30 Jahre Mauerfall: “Die Zeit war reif”

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Deutschland feiert die friedliche Revolution in der DDR 1989. Zum Auftakt erinnern Bürgerrechtler an die spannenden Monate bis zur Wiedervereinigung, an die im ersten Moment kaum jemand dachte.

Gruppenbild mit DDR-Bürgerrechtlern: mittendrin Rainer Eppelmann und Markus Meckel (4.u.5. v.l. in der ersten Reihe)

Der letzte DDR-Außenminister ist gekommen und auch der letzte Verteidigungsminister des 1990 von der weltpolitischen Landkarte verschwundenen kleinen Landes. Nach der deutschen Wiedervereinigung spielten Markus Meckel und Rainer Eppelmann keine große Rolle mehr auf der großen Politik-Bühne. Ihr Schicksal teilen sie mit den allermeisten Bürgerrechtlern, die sich mutig dem kommunistischen DDR-Regime in den Weg stellten – oft schon lange vor dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989.

Um diese entscheidenden Wochen und Monate geht es diese Woche beim Wiedersehen der damaligen Akteure in Berlin. Das Treffen bildet den Auftakt zum Jubiläumsprogramm “30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit”. Damit will die Bundesregierung auf zahlreichen Veranstaltungen bis zum 3. Oktober 2020 den Mut und Freiheitswillen der Ostdeutschen würdigen. Für den Aufbruch in eine ungewisse Zukunft stehen stellvertretend die früheren Bürgerrechtler.

Der zentrale Runde Tisch mit Bürgerrechtlern und Vertretern des alten DDR-Regimes war in Wirklichkeit viereckig

“Die Zeit war reif”, lautet das Motto des historischen Rückblicks: reif für Veränderungen in der DDR, in der noch niemand an eine Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik dachte. Am zentralen Runden Tisch, der von Dezember 1989 bis März 1990 tagte, ging es vor allem um eine neue demokratische Verfassung, freie Wahlen – und die Auflösung der Stasi. Denn die Angst vor der DDR-Geheimpolizei mit der verschleiernden Bezeichnung “Ministerium für Staatssicherheit” (MfS) war nach wie vor groß.

18. März 1990: die ersten und einzigen freien Wahlen in der DDR

Rainer Eppelmann erinnert sich: Bei der siebten von 16 Sitzungen des Runden Tisches platzte am 15. Januar 1990 die Nachricht rein, die Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße sei gestürmt worden. So wollten Bürgerrechtler verhindern, dass die Akten vernichtet werden. “Keine Gewalt!” – wieder machte sich dieser Gedanke breit. Es war die Angst vor einem Blutbad, in dem die friedliche Revolution doch noch enden könnte.

Kurz vor der deutschen Einheit konnten die DDR-Bürger ihr Parlament, Volkskammer genannt, erstmals frei wählen

Doch es fiel kein einziger Schuss, die Stasi wurde tatsächlich aufgelöst. Am 18. März 1990 durften die DDR-Bürger – 41 Jahre nach der Gründung ihres diktatorischen Staates – erstmals frei wählen. Das Rennen machte mit überwältigender Mehrheit die “Allianz für Deutschland”. Das Bündnis wurde von den DDR-Christdemokraten (CDU) angeführt, die seit 1949 Teil der sogenannten Volksfront waren und der Regierung einen demokratischen Anschein verleihen sollten.

Eppelmann: “Die meisten wollten keine andere DDR”

Nach dem Mauerfall traf die CDU den Nerv der Ostdeutschen, die mehrheitlich eine schnelle Wiedervereinigung wollten. Diesen Kurswechsel unterstützte dann auch der vom Bürgerrechtler Eppelmann mitgegründete Demokratische Aufbruch (DA). “Die meisten wollten keine andere DDR”, sagt der inzwischen 76-Jährige im Schloss Niederschönhausen, dort, wo die meisten Sitzungen des zentralen Runden Tisches stattfanden.

Was Markus Meckel über Helmut Kohl denkt

Die “Allianz für Deutschland” bildete dann eine Regierung mit dem Bund Freier Demokraten (BFD) und der – unter anderem von Markus Meckel – 1989 in der DDR wiederbelebten Sozialdemokratischen Partei Deutschland (SPD). Meckel und Eppelmann waren zwei prägende Figuren der friedlichen Revolution, sie gehörten für sechs Monate der letzten DDR-Regierung an.

DDR-Außenminister Markus Meckel (3.v.l.) mit seinen Amtskollegen, die 1990 den Zwei-plus-Vier-Vertrag aushandelten

Außenminister Meckel war in dieser kurzen Zeit an den Verhandlungen über den Zwei-Plus-Vier-Vertrag beteiligt, mit dem die deutsche Wiedervereinigung besiegelt wurde. Noch heute wehrt er sich gegen die weit verbreitete Lesart, allein der westdeutsche Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) habe die deutsche Einheit mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs herbeigeführt. “Das waren zwei souveräne Regierungen, die das ausgehandelt haben”, betont Meckel.

Am Ende beschloss das DDR-Parlament, die sogenannte Volkskammer, der Bundesrepublik Deutschland beizutreten. Auf die gemeinsame Ausarbeitung einer neuen deutschen Verfassung wurde verzichtet. Deshalb sprechen Kritiker des Einigungsvertrages auch 30 Jahre nach dem historischen Ereignis von einem “Anschluss” der DDR, der nicht auf Augenhöhe stattgefunden habe. Es ist ein Grund dafür, dass sich vor allem ältere Ost- und Westdeutsche teilweise noch immer fremd sind. Auch Rainer Eppelmann, der eine schnelle Wiedervereinigung befürwortete, sagt rückblickend: “Wir haben viel zu wenig geredet.”