SISA – Griechische Modedroge zwischen Mythos und Tabu

0
46

Als griechisches Chrystal Meth hat die Droge Sisa internationale Bekanntheit erlangt. Für die Konsumenten spielt das keine Rolle. Sie sind die Opfer einer Tabugesellschaft.

Auf der Aristoteles-Straße in Thessaloniki steht die Statue des ehemaligen griechischen Premierministers Eleftherios Venizelos. Er gilt als Gründer des neuen Griechenlands: christlich, frei und moderner Vertreter der antiken Vorfahren.

Hier, im Schatten seiner Statue aber ist wenig zu spüren vom hellenistischen Nationalstolz. Es ist der Sammelplatz der “Petameni”, der “Weggeworfenen”, wie man sie nennt; verarmte Alkoholiker und Drogensüchtige, oft ohne festen Wohnsitz. 

Mehr dazu: Crystal Meth: Eine verhängnisvolle Leistungsdroge?

Chrystal Meth ist schon für sich eine stark zerstörende Droge. Gepanscht wird sie zur Todesfalle.

Insider wissen: Hier befindet sich einer der Hauptumschlagplätze für eine Substanz, die unter der Bezeichnung “Sisa” bekannt ist und als griechisches Chrystal Meth inzwischen internationale Bekanntheit erlangt hat.

Keine griechische Erfindung

Nur einen Steinwurf entfernt befindet sich die Praxis des Psychiaters Kleanthis Grivas. Er gilt als Experte in Fragen Sucht und Drogen, beides Dinge, die in Griechenland gern tabuisiert werden.

Gerade Thessaloniki gilt als konservativ und verschlossen, wenn es um heikle Themen geht. Auch deswegen behaupten die meisten, dass man hier mit dem berüchtigten Sisa keine Probleme habe. Das, so die weit verbreitete Meinung, sei eine Athener Angelegenheit.

Darüber kann Grivas nur lachen. Überhaupt könnte für ihn der Umgangmit dem Phänomen Sisa in seinem Land kaum schlechter sein.

Das finge schon beim Namen an: Das Wort Sisa stammt aus dem Arabischen. Dort, sowie in vielen südosteuropäischen Sprachen bedeutet es “Flasche” – oder auch “Wasserpfeife”.

“Diese Etikette gefällt mir nicht. Das führt nur zur Verwirrung. Besser man sagt, wie es ist: gestrecktes Methamphetamin.” Das trifft es wohl am ehesten. Gestreckt wird mit allem, was man sich vorstellen kann, Chlor, Alkohol, Batteriesäure. Das drückt den Preis: Nur zwei bis drei Euro kostet eine Dosis auf den Straßen Thessalonikis.

Auch, dass Sisa eine griechische Erfindung sei, hält Grivas für einen mediengemachten Mythos: “Die Frage ist doch, wo der eigentliche Wirkstoff produziert wird, also das Methamphetamin.” Und das käme aus dem Ausland. In Griechenland würde es in Garagenlabors dann einfach gestreckt. 

Mehr dazu: Europäischer Drogenbericht 2016: Online-Markt boomt

Armut und Hoffnungslosigkeit bereiten den Markt für billige und dreckige Drogen.

Am Ende der Leiter

Den Konsumenten dürfte das egal sein. Selbst die fatalen körperlichen Nebenwirkungen scheint sie nicht zu kümmern. Die Droge wirkt schnell, lässt aber auch schnell an Wirkung nach.

So sind die Süchtigen ständig auf der Suche, am Venizelos-Denkmal oder in den dunklen Gassen rund um den Bahnhof, im Bezirk Vardaris. Vardaris ist ein Ort, der wenig zu tun hat mit dem nationalstolzen Selbstbild der Griechen. Statdessen herrscht dort Prostitution, auch durch Transsexuelle, Drogen, soziale Armut.

Süchtige gehören hier zum gewohnten Bild und fallen kaum auf. Bei harten Sisa-Konsumenten ist das anders. Die Nebenwirkungen des gestreckten Methamphetamins lassen die Konsumenten in kürzester Zeit altern.

Auch deswegen heben sie sich von den gewohnten Heroinsüchtigen oder Alkoholikern ab: Eingefallene Gesichtszüge, zerstörte Gebisse, skelettartige Körper.

“Sisa ist der letzte Schritt in der Karriere eines Drogensüchtigen”, erklärt Damianos Douitsis. Er selbst war jahrelang alkohol- und substanzabhängig und leitet inzwischen die private Suchthilfe OASIS im Zentrum von Thessaloniki. Hier werden  Betroffene von ehemals Süchtigen psychologisch betreut.

Sisa-Konsumenten aber wenden sich kaum an ihn und seine Einrichtung. Die meisten hätten den Kampf gegen die Sucht lange aufgegeben: “Menschen, die mit Sisa in Kontakt kommen, sind keine Neulinge in der Welt der Substanzen”, erklärt Douitsis. Ihre Vorgeschichte umfasse Marihuana, Pillen und Alkohol.

Viele der Sisa-User hätten auch schon eine Heroinkarriere hinter sich und könnten sich den Stoff nicht mehr leisten. “Das sind Menschen, die alles nehmen, was ihnen einen Kick gibt. Sie kaufen, was auch immer ihnen auf der Straße angeboten wird.” 

Mehr dazu: Tödliches Verlangen: Die Droge “Crystal Meth”

Hilfsangebote für Drogenabhängige, wie dieser Versorgungsbus in Athen, erreichen nur wenige Betroffene.

Staatliche Hilfe unzureichend

Douitsis weiß aus eigener Erfahrung, wie die Situation für Süchtige in seinem Land ist: “Als ich abhängig war, habe ich irgendwann nach Hilfe gesucht. Ich war bei Psychiatern und in den Einrichtungen, die es damals gab. Aber dort habe ich keine Lösung gefunden.” Man habe nur auf die körperlichen Seiten der Sucht geschaut, nicht aber auf die psychologischen. 

Trotz der vielen Therapiemöglichkeiten, die seitdem entwickelt wurden, habe sich von Seiten des griechischen Staates kaum etwas getan. Dieser halte das Monopol auf Suchtbehandlung und lasse privaten Initiativen wie OASIS kaum Möglichkeiten, mit neuen Therapieformen Einfluss auf das System zu nehmen.

Wenn Politiker sich interessiert zeigten, dann sei dies vor allem im Rahmen von Wahlkampfveranstaltungen und Fototerminen. Probleme angehen und Tabus brechen? Fehlanzeige.

Kleanthis Grivas kann dem nur zustimmen: “Wirklich gute Hilfe findet man hier nicht. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Griechenland keine Institutionen oder Stiftungen, die sich mit diesem Thema beschäftigen.”

Hinzukommt die bürokratische Mentalität, nicht nur im Gesundheitswesen, sondern überall im Land. “Wenn man hier an den entsprechenden Stellen nach Hilfe fragt, wird man sie meistens nicht bekommen, auch wenn es sie gibt. Dazu fehlt den öffentlichen Angestellten einfach die Laune.” Und im Gesundheitssystem würden Menschen, die mit Suchtproblemen kämen, wie Menschen zweiter Klasse behandelt. 

Mehr dazu: Wie gefährlich sind welche Drogen wirklich?

Video ansehen 42:36 Teilen

Süchtig nach Schmerzmitteln

Versenden Facebook Twitter google+ Tumblr VZ Xing Newsvine Digg

Permalink https://p.dw.com/p/3OdcY

Süchtig nach Schmerzmitteln

Perspektivlosigkeit nach der Wirtschaftskrise

Im Griechenland der Postkrise – der Ära nach der Schuldenkrise – sind Drogen voll im Trend, gerade in gepantschter Form. Die Wirtschaftskrise hat das Land in einem desaströsen Zustand hinterlassen. Die Perspektivlosigkeit lässt gerade junge Menschen immer öfter in die Suchtspirale gleiten.

Zwar ist die Jugendarbeitslosigkeit gesunken. Doch die Gehälter sind mickrig. Oft reicht es bei einer Vollzeitstelle nicht einmal für eine eigene Wohnung. Die Existenzangst einer von Unsicherheit bestimmten Gegenwart ist dem stillen Einverständnis darüber gewichen, dass die Zukunft nichts Gutes mit sich bringen wird.

Damianos Douitsis hat dafür Verständnis. Zwar weiß er als ehemaliger Süchtiger, dass es im Endeffekt darum geht, für sich Verantwortung zu übernehmen, um die Krankheit zu überwinden.

Trotzdem wünscht er sich einen offeneren Umgang mit dem Thema, gerade von Seiten des Staates: “Die Entscheidungsträger müssen sich darüber klar werden, wo das eigentliche Problem liegt. Wenn man hier als Süchtiger nur ermahnende Worte hört oder ausgelacht wird, dann ist das keine Lösung. Und wenn man Süchtigen, die kein Maß kennen, sagt, hör mit den Drogen und trink lieber gemäßigt Alkohol, dann zeigt das, dass man nicht verstanden hat, worum es eigentlich geht.”

So steht für Douitsis fest: Solange die eigentlichen Probleme tabuisiert würden, gibt es auch immer Platz für Substanzen wie Sisa. 

Mehr dazu: “Legal Highs” – gefährlicher Rausch aus dem Internet


  • Ecstasy, Crystal, Heroin: Drogenküche Deutschland

    Deutscher Drogenangriff

    Bei den Feldzügen in Polen 1939 und in Frankreich 1940 schickte Hitler chemisch aufgeputschte Soldaten in den Kampf. Allein beim Frankreich-Feldzug sollen 35 Millionen Pillen von Pervitin an die kämpfende Truppe verabreicht worden sein. Das Mittel – ein Methamphetamin – hatte den den Namen “Panzerschokolade” oder auch “Herman-Göring-Pillen”. Allerdings: Auch die Alliierten dopten ihre Soldaten.


  • Ecstasy, Crystal, Heroin: Drogenküche Deutschland

    Wach, furchtlos, keinen Hunger

    Das Wundermittel der deutschen Wehrmacht hatte ein Japaner erstmals in flüssiger Form hergestellt. Chemiker der Berliner Temmler-Werke entwickelten es fort und meldeten 1937 ein Patent an – ein Jahr später ging es als Arzneimittel in den Handel. Das Mittel vertrieb Müdigkeit, Hunger, Durst und Angst. Heute wird Pervitin illegal unter einem neuen Namen verkauft: Crystal Meth.


  • Ecstasy, Crystal, Heroin: Drogenküche Deutschland

    Selbst sein bester Kunde?

    Historiker streiten sich, ob auch Adolf Hitler der Pervitinsucht verfallen war. In den Betreuungsakten seines Leibarztes Theo Morell taucht auffallend häufig ein X auf. Für was dieser Eintrag steht, ist bis heute unklar. Als gesichtert gilt, dass Hitler sehr starke Mittel verabreicht bekam – die meisten wohl fernab heutiger Betäubungsmittelvorschriften.


  • Ecstasy, Crystal, Heroin: Drogenküche Deutschland

    Wundermittel Heroin

    Der Erfindergeist deutscher Drogenköche begann allerdings deutlich früher. “Kein Husten mehr dank Heroin”, so lautete Ende des 19. Jahrhunderts der Werbeslogan des heutigen Weltkonzerns Bayer für seinen Verkaufsschlager. Schon bald wird Heroin bei Epilepsie, Asthma, Schizophrenie und Herzerkrankungen verschrieben – auch bei Kindern. Als Nebenwirkung gab Bayer Verstopfung an.


  • Ecstasy, Crystal, Heroin: Drogenküche Deutschland

    Kreative Chemiker

    Felix Hoffmann wird vor allem für die Erfindung von Aspirin gefeiert. Seine zweite bahnbrechende Leistung gelang ihm eher nebenbei, als er mit Essigsäure experimentierte. Anders als bei Aspirin kombinierte der Chemiker die Säure mit Morphin, dem getrocknete Saft von Schlafmohn. Sein Produkt sollte den Deutschen bis 1971 legal erhalten bleiben – erst dann wurde Heroin verboten.


  • Ecstasy, Crystal, Heroin: Drogenküche Deutschland

    Kokain für Augenärzte

    Der Darmstädter Konzern Merck produzierte bereits ab 1862 Kokain im großen Stil als lokales Betäubungsmittel für Augenärzte. Vorausgegangen waren Experimente des Forschers Albert Niemann mit Cocablättern aus Südamerika. Der Chemiker isolierte ein besonderes Alkaloid, das er Kokain nannte. Niemann starb kurz nach seiner Entdeckung – allerdings an einem Lungenproblem.


  • Ecstasy, Crystal, Heroin: Drogenküche Deutschland

    “Euphorisch und arbeitsfähig”

    Der für die Psychoanalyse bekannte Neurologe Sigmund Freud konsumierte Kokain für wissenschaftliche Zwecke. In seinen “Schriften über Kokain” beschrieb Freud den Stoff als unbedenklich. Man fühle sich “euphorisch, lebenskräftig, arbeitsfähig”. Seine Begeisterung ließ nach dem Drogentod eines Freundes nach. Das Mittel wird zu diesem Zeitpunkt auch bei Kopf- und Magenschmerzen verschrieben.


  • Ecstasy, Crystal, Heroin: Drogenküche Deutschland

    Vergessenes Ecstasy-Patent

    Der US-Chemiker Alexander Shulgin gilt als Erfinder von Ecstasy als Partydroge. Er ist aber nur der Wiederentdecker. Die ursprüngliche Brauanleitung der bunten Pillen stammt vom Pharmakonzern Merck. 1912 beantragte das Unternehmen das Patent für ein farbloses Öl mit dem Namen 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin – kurz MDMA. Die Substanz stuften die Chemiker damals als kommerziell wertlos ein.


  • Ecstasy, Crystal, Heroin: Drogenküche Deutschland

    Langer Schatten

    Der Entdeckerdrang deutscher Chemiker wirkt – unbeabsichtigt – bis heute nach. Die Vereinten Nationen schätzen, dass im Jahr 2013 weltweit knapp 190.000 Menschen durch den Konsum illegaler Drogen starben. Für die legale Droge Alkohol sieht die Bilanz noch schlechter aus: Die WHO schätzt für 2012, dass 5,9 % aller Todesfälle auf Alkoholkonsum zurück geführt werden können, rund 3,3 Millionen.

    Autorin/Autor: Nicolas Martin