor in den Landeshaushalt aufnehmen. Die Entscheidung ist Teil einer gemeinsamen Initiative, den Erfolg eines Landes nach der Lebensqualität seiner Bewohner zu messen statt am Bruttoinlandsprodukt. Die drei teilnehmenden Länder werden übrigens alle von Frauen geführt.

Ein Kerngedanke des Reykjavik Global Forum ist es, dass Überzeugungen erst identifiziert werden müssen, bevor es möglich ist, sie zu ändern. Dafür braucht man natürlich messbare Daten.

Wie misst man Gleichberechtigung?

Daher haben die Veranstalter die Datenberatungsfirma Kantar beauftragt, eine messbare Größe dafür zu finden, wie Menschen Frauen in Führungspositionen wahrnehmen. Der Reykjavik Index 2019 konzentriert sich auf die G7-Länder, also die USA, Großbritannien, Japan, Deutschland, Frankreich und Kanada sowie auf Brasilien, Russland, Indien und China.

Island ist laut Gleichstellungsbericht des Weltwirtschaftsforums der ideale Ort, um eine Frau zu sein.

Zu den überraschendsten Erkenntnissen zählt, dass in Russland nur acht Prozent der Bevölkerung sich eine Frau als Staatsoberhaupt vorstellen können. In Kanada würden sich 59 Prozent damit wohlfühlen, der Top-Wert, obwohl Kanada bisher nur eine Premierministerin hatte, und das auch nur übergangsweise für ein halbes Jahr im Sommer 1993. 

Ein sicherer Ort für Frauen, um sich auszutauschen

Laura Jones ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Global Institute for Women’s Leadership, gegründet am King’s College in London von Julia Gillard selbst.

Eine Analyse aus dem vergangenen Jahr ergab, dass etwa neun von zehn Experten, die in britischen Medien zu Wirtschafts- und Finanzthemen zitiert wurden, Männer waren. Das ist besonders auffällig, wenn man bedenkt, dass weibliche Wirtschaftswissenschaftler deutlich häufiger auf Eingreifen der Regierung setzen als auf Selbstregulierung des Marktes.

“Es hat nichts mit Genetik oder Biologie zu tun”, sagt Jones der DW. “Es liegt an den Lebenserfahrungen.”

Über drei Tage lang war Reykjavik die ultimative Sicherheitszone für Frauen, um in geschützten Raum diese Lebenserfahrungen miteinander zu teilen. Viele Entscheiderinnen haben die Gelegenheit für Versprechen genutzt, sich aktiv für die Dinge einzusetzen, die ihnen am Herzen liegen.

Doch die Welt da draußen ist nicht immer so aufgeschlossen. Viertausend Kilometer entfernt in Washington, wird das Machtzentrum der weltgrößten Volkswirtschaft von einem Mann geführt, der sich damit brüstet, Frauen an die Genitalien zu fassen, regelmäßig Frauen in der Öffentlichkeit für ihr Aussehen kritisiert und Sprechchöre gegen seine politische Rivalin Hillary Clinton anführte, die forderten, sie “einzusperren”. Vergangene Woche sorgte Prinz Andrew in Großbritannien für Aufsehen, als er das Verhalten seines früheren Freundes und mutmaßlichen Sexualverbrechers Jeffrey Eppstein als “unziemlich” bezeichnete.

In ihrer Abschlussrede sprach Islands Premier über Klimawandel, den Aufstieg des Populismus und andere Probleme, die dringend eine weibliche Hand bräuchten: “Frauen haben in der Vergangenheit immer wieder grenzübergreifend zusammengearbeitet und so Kompromisse erzielt und Menschen um verschiedene Themen zusammengebracht. Diese Fähigkeiten braucht die Welt heute mehr denn je.”