Kirill Petrenko startet bei den Berliner Philharmonikern

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Er ist heiß begehrt: Kirill Petrenko, der in Russland geborene Dirigent, übernimmt Simon Rattles Nachfolge bei den Berliner Philharmonikern. Mit Beethovens “Neunter” legt er los.

Vor 13 Jahren, im Frühling 2006, spazierte ich mit Kirill Petrenko durch Berlin, nach einem “Don Giovanni” an der Komischen Oper. Wir waren beide gleich alt und beide in Russland geboren. Es war spät, aber mein Gesprächspartner hatte ausreichend Zeit für ein Interview, obwohl er kurz zuvor einen fulminanten Mozartabend dirigiert hatte. Wir sprachen Russisch. “Musik ist nicht zum Spaß da”, sagte er unter anderem, “sondern dazu, dass wir ständig an uns arbeiten, auch das Tragische am Leben erkennen und dadurch womöglich bessere Menschen werden.” Die Musik sei schlussendlich die höchste Form der Menschlichkeit, so Petrenko.

“Ich will nie wieder ein Opernhaus leiten, man vergeudet viel zu viel Zeit mit dem administrativen Kram, das geht auf Kosten der Musik”, beteuerte er, bevor wir uns verabschiedeten. Und: Man werde sich sicherlich bald zu einem größeren Interview treffen, das sei ja ein so nettes Gespräch gewesen. Beide Versprechen hielt er nicht: 2013 wurde Petrenko Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper und Interviews gab der “große Schweigsame” der Musikwelt zunächst immer seltener und schließlich so gut wie gar nicht mehr. “Der Maestro will sich einzig auf seine Tätigkeit als Dirigent konzentrieren”, heißt es stets zur Begründung. 

Der Perfektionist mit Herz und Verstand

Und das tut Petrenko tatsächlich: Ob in seinen Münchener Dirigaten oder in Bayreuth, wo er mit seiner “Ring”-Interpretation dem kriselnden Festival für eine Weile neuen Glanz verlieh und die Wagner-Fans in einen Glückstaumel versetzte. Die Sänger auf dem Grünen Hügel schwärmten von seinem selbstlosen Perfektionismus, stöhnten aber auch schon mal, dass der Maestro fast zu penibel sei. Stundenlang studierte Petrenko Wagners Partitur im Original, bei ihm muss jedes Sechzehntel aufs Genaueste sitzen. Vor allem aber beim Orchesterklang bewies Petrenko seine wahre Stärke: analytische Transparenz und Struktur mit einer bisweilen überwältigenden, emotionalen Wucht zu verbinden. Werktreue ist für Petrenko nie Selbstzweck, sondern immer ein Weg.

Der Perfektionist: Kirill Petrenko

“Sibirjak” mit Wiener Schule

Kirill Petrenko ist im sibirischen Omsk geboren. An seine Kindheit in der frostigen Stadt denkt er gern zurück, besonders ans Eishockey-Spielen, das dort von Oktober bis März im eigenen Hof möglich war. Dort wird das Musikerkind erst von seinen Eltern unterrichtet und kommt auch in den Genuss des vorzüglichen russischen Ausbildungssystems. Sommerurlaub verbringt er aber immer wieder in Lwiw, der westukrainischen Metropole, bei seinen Großeltern. Als kleine Hommage an die Ukraine wäre vielleicht zu deuten, dass er die junge westukrainische Dirigentin Oksana Lyniv zu seiner Assistentin in München macht und damit der damaligen Chefin des Opernhauses von Odessa einen Weg zur großen internationalen Karriere eröffnet.

Mit 11 Jahren debütiert Petrenko als Pianist, begleitet von den Omsker Symphonikern. Kirill ist 18, als die Perestroika beginnt und seine Eltern wie Tausende von Kulturschaffenden in Russland um ihre Existenz fürchten müssen. Sein Vater Gari Petrenko, ein vorzüglicher Violinist und Dirigent, bekommt eine Stelle im Orchester des österreichischen Vorarlberg, die Familie reist 1990 aus.

Wenige Jahre später startet Kirill als “Dirigenten-Wunderknabe” durch: Mit 25 wird er Kapellmeister an der Wiener Volksoper, mit 30 macht er in Meiningen mit seinem “Ring”-Marathon an vier aufeinanderfolgenden Tagen in der Musikwelt von sich reden. Auch in den darauffolgenden Jahren zeigt Petrenko keine Scheu vor einem Repertoire, das manches Mal als sperrig gilt: sei es die “Chowanschtschina” von Modest Mussorgski oder Hans Pfitzners “Palestrina”.

“Habemus Maestro”: Berliner Philharmoniker verkünden am 22.Juni 2015 den Namen des neuen Chefdirigenten

Der Kompromisslose als Kompromiss

Bekanntlich konnten sich die Berliner Philharmoniker, diese in der ganzen Welt einmalige Musikerdemokratie, im Mai 2015 nicht im ersten Wahlgang auf einen neuen Chef einigen. Man vermutete einen Zusammenprall unterschiedlicher Interessengruppen und Vorstellungen über die Zukunft des Orchesters, Namen abgelehnter Kandidaten und Gründe für deren Scheitern wurden kolportiert. Eins wach jedoch klar: dass der kompromisslose Petrenko für die Berliner offensichtlich doch zur Kompromissfigur wurde. Dieses Kompromiss hat sich in den vergangenen Jahren mehrfach bewährt, Orchestermusiker wie Publikum schwärmen vom neuen Chef.

Dass ein Musiker mit russisch-ukrainisch-jüdischen Wurzeln zum Nachfolger nicht nur von Simon Rattle, sondern auch von Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan wird, ist ebenso symbolisch wie historisch gerecht.