Deutscher Buchpreis: Shortlist 2019 feiert den Nachwuchs

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Drei Bücher von Frauen, drei von Männern. Die sechs Titel auf der Shortlist sind gut ausbalanciert. Die Romane sind aber vor allem eines: jung und sehr zeitgenössisch.

Mit dem Deutschen Buchpreis zeichnet die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels den deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Der Preisträger erhält 25.000 Euro. Um den Preis hatten sich 203 Titel beworben, die zwischen Oktober 2018 und dem 17. September 2019 erschienen sind. Hier sind die sechs Titel der Shortlist 2019:

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land

Das Loch war von unbekannter Tiefe, Verästelungen und Feuchtigkeit. Es zog sich wie ein unterirdisches Myzel unter den Bergkuppen und Siedlungen durch, brach in Röhrchen und Netzen an die Oberfläche und schob kontinentaldriftartig das nervöse Erdreich zu grobkörnig atmenden Halden zusammen, unter denen der faulige, pilznetzige Verfallsprozess sich eingenistet hatte.

Dieses Buch ist die Ausnahme auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises: Während die anderen Titel vergleichsweise herkömmlich und fiktiv vom echten Leben erzählen, ist “Das flüssige Land” ein einziger surrealer Albtraum. Es geht um eine Kleinstadt, deren Zentrum, der Marktplatz, in ein Loch versinkt und die Umgebung nach und nach mit in die Tiefe reißt. Groß-Einland, so heißt der Ort, sinkt immer mehr ab, was die hochbegabte Physikerin Ruth vor ein nahezu unlösbares Problem stellt. Ihre bei einem Unfall umgekommenen Eltern haben verfügt, im Ort ihrer Kindheit begraben zu werden. Doch der Ort ist nicht zu finden, er verbirgt sich. Eine einflussreiche Gräfin beherrscht die Erinnerungen einer ganzen Gemeinde. Die Bewohner von Groß-Einland sprechen nicht über das Loch. Die Geschichte ist nicht zu entschlüsseln.

Die 1990 in Wien geborene Raphaela Edelbauer hat einen österreichischen Anti-Heimatroman auf den Spuren Elfriede Jelineks geschrieben. Verdrängte Vergangenheit rumort im Untergrund, die “Loch”-Metapher macht menschliche Abgründe sichtbar. Der Roman ist auch für den Österreichischen Buchpreis 2019 nominiert.

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land, Verlag Klett-Cotta 2019, 350 Seiten

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi

“Kintsugi” ist das japanische Wort für die Kunst, zerbrochene Keramik mit hauchdünnem Gold wieder zusammenzufügen. Die Gefäße werden dadurch nur noch wertvoller.

Miku – diesen japanophilen Namenszusatz hat sie sich selber ausgedacht – Sophie Kühmel hat ihren Roman als “Kammerspiel” inszeniert, wie sie sagt. Vier Personen, ein Haus am See, ein Wochenende. Wechselnde Perspektiven, wechselnde Formen – einige Kapitel bestehen aus Dialogen und Regieanweisungen wie fürs Theater -, getaktete Zeitabläufe. Sie sind seit genau zwanzig Jahren ein Paar, der Künstler Reik und der Uni-Professor Max. In aller Ruhe wollen sie ihre Liebe feiern. Eingeladen sind nur ihr ältester Freund Tonio und seine Tochter Pega, die so alt ist wie die Beziehung von Max und Reik.

Die erst 27-jährige Autorin erzählt rasant von Beziehungen, von Sex und dem Wachsen der Liebe, von gemeinsamer Geschichte und Projektionen. Sie taucht tief in das Innenleben ihrer schwulen Protagonisten, fördert Risse zutage, beschwört die klirrende Atmosphäre des Vorfrühlings am See herauf, erzählt von Pegas jugendlichen Unsicherheiten und einer wirren Verliebtheit. Schönheit ist nicht in der Perfektion zu finden, das lehrt die Tradition des Kintsugi, sondern im liebevollen Umgang mit Brüchen und Versehrtheiten. Doch lässt sich eine bereits geflickte Teeschale ein zweites Mal goldkitten?

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi, S. Fischer Verlag 2019, 304 Seiten

Tonio Schachinger: Nicht wie ihr

Was die Leute nicht verstehen, die Trottel, die sagen, Ivo hätte zu viel an andere Sachen gedacht und so seine Karriere beschädigt, ist, dass manche einfach an zwei Sachen, sogar an zwei Menschen gleichzeitig denken können. Oder gar nicht denken, aber halt eine Sache machen und an eine andere denken. Das Eine liegt ja eh genau vor Ivo. Dem Anderen, der Anderen, den unsichtbaren Linien muss der Körper nur folgen wie einstudierten Laufwegen.

Ivo hasst es, wenn seine Kollegen so tun, als spielten sie Fußball nur aus Leidenschaft. Er selber ist ein Profi, der weiß, wieviel er trainieren muss, um einer der bestbezahlten Fußballer der Welt zu bleiben. Er ist cool und attraktiv, verdient 100.000 Euro in der Woche, fährt einen Bugatti, hat eine Ehefrau und zwei Kinder, die er über alles liebt. Doch dann taucht auf einmal seine Jugendliebe Mirna auf und bringt das Konstrukt aus Ehrgeiz und Langeweile ins Wanken.

Auch der österreichische Autor Tonio Schachinger ist erst siebenundzwanzig, 1992 in Neu-Dehli geboren. Sein rotziger Debütroman erzählt voller Witz und gespickt mit Wiener Milieusprache aus der Welt des hochkapitalistischen Profifußballs.

Tonio Schachinger: Nicht wie ihr, Verlag Kremayr & Scheriau 2019, 304 S.

Norbert Scheuer: Winterbienen

“Soldaten stehen im Garten, schießen auf das Bienenhaus. Ich stelle sie zur Rede: Warum denn meine unschuldigen Bienen, sie würden doch jetzt alle im Frost erfrieren. Sie schießen einfach weiter auf meine Völker, bis das Bienenhaus in sich zusammenfällt; dann dreht sich einer zu mir um, drückt mir ruhig die Pistolenmündung an die Stirn und schreit, ich solle verschwinden.”

Der Autor Norbert Scheuer lebt in einer kargen Region im Westen Deutschlands, im Bergland der Eifel. Hier leben auch seine Protagonisten. In “Winterbienen” ist es ein frühzeitig aus dem Schuldienst entlassener Latein- und Geschichtslehrer. Egidius Arimond ist Epileptiker, was ihm den Kriegsdienst ersparte, und Imker. Während 1944 über der Eifel schon britische und amerikanische Bomber kreisen, bringt er Juden in präparierten Bienenstöcken ins besetzte Belgien – und sich selbst in höchste Gefahr.

Er berichtet von seinen Fluchthelfergeschichten und von der Gefahr, als kranker, von den Nazis als wertlos betrachteter Mensch jederzeit abgeholt werden zu können, in einem Tagebuch. Das in einem Bienenkorb versteckte Manuskript wird später gefunden.

Norbert Scheuer, geboren 1951, schreibt über Existenzen in diktatorischen Regimen, er erzählt von Zerstörung und der Sehnsucht nach einer friedlichen Zukunft. Scheuer arbeitet mit großer erzählerischer Rafinesse. Sein Roman gibt sich einen wissenschaftlichen Anstrich mit einem Epistel über die Geschichte der Bienenzucht in einem Eifelkloster, einem lateinischen Glossar und Anmerkungen.

Schon Scheuers Roman “Überm Rauschen” stand 2009 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und war 2010 “Buch für die Stadt Köln”.  

Norbert Scheuer: Winterbienen, Verlag C.H. Beck 2019, 319 Seiten

Saša Stanišić: Herkunft

“Gestern habe ich das vierte Buch beendet” ließ Saša Stanišić am 9. Januar dieses Jahres auf Twitter verlauten. “Ich schrieb und recherchierte und dachte nach, ziemlich genau zwei Jahre. Das Buch heißt HERKUNFT. Es hat 335 Seiten und 467.757 Zeichen. Es ist ein Selbstporträt mit Ahnen. Und ein Scheitern des Selbstportraits.”

Stanišić, der 1978 in Višegrad (Jugoslawien) geboren wurde und seit 1992 in Deutschland lebt, besuchte im Frühjahr 2009 mit seiner Großmutter das 13-Seelen-Dorf Oskoruša in den bosnischen Bergen, der Heimat seiner Vorfahren. “Herkunft” hat viel mit dieser Reise zu tun, sie war für ihn der erste Anstoß, sich mit seiner Abstammung zu beschäftigen.

Entstanden ist ein Buch mit einem bunten, schrägen Personal, eines über den Zufall der Biografie, über Sprache, Jugendsommer, Erinnerungen – und verlöschende Erinnerungen. Während Stanišić daran schrieb, erfuhr er vom Tod seiner an Demenz erkrankten Großmutter. “Im Buch lebt sie weiter. Ich trage sie so durch die Nacht. Trage sie zu ihrer eigenen Beerdigung und muss sie auch noch mal sterben lassen, auf dem Papier. Nichts wird der Güte dieser Frau gerecht, kein Wort kann so lebendig sein, wie sie es mal war.”

Schon für seinen in mehr als 30 Sprachen übersetzter Debütroman “Wie der Soldat das Grammofon repariert” diente das echte Leben als Folie. Seine Twittereinträge beendet er an jenem Tag mit der Bemerkung: “Ein persönlicheres Buch werde ich nicht mehr schreiben können. Heute ist der 9. Januar 2019 und ich bin sehr müde und sehr froh.”

Saša Stanišić: Herkunft, Luchterhand Verlag 2019, 368 Seiten

Jackie Thomae: Brüder

Sie wissen es nicht, dass sie Brüder sind. Jedenfalls Halbbrüder, beide dunkelhäutig, beide im selben Jahr, 1970, in der DDR geboren. Der eine in Leipzig, der andere in Berlin. Mick, der Berliner, lebt als Hasardeur, schlägt sich durch die wilden Nächte der neunziger Jahre, später im eigenen Club. Bis zu einem Unfall, nach dem er alles verliert. Die Frau, die er jahrelang betrogen hat, seinen Anteil am Club, seine deutsche Existenz.

Das Leben des Anderen, Gabriel, könnte kaum unterschiedlicher sein. Er ist erfolgreicher Architekt in London, Familienvater. Doch auch seine Existenz bricht zusammen, als er bei einem Zwischenfall die Nerven verliert. Ein prominenter Mann wird plötzlich zum Außenseiter.

Die beiden Brüder verbindet nichts als die Hautfarbe. Doch welche Rolle spielt die Hautfarbe, wie bestimmt sie unsere Identität, wie wir in unterschiedlichen Umgebungen wahrgenommen werden? Auf diese Fragen ist Jackie Thomae, 1972 in Halle an der Saale geboren, immer wieder gestoßen. Denn die Journalistin und Fernsehautorin hat die dieselbe Hautfarbe wie ihre Protagonisten. Auch Jackie Thomaes Buch stellt die Frage nach der Herkunft – und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft.

Jackie Thomae: Brüder, Hanser Berlin 2019, 432 Seiten