Der “Fluch” von Almeria reicht bis nach Deutschland

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Europas Gemüsegarten im Süden Spaniens kämpft mit großem Konkurrenzdruck, unklarer EU-Politik und dem Image als Ausbeuter afrikanischer Erntehelfer.

Tomatenanbau in einem Gewächshaus in der südspanischen Provinz Almeria.

El Ejido ist der Hauptproduktionsort der spanischen Gemüseindustrie unter Plastik-Dächern und steht wie kaum ein anderer Ort in der EU für Ausbeutung von ausländischen Erntehelfern. Gewaltsame Ausschreitungen im Februar 2000 zwischen Marokkanern und Spaniern haben das Image geprägt. Fast 20 Jahre später ist El Ejido, in der Provinz Almeria gelegen, eine sehr reiche Stadt. Gewaltsame Konflikte zwischen Arm und Reich gibt es nur noch wenige. Ausbeutung gibt es aber immer noch und dazu hat auch Deutschland beigetragen, denn das Land ist der wichtigste Exportmarkt, gefolgt von Frankreich und Großbritannien. Für fast vier Milliarden Euro exportiert Spanien inzwischen pro Jahr Obst und Gemüse nach Deutschland. Das Meiste kommt aus Almeria, wo die Konzentration von Gewächshäusern so groβ ist, wie nirgendwo anders. Sein Mikroklima und 3000 Sonnenstunden machen Almeria einzigartig.

Migranten warten an einem Kreisverkehr in El Ejido auf eine Arbeit in der spanischen Landwirtschaft

Illegale Immigration nagt am Image der Gemüsebauer

Zunehmende Konkurrenz aus Afrika und auch aus Deutschland, setzen Almeria allerdings unter Druck, an der Kostenschraube zu drehen. Nach Angaben der Gewächshaus-Betreiber Lobby APROA wohnen rund 5000 Ausländer ohne Papiere in der Provinz Almeria, viele von ihnen in Baracken. Rund 3000 von ihnen arbeiten als günstige Arbeitskräfte auch tatsächlich in den Gewächshäusern.

Malik aus Mali arbeitet im Sitzen und mit Gummihandschuhen. Das ist keine Selbstverständlichkeit in Spaniens Gewächshäusern.

Die Geschichte des 34-jährigen Malik aus Mali zeigt, wie komplex die Situation in Almeria ist. Er kam vor rund zehn Jahren mit dem Schlauchboot über Marokko im benachbarten Murcia an. Die ersten Jahre kämpfte der Afrikaner ums Überleben. Inzwischen hat er einen Arbeitsvertrag bei Biosabor, der gröβten Kooperative in Almeria – Referenz-Betrieb in der Öko-Zertifizierung und Hauptlieferant der Region nach Deutschland. Malak arbeitet mit Gummihandschuhen und im Sitzen. Das ist nicht die Regel in Almeria, glaubt man den dortigen Gewerkschaften. Eigentlich eine positive Geschichte. Allerdings animiert das auch andere Menschen aus seinem Land, den gefährlichen Weg übers Meer auf sich zunehmen. Dass die Politik hier keine geregelte Einwanderungspolitik betreibe, verärgert Einheimische wie Maria Dolores Morales, Finanzvorständin bei Biosabor. 

Sie erinnert sich an die 1960er und 70er Jahre, als Spanier sich mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche nach Essen, Frankfurt oder Hannover auf den Weg machten: “Auch mein Vater ging damals nach Deutschland, aber es war alles organisiert und er wohnte in einem Appartment”, erzählt Morales. “Wir können im 21. Jahrhundert nicht zulassen, dass hier in Almeria viele Immigranten ohne Aufenthaltsgenehmigung in Baracken leben”. Fast 20.000 Menschen machten sich laut spanischem Innenministerium 2019 auf den gefährlichen Weg von Afrika übers Meer nach Spanien. Das sind bereits 50 Prozent weniger als im Vorjahr. Doch die gerade begonnene Ernteperiode könnte die Zahlen  zum Ende des Jahres wieder nach oben treiben. Morales kritisiert ihre eigene untätige Lokalregierung, aber auch ausländische Medien, die diesen Zusammenhang nicht verstünden. “Sie machen uns dafür verantwortlich, aber das ist nur die halbe Wahrheit”, insistiert Juan Colomina, Chef der Gemüse- und Obst-Lobby-Verbände Coexphal und APROA. Die andere Hälfte sieht er in der spanischen und europäischen Politik. Wie viele hofft er, dass mit dem guten Abschneiden der rechtsextremen Partei VOX in Almeria bei der vergangenen Parlamentswahl am 10. November der Druck auf die Politik verschärft wird: “Der Strom von weiteren Flüchtlingen muss aufgehalten werden”, sagt Colomina.

Die Doppelmoral des deutschen Konsumenten

Lola Goméz von Clisol hält die Arbeitsbedingungen der Erntehelfer in Spanien für deutlich besser als in afrikanischen Ländern.

Lola Goméz vom Gewächshaus-Betrieb Clisol stört Doppel-Moral der Öko- und Menschenrechts-Lobby auf: “Der Wettbewerb mit Ländern wie Kenia, Senegal oder Marokko ist nicht fair, weil sie am Tag zahlen, was wir in einer Stunde als Lohn bereitstellen”. Die Situation dort sei aber nicht in der Kritik, sagt sie. Wie Colomina ärgert sie sich auch über Berichte wie den Dokumentarfilm der ARD aus dem vergangenen Jahr, “Europas dreckige Ernte”, der sie einseitig als Ausbeuter illegaler Immigranten und Pestizid-Betriebe darstelle. Die Erntehelfer verdienten netto deutlich mehr als 1000 Euro und es gäbe kaum noch Gewächshäuser, die chemische Pestizide einsetzten. Die meisten vertrauen mittlerweile auf biologische Methoden wie Insekten, bestätigt auch der Agroingenieur Rafael Álvarez aus Madrid, dessen Firma Verde Smart seit Jahren vor allem in der andalusischen Region den Wandel der Landwirtschaft begleitet: “Vor 15 Jahren wurde hier tatsächlich noch mit Pestiziden durch die Gegend gesprüht, was auch für die Arbeiter gefährlich war”. Auch illegale Beschäftigung von Immigranten sei für groβe Firmen aufgrund der Geldstrafen ein Tabu geworden, berichtet er.

Die Firma Clisol setzt beim Gemüseanbau auf nachhaltige Hydrokultur, kan dadurch aber nicht von Subventionen für biologischen Anbau profitieren.

Aber Gómez regt sich auch über den “Ökowahn” auf, der jetzt von den deutschen Medien aufgegriffen würde und Zertifizierung über Nachhaltigkeit stelle: “Clisol ist kein Bio-zertifizierter Betrieb. Wir setzen auf Hydrokultur und das gilt nicht als ökologisch, obwohl es nachhaltiger ist”. Damit entgehen Clisol beispielsweise EU-Subventionen. Mit einer computergesteuerten Feuchtigkeitszufuhr spart sie bis zu 40% Wasser und ist mir ihrer Hydrokultur auf Kokoswolle produktiver als Bio-Betriebe, sagt sie. Der holländische Biologe Jan van der Blom, der in Almeria mit vielen Gewächshäusern zusammenarbeit, glaubt ebenfalls, dass Hydrokultur nachhaltiger ist: “Aber zur Zeit pocht die EU darauf, dass die Pflanzen Mutter Erde berühren müssen, sonst ist es kein Öko”. Auch Álvarez glaubt, dass sich Hydrokultur langfristig durchsetzen wird, “schon  wegen der Klima-Bilanz”. Diese wird seiner Meinung nach bald von Firmen veröffentlicht werden müssen. Allerdings sei dafür in seinem Land noch eine kleine Revolution notwendig: “Unserer Landwirtschaft fehlt das Know-how mit Messgeräten und Sonden umzugehen. Ihr Einsatz wird aber immer notwendiger werden”.