Pilgern in der Neuen Welt

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Pilgern ist in. Zumindest in Europa, hier in der Alten Welt. Wie sieht es jedoch in der Neuen Welt aus, in Südamerika?

Warum nimmst Du nicht den Bus?

„Warum nimmst Du nicht den Bus? Das ist viel einfacher. Und schneller.“ Das fragt mich meine Sprachlehrerin immer wieder. Ich will aber nicht. Denn ich will laufen. Pilgern zwischen Guápulo und Baños. 183 km sind es auf der Straße, gerade einmal 4 Stunden mit dem Bus. Zu Fuß ist es ungefähr genauso weit. Allerdings dauert es dann etwa 14 Tage. Allein sein mit mir, mit der Natur, das will ich. Und nachdenken. Über mich und meine Beziehung zu Gott. Gottesdienste feiern, beten und meditieren.

Wenn ich Menschen vor Ort von meinem Plan erzähle, erlebe ich oft Unverständnis. Dabei gibt es auch in Ecuador die Tradition des Pilgerns. Das Land ist seit der Eroberung durch die Spanier im 16. Jahrhundert katholisch geprägt. Die Gründung Quitos im Jahre 1534 erfolgte vor allem mit Hilfe der katholischen Kirche. Auf die Franziskaner folgten Augustiner, Dominikaner und Jesuiten. Ihre mächtigen Kirchen und Klosteranlagen prägen bis heute das Bild der Altstadt.

Mein Plan heißt Alleinsein

Bevor ich aufbreche, feiere ich die Abendmesse in der Basilika von Guápulo. Der Priester, ein Franziskaner, spricht von der Beziehung von Männern und Frauen, von Respekt und gegenseitiger Achtung. Nach der Messe bleibe ich noch lange sitzen. Ich bete und bitte Gott um seinen Beistand und seine Begleitung für mein Vorhaben. Am nächsten Morgen geht es mit dem Bus hinaus aus Quito. Und dann bin ich allein. Ich laufe los, die Karte in der Hand, maps.me auf dem Handy. Das erste Etappenziel ist 14 km entfernt, ein kleines Dorf, schon recht hoch in den Anden auf 3500 Metern. Die Landschaft ist faszinierend. Immer wieder habe ich das Gefühl, dem Himmel nah zu sein. Täler und Berge, kleine Schluchten und Bäche, ein ständiges Auf und Ab und viele, viele Höhenmeter. Unterwegs treffe ich Bauern auf ihren Feldern, passiere kleine Siedlungen und Gehöfte. Am Abend erreiche ich erschöpft und glücklich mein Ziel. In einer kleinen Pension falle ich müde ins Bett.

Einsamkeit aushalten

Beim Frühstück am nächsten Morgen wird mir mein Alleinsein so richtig bewusst. Um mich herum sitzen Menschen zu zweit oder in Gruppen. Sie tauschen sich aus, planen den Tag und ihre Wegstrecke. Ich fühle mich einsam und ein wenig verloren. Ich spreche ein Paar an. Und als klar ist, dass wir das gleiche Tagesziel haben, bitte ich sie, sie begleiten zu dürfen. Es wird ein schöner Tag, ich merke, wie sehr ich soziale Kontakte brauche. Am Abend essen wir noch zusammen. Einsamkeit und Zweisamkeit, ein ständiger Wechsel von Nähe und Distanz prägen die nächsten Tage und Etappen. Manchmal wandere ich alleine, manchmal spreche ich unterwegs Wanderer an. Nie sind es Einheimische, immer Ausländer. Touristen und Urlauber, keiner versteht sich als Pilger. Wenn ich von meinem Vorhaben erzähle, spüre ich Verwunderung. „Und du läufst nur zwischen den beiden Orten und schaust Dir nicht das Land an?“, fragen viele.

Pilgerrummel

Nach 14 Tagen bin ich fast am Ziel. Es regnet seit Stunden. Die Wege sind matschig und aufgeweicht. Mehrfach bin ich ausgerutscht. Und so bringt mich ein Bus die letzten Kilometer nach Baños.

Baños ist einer der bekanntesten Wallfahrtsorte des Landes. Von überall kommen die Menschen. Mittlerweile weiß ich, dass kaum jemand über mehrere Tage zu Fuß läuft. Es gibt Tageswallfahrten im Bus, viele kommen mit dem Auto. Rund um die Basilika drängen sich die Massen. Beim Gottesdienst ist die Kathedrale überfüllt. Der Priester warnt vor Taschendieben und predigt von der Nächstenliebe. Nach den Tagen der Einsamkeit und Stille ist mir das alles zu viel. Ich komme am Abend wieder um zu beten und Gott zu danken. Ich bin glücklich, dass ich es geschafft habe. Und glücklich darüber, dass ich diese ganz besondere Zeit hatte, um über mich und meine Beziehung zu Gott nachzudenken.

Bevor ich am nächsten Morgen mit dem Bus nach Quito zurückfahre, gehe ich noch einmal einen letzten Kreuzweg. Den Rummel und den Trubel um die Kathedrale lasse ich nach wenigen Metern zurück. Noch einmal tauche ich ein in die Stille und Einsamkeit, die mich fast 14 Tage lang begleitet haben.

 

Zum Autor:

Pfarrer Jan Schäfer unterrichtet Religion und Ethik und ist der Schulseelsorger der Paul-Ehrlich-Schule in Frankfurt am Main.