Mauerfall-Gedenken in Berlin

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In der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 öffnete die DDR die Grenze zur Bundesrepublik. Der Blick zurück ist dankbar und froh. Die Kanzlerin warnt aber vor Rechtsruck und Antisemitismus. Aus Berlin Sabine Kinkartz.

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Merkel: Hass, Rassismus und Antisemitismus entgegentreten

Es regnet immer wieder. Klamm, grau, kalt und ungemütlich präsentiert sich Berlin seinen Besuchern an diesem 9. November. Trotzdem drängeln sich schon am Vormittag viele Menschen im Regierungsviertel rund um den Reichstag, auf der Prachtstraße Unter den Linden und am weiträumig abgesperrten Brandenburger Tor. Die Besucher kommen aus aller Welt. Satzfetzen auf Englisch, Französisch, Russisch, Italienisch und Polnisch schwirren durch die Luft. 

Vor dem Brandenburger Tor ist eine Bühne aufgebaut. Um 18 Uhr soll hier eine große Show stattfinden, bei der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Rede halten wird. Wer schon vorher etwas erleben will, braucht nicht weit zu laufen. Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls hat der Berliner Senat eine Festivalwoche ausgerufen. An sieben Schauplätzen der friedlichen Revolution im Ostteil Berlins gibt es Kunstinstallationen zu sehen, Aufführungen und Lesungen.

In der Mauer stecken Rosen

Die zentrale Gedenkfeier zum Mauerfall findet schon am Morgen in der Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße statt. Als die DDR die Grenze im August 1961 dichtmachte, spielten sich hier dramatische Szenen ab. Während die Häuser auf Ost-Gebiet standen, gehörte der Bürgersteig davor zum Westteil Berlins. Wer es also aus dem Fenster vor das Haus schaffte, dem war die Flucht in letzter Minute noch gelungen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Gäste aus den Visegrad-Staaten stecken Rosen in die Mauer

Bundeskanzlerin Angela Merkel steckt an diesem 9. November zusammen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Bundesratspräsident Dietmar Woidke sowie den Staatsoberhäuptern Polens, der Slowakei, Tschechiens und Ungarns rote und gelbe Rosen in die Mauer und “durchlöchert” sie damit symbolisch.

Die Visegrad-Staaten als “Mitgestalter der Geschichte”

Polens Staatschef Andrzej Duda, der tschechische Präsident Milos Zeman, die slowakische Präsidentin Zuzana Caputova und der ungarische Staatschef Janos Ader sind gemeinsam mit dem deutschen Staatsoberhaupt zur Gedenkstätte gekommen. Steinmeier hatte sie zuvor im Schloss Bellevue empfangen. Er hat seine Kollegen zu den Feierlichkeiten eingeladen, um den Beitrag der Osteuropäer zum Mauerfall zu würdigen.

Nur noch ein Ausschnitt aus dem Todesstreifen erinnert in der Bernauer Straße an die Vergangenheit

“Ohne Polen und Ungarn, ohne Tschechen und Slowaken könnten wir Deutsche diesen Tag nicht begehen. Ohne sie hätte es diesen Tag womöglich gar nicht gegeben”, sagt Steinmeier später bei einem Mittagessen. “Mitgestalter unserer Geschichte” nennt der Bundespräsident seine Gäste. “Der lange und beharrliche Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung in Ihren Ländern, den Ländern in der Mitte Europas, gehört zu den historischen Voraussetzungen dieses 9. November vor dreißig Jahren.”

Nicht alle Hoffnungen erfüllt

Mit Blick auf die heutige politische Situation appelliert Steinmeier an seine Gäste, weiter engagiert an der Einheit des Kontinents zu arbeiten. Nicht alle Hoffnungen und Ziele beim Einreißen des Eisernen Vorhangs seien erreicht worden. “Freiheit und Demokratie, Wohlstand und Zusammenhalt in Europa bleiben große und anspruchsvolle Ziele.”

Die Präsidenten legten Blumen am Visegrad-Denkmal nieder

Dankesworte kommen auch von Merkel. “Die friedliche Revolution in der DDR hatte mutige Vorbilder”, sagt die Kanzlerin an die Präsidenten der Visegrad-Staaten gerichtet. “Keine Mauer, die Menschen ausgrenzt und Freiheit begrenzt, ist so hoch oder so breit, dass sie nicht doch durchbrochen werden kann.” Merkel und erinnert an die Opfer der SED-Diktatur in der DDR, die nicht vergessen würden.

Gegen Hass und Rassismus

An diesem Gedenktag dürfe aber auch die Erinnerung an die Pogromnacht der Nationalsozialisten im Jahr 1938 nicht zu kurz kommen. “Der 9. November, in dem sich in besonderer Weise sowohl die fürchterlichen als auch die glücklichen Momente unserer Geschichte widerspiegeln, ermahnt uns, dass wir Hass, Rassismus und Antisemitismus entschlossen entgegentreten müssen.”

Darauf verweist auch der evangelische Bischof von Berlin und Brandenburg, Markus Dröge. Die Erinnerung an die friedliche Revolution vor 30 Jahren in der DDR falle in diesem Jahr nachdenklicher als vor fünf Jahren aus. “Der Anschlag auf die Synagoge in Halle hat alle aufschrecken lassen.” Die gesellschaftlichen Diskussionen seien schärfer geworden.

Mit allem gerechnet, aber nicht mit Kerzen und Gebeten

Dröge stellt fest, dass inzwischen auch deutlicher formuliert werde, was für radikale Umbrüche die Menschen in Ostdeutschland in Beruf und Alltag nach 1989 erlebt hätten. Man müsse dankbar sein, dass die Jahre 1988 und 1989 friedlich geblieben seien. “Wir wissen heute viel genauer um die bedrohlichen Situationen rund um die Friedensgebete und Demonstrationen im Herbst 1989”, sagt der Landesbischof. Die Haltung der in der Kirche organisierten Opposition habe die DDR-Staatsmacht überrascht. “Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten”, zitiert Dröge einen damaligen Vertreter der Staatsmacht über die friedliche Revolution.