“Fritzi – eine Wendewundergeschichte” kommt ins Kino

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Die kindgerechte Erzählung des Mauerfalls feiert ihren deutschen Kinostart. Der Film basiert auf dem Kinderbuch “Fritzi war dabei” von Hanna Schott. Im DW-Interview erzählt sie, wie es zu dem Buch kam.

Die Montagsdemonstrationen, die von der Leipziger Nikolaikirche ausgingen, leiteten das Ende der DDR ein und führten zum Fall der Mauer. Besonders die Demonstration vom 9. Oktober 1989 gilt als Wendepunkt der friedlichen Revolution. Leipzig feiert das 30-jährige Jubiläum dieses folgenreichen Tages mit zahlreichen Veranstaltungen. Am selben Tag startet “Fritzi – eine Wendewundergeschichte” in den deutschen Kinos. Der Animationsfilm der Regisseure Ralf Kukula und Matthias Bruhn beschäftigt sich auf kinderfreundliche Weise mit den Geschehnissen rund um den Mauerfall. Er erzählt in ruhig montierten Bildern und historisch akkuraten Abbildungen der Stadt Leipzig von dieser ereignisreichen Phase der deutschen Geschichte.

Im Mittelpunkt des Films steht die Freundschaft der beiden Viertklässlerinnen Fritzi und Sophie, die getrennt werden, als Sophie in den Sommerferien mit ihrer Mutter über Ungarn in den Westen flüchtet. Fritzi will Sophie wiedersehen und gerät nach und nach in die zunehmenden Proteste und Demonstrationen, die schließlich zum Fall der Mauer führen. Der Film basiert auf dem Kinderbuch “Fritzi war dabei: Eine Wendewundergeschichte” von der Autorin Hanna Schott, mit den Illustrationen von Gerda Raidt. Die DW hat mit Hanna Schott über ihr Buch gesprochen.

Fritzi (links) und ihre Freundin Sophie im Film

DW: Frau Schott, wie kam es überhaupt zu “Fritzi”? 

Hanna Schott: Monika Osberghaus, die später den Verlag “Klett Kinderbuch” in Leipzig gegründet hat, rief mich spontan im Januar 2009 an, als ihr aufgegangen war, dass es zu dem Thema Mauerfall für jüngere Kinder – also Kinder ab der 3., 4. Klasse – nichts gibt. Und da sie auch wusste, dass ich viel in der DDR gewesen war und dort Verwandtschaft hatte, bin ich ihr in den Sinn gekommen. 

Wie sind Sie das Buch angegangen?

Monika Osberghaus fragte in einem Artikel in der Leipziger Volkszeitung, wer 1989 Grundschüler war und damals in die 4. Klasse kam. Das war ja etwas Besonderes, denn man wurde dann Thälmann-Pionier (Die Pionierorganisation “Ernst Thälmann”, benannt nach dem ehemaligen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands, war in der DDR die politische Massenorganisation für Kinder, Anm. d. Red.). Darauf haben sich 60 Leute gemeldet, aber es war kein Material für eine Geschichte dabei. Dann habe ich gedacht, dass die Leute, die damals dabei waren, vielleicht einfach nicht mehr in Leipzig lebten oder die Zeitung lasen. Ich habe mit Pfarrer Christian Führer, dem Initiator der Montagsgebete und -demos, gesprochen. Und er hat mir Kontakte zu Menschen gegeben, die anfangs noch mit ihren Kindern zu den Demos gegangen waren. Dann habe ich diverse Gespräche geführt und habe daraus die Fritzi geklont. Diejenige, die am meisten Fritzi ist, lebt heute in Braunschweig. Im Unterschied zum Film habe ich nur Sachen ins Buch genommen, die mir Leute erzählt haben. 

Was hat Sie am Osten vor dem Fall der Mauer am meisten beeindruckt?

Ich habe mich immer gewundert, dass sich andere gar nicht dafür interessieren, dass da ein Land ist, wo man so einfach Kontakt haben kann, weil man dieselbe Sprache spricht, während man sich in Frankreich und England mühen muss, und dass es doch so anders ist, das fand ich schon sehr faszinierend. 

Und es war während meines Studiums doch noch recht post-68er-mäßig. Ich weiß noch, man musste am Schluss ja immer sein Ostgeld loswerden, und da hat man dann immer Schallplatten und Bücher gekauft, denn schön essen gehen konnte man nicht. Und in der Kneipe in Marburg wurde danach diskutiert, ob man die DDR-Bürger ihrer kulturellen Güter beraubt oder nicht. Wir hätten natürlich nie gedacht, dass daraus mal ein Land wird. Ich habe die Kontakte aber gehalten, weit übers Studium hinaus. 

Wie lief die Zusammenarbeit mit Illustratorin Gerda Raidt?

Fritzi war das erste Buch mit ihr. Sie ist in Ostberlin geboren und lebt in Leipzig. Das war inhaltlich auch sehr wichtig, denn wir standen unter großem Zeitdruck, es musste alles sehr flott gehen. Jedes Kapitel, das ich fertig hatte, habe ich Gerda Raidt geschickt und gefragt: “Stimmt das so”? Sie hat zum Beispiel gesagt, dass die Wandtafeln in der DDR eine ganz große Rolle spielten. Ich hatte die Lehrerin auch für ihren Geschmack zu positiv gezeichnet. Sie ist im Film dann wirklich karikiert, also viel strenger und verrückter als bei mir im Buch.                                                  

Was passierte, nachdem das Buch herauskam? 

Ich habe mit dem Buch viele, viele Lesungen gemacht. Es gab zum Beispiel eine Aktion von der Leipziger Volkszeitung (LVZ), “Zeitung in der Schule”, da bin ich zehn Tage lang von einem Mitarbeiter der LVZ kreuz und quer durch Sachsen gefahren worden. 

Bei den Leuten, die ich Anfang 2009 interviewt habe, habe ich mich anfangs immer entschuldigt, dass ich aus dem Westen komme, weil ich dachte, wer bin ich, dass ich die interviewe. Und die fanden es eigentlich klasse, weil sie sagten: “Hier interessiert sich doch keiner mehr dafür.” Man muss auch sagen, vor zehn Jahren war das auch ein bisschen anders als heute. Und sie sagten, sie fänden es ganz toll, dass ich das alles wissen wolle. In den Schulen habe ich schon sehr aufgeschlossene Leute erlebt. Aber auch Leute, die sagten: “Da kommt jemand und liest uns was vor aus unserer Vergangenheit.”

Die Montagsdemonstrationen im Film

Was haben Sie bei Ihren Lesungen mit den Kindern erlebt?

Vor zehn Jahren wussten die Kinder im Osten noch ein bisschen mehr als die Kinder im Westen. Das hat sich inzwischen nivelliert. Keiner weiß mehr irgendwas. Das Level des Nichtwissens ist jetzt gleich. Und ich sage mir, es ist okay, vielleicht ist es ja ein positives Zeichen. Die Kinder können sich nicht mehr vorstellen, dass es zwei Länder gab. 

Letzte Woche habe ich in Bad Oeynhausen vor Fünftklässlern gelesen, die keinen Schimmer hatten, dass es mal zwei Länder gab. Und eine dritte Klasse in Aachen war sich mal ganz sicher, dass früher Nord- und Süddeutschland voneinander getrennt waren. Und irgendwo bei Frankfurt muss die Grenze gewesen sein. Und dann habe ich die Kinder gefragt: “Weiß jemand, wie das eine Land hieß?” Und dann sagte jemand: “Ja, das war der NDR.” (Anm. d. Red.: kurz für Norddeutscher Rundfunk) 

 

Hanna Schott

Wie viel Einfluss hatten Sie darauf, was in den Film kommt und was nicht?

Rechtlich ist es so, dass der Vorlagengeberin das Drehbuch gezeigt werden muss, ich hatte ein Vetorecht. Eine Verfilmung ist immer weit weg von der Vorlage, ich kann mir ja nicht einbilden, dass aus meinem kleinen Buch, das mit Illustrationen knapp 100 Seiten hat, 90 Minuten Kino gemacht werden. Die müssen ja auch mächtig was dazu erfinden.

Ich hätte nur ein Veto eingelegt, wenn es wirklich gegen den Geist und den Sinn der Geschichte des Buchs gewesen wäre. So ist es ja nicht. Mir reicht es, wenn die Kinder hinterher zu Hause fragen: “Wie war das denn, erzählt doch mal.” Wenn es zum Gespräch kommt. 

Sind Sie mit dem Film zufrieden?

Ja, es war mir natürlich wichtig, dass auch vertraglich festgelegt ist, dass der Film “Fritzi” heißt. Sonst habe ich ja nichts mehr davon. Ich kann nur hoffen, dass das Leben des Buchs dadurch verlängert wird. Es sind jetzt auch viel mehr Lesungen als sonst, weil viele beides machen wollen, also den Film sehen und die Autorin kennenlernen. Es ist viel Aufmerksamkeit auf das Buch gelegt worden, was mich überrascht und freut. 

Was mögen Sie besonders an der Verfilmung? 

Ich finde vor allem ganz toll, welche Mühe sie sich gemacht haben, Leipzig wie es war darzustellen. Das ist ganz grandios gelungen, finde ich. Wobei ich den Film nur einmal gesehen habe bisher. Die kommende Premiere soll auch für mich die Premiere sein. 

Historisch akkurat: Leipzig im Film

War es Ihnen mit diesem Buch auch ein Anliegen, Verständnis zu schaffen?

Mein Publikum sind ja relativ kleine Kinder. Die haben jetzt drei bis vier Schuljahre hinter sich. Die werden in den kommenden Jahren noch das ganze Elend der deutschen Geschichte lernen müssen. Und ich finde, die Wiedervereinigung ist einfach die schönste Geschichte aus der deutschen Geschichte. Ich finde es gut, dass die Filmemacher den Untertitel übernommen haben, “eine Wendewundergeschichte”. Da sind schon einige Sachen passiert, die sind unglaublich gewesen. Wenn das fiktional gewesen wäre, würde man sagen, das ist sehr weit hergeholt. Es geht nicht immer von A nach B, sondern es gibt auch Verrücktheiten, positive Verrücktheiten in der Geschichte. Ich reise immer noch gern mit dem Buch herum. Weil es klasse ist, den Kindern ein nicht konstruiertes Happy End erzählen zu dürfen. 

“Fritzi war dabei: Eine Wendewundergeschichte” von der Autorin Hanna Schott, mit den Illustrationen von Gerda Raidt, Klett Kinderbuch 2009, 96 Seiten. 

Der Film “Fritzi – eine Wendewundergeschichte” von Ralf Kukula und Matthias Bruhn kommt am 09.10. in die Kinos. 

Das Interview führte Philipp Jedicke.