Die geheimnisvollen Kisten von der Praia Bela

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An denselben Stränden, an denen seit Wochen Öl angeschwemmt wird, werden schon seit einem Jahr seltsame Kisten an Land gespült. Stammen sie aus der Ladung eines deutschen Blockadebrechers, der 1944 versenkt wurde?

Bei einem Strandspaziergang an der Praia Bela (“schöner Strand”) im brasilianischen Bundesland Ceará im Juli stieß Carlos Teixeira auf eine seltsame Kiste. Von dem eigentümlichen Treibgut hatte er schon zuvor gehört. “Die Kisten tauchten seit Oktober 2018 im Nordosten Brasiliens, zwischen dem Norden des Bundesstaats Bahia und Maranhão auf”, so der Meeresforscher von der Bundesuniversität Ceará im Gespräch mit der DW. “Aber wir wussten nicht, wo sie herkamen.”

Man habe auf ein untergegangenes Schiff spekuliert, sei aber der Sache nicht weiter nachgegangen. Seit Oktober letzten Jahres seien insgesamt zwischen 200 und 300 dieser seltsamen Kisten angeschwemmt worden, schätzt Teixeira.

Ölklumpen am Strand: Betroffen sind die gleichen Küstenabschnitte

Das Interesse an dem Treibgut verstärkte sich, als Anfang September die ersten Ölklumpen an den Stränden im Nordosten Brasiliens angeschwemmt wurden. “Und dieses Öl tauchte in genau den gleichen Staaten auf. Ich habe zu meinen Kollegen gesagt, dass das kein Zufall sein kann.” Die Forscher begannen daraufhin, die angeschwemmte Ladung näher zu untersuchen. Es handelte sich um “crude rubber in bales”, also verpackte Kautschukballen. An einer der Kisten fanden sie den Schriftzug “French Indochina”. Da die französische Kolonie nur bis 1954 existierte, musste es sich also um noch älteres Frachtgut handeln.

Das tiefste Schiffswrack der Welt

Wenig später stieß Teixeira im Internet auf Informationen über den deutschen Blockadebrecher “Rio Grande”, der im Januar 1944 auf seiner Reise von Japan nach Europa vor der brasilianischen Küste von alliierten Schiffen aufgestöbert wurde. Unklar ist, ob die Besatzung das Schiff selbst versenkte, oder ob es von den Alliierten versenkt wurde. Sicher ist jedoch, dass das Schiff “crude rubber in bales” geladen hatte.

Heute kennt man die genaue Position des Wracks: Der Wrackforscher Davon Mearns hat es rund 540 Seemeilen vor der Hafenstadt Recife in 5762 Meter Tiefe entdeckt. Damit ist sie das tiefst gelegene jemals gefundene Wrack überhaupt. Teixeira kontaktierte Mearns, der ihm Unterwasseraufnahmen aus dem Laderaum des Wracks schickte. Darauf seien kistenförmige Objekte zu sehen, die den angeschwemmten Objekten ähneln.

Der Frachter “Rio Grande”: Rohkautschuk an Bord

Als nächster untersuchte Teixeira, ob die Ladung überhaupt in Richtung Brasilien geschwemmt werden konnte. “Dann habe ich eine numerische Modellierung durchgeführt, also Simulationen der Ausbreitung von Partikeln, ausgehend von der Position des Wracks. Und diese Partikel kamen an Punkten an der Nordostküste an. Das ließ uns glauben, dass das Wrack der Ursprung der Kisten war.” So war es für Teixeira nahelegend, eine Verbindung mit den seltsamen Ölklumpen herzustellen, die ebenfalls an jenen Punkten der nordöstlichen Küste angeschwemmt wurden.

“Zuerst haben wir uns gefragt, woher das Öl kommt. Und dieser Schiffbruch war eine der Hypothesen”, so Teixeira, dessen Theorie in der letzten Tagen von zahlreichen Medien veröffentlicht wurde. Doch mittlerweile schließt er eine Verbindung aus. “Wir sprachen jedoch mit anderen Kollegen und Leuten von (dem staatlichen Ölkonzern) Petrobras, und sie sagten, dass das gefundene Öl neues Öl sei. Wenn es Öl aus dem Schiffbruch wäre, müsste es mehr als 70 Jahre alt sein. Ausserdem ist das gefundene Öl Rohöl und kein Treibstoff”, konstatiert der Meeresforscher.

Weit entfernt von der Küste

Deshalb vertrete man inzwischen nicht mehr die Theorie, dass auch das Öl aus dem Wrack stammen könnte. Doch an seiner Strömungssimulation hält Teixeira fest. Angesichts der Verteilung des Öls entlang der Küste des Nordostens müsse die Quelle in der Region des Wracks der “Rio Grande” liegen. “Ich glaube, dieses Öl kam irgendwo vom Breitengrad des Staates Pernambuco, zwischen 500 und 1000 Kilometer von der Küste entfernt”, also in etwa dem Lageort des Wracks. “Ich glaube daran, weil es eine große Verbreitung gab. Wenn wir einen Ausgangspunkt in der Nähe der Küste hätten, würde das Öl nicht in so vielen Teilstaaten und zur gleichen Zeit ankommen.”

Kautschuk schwimmt oben: Eine der mysteriösen Kisten

Die Küstenpunkte, an denen das Öl innerhalb weniger Wochen angespült wurde, umfasst eine Linie von etwa 2000 Kilometern: “Das Öl ist weit weg von der Küste ins Meer gelangt.” Damit schließt Teixeira auch die Hypothese aus, dass das Öl aus einem Unfall in der Petrobras-Raffinerie Abreu e Lima im nordöstlichen Pernambuco, stammt. Dort war im August Öl ausgetreten. “Definitiv nicht. Die Strömung würde das Öl nicht von dort nach Norden bringen. Es muss aus einer weit vor der Küste liegenden Quelle stammen.”

Was nun mit den seltsamen Kisten passieren soll, die an den Stränden angeschwemmt werden – kommen sie ins Museum? “Einige Kisten wurden weggeworfen, andere blieben am Strand liegen. Aber niemand sagte etwas davon, sie in ein Museum zu stellen.” Schließlich würden die Behälter zwischen 80 und über 100 Kilogramm wiegen. “Die kann man nicht so einfach hin und her schleppen.”